Herz voller Gold

Mein Mann überrascht mich zu meinem Geburtstag mit dem Besuch eines Wohnzimmerkonzerts von Purple Schulz. Seit meiner Teenager-Zeit höre ich seine Musik und verbinde schöne Erinnerungen mit seinen Liedern. Ich war (fast zu Tränen) gerührt ob dieser unerwarteten und – ja, doch, auch – romantischen Überraschung. Unser Kind ließen wir in der Obhut seiner Oma und genossen diesen kulinarisch und vor allem musikalisch tollen Abend.

Purple Schulz ist nicht nur ein großartiger Musiker, sondern auch immer an seinem Publikum interessiert. So entwickelte sich zwischen den Liedern stets ein kleiner Dialog zwischen ihm und uns. Ich glaube, ein wenig prüfte er auch unser Fanwissen. Immerhin feiert er heuer sein 35jähriges Jubiläum. So fragte er beispielsweise, welches seiner alten Liebeslieder uns einfallen würde. Ich saß ganz vorn, und noch ehe ich es überdenken konnte, hörte ich mich sagen „Herz voller Gold“. In diesem Lied geht es um eine Sechzehnjährige, die ungewollt schwanger ist und sich auf dem Weg zum Abbruch befindet. Da der Zug jedoch Verspätung hat, bekommt sie Zeit, darüber nachzudenken. Und sie entdeckt, dass das Kind in ihr ein Verbündeter im Leben sein kann. Wenn sie beide Herzen schlagen spürt, fühlt sie ihr Herz voller Gold.
Eindeutig ein Liebeslied, ein Lied über die größte aller Lieben, die Liebe zu seinem Kind. Für mich ist das klar. Purple Schulz hingegen schaut mich irritiert an, neigt den Kopf langsam nach links und dann nach rechts, überlegt, spitzt den Mund und sagt gedehnt „Jaaaaaa, im weitesten Sinne….“, um gleich den Scherz nachzuschieben, dass in einem anderen Konzert ein Mann das Lied „Sehnsucht“ vorschlug, was auch kein klassisches Liebeslied ist, aber immerhin den Satz „Ich will raus.“ enthält, was ja so mancher, der in einer Beziehung steckt, schon mal gedacht hat. Ha, ha.

Ja, so ist das mit meinen Gedanken: Sie drehen sich nur um mein Kind.

Auch nach dem Konzert, als Purple Schulz zu unserem Tisch kam, meine neu gekaufte CD signierte und ein paar Worte mit uns wechselte, erzählte ich von meinem – pardon, unserem (Der Kindsvater saß ja dabei.) – Kind. Ich hätte ihm natürlich auch sagen können, dass ich seine Texte wahnsinnig kreativ und tiefsinnig finde, mich seine Musik immer wieder berührt, ich sein feines Lispeln irre sexy finde. Stattdessen sprach ich von meinem Kind und erzählte die komische Geschichte zu seinem Namen. Purple Schulz hörte geduldig zu, lächelte interessiert und verabschiedete sich zu seinem Feierabend-Bier.

Ich war beseelt nach diesem besonderen Abend, der guten Musik, dem leckeren Essen, der Eintracht zwischen mir und dem Kindsvater. Im Auto auf der Heimfahrt fühlte ich beim Gedanken an mein Kind, das zu Hause auf uns wartet und das ich bald an mich kuscheln würde, mein Herz voller Gold.

Ameisenhaufen

Bei einem Waldspaziergang mit meinem Kind bin ich stets bemüht, es auf die Besonderheiten von Flora und Fauna aufmerksam zu machen. Zum einen möchte ich natürlich meiner pädagogischen Pflicht genüge tun. Zum anderen soll das Kind abgelenkt werden von der Tatsache, dass es gerade mehr als nur 10 Meter zu Fuß laufen muss und nicht bequem im Auto kutschiert wird. Ein Ameisenhaufen bietet in diesem Zusammenhang großes Potential.
Wir, mein Kind und ich, hocken ganz dicht davor und bestaunen das wuselige Treiben. In der Theorie haben wir uns das Ameisenlabyrinth schon angesehen. Wir haben ein spannendes Kinderbuch dazu. Das sehen wir nun „in echt“. Es ist erstaunlich, wie die kleinen Wesen ein um ein vielfach größeres Laubblatt auf den Haufen schleppen und in das Geflecht der anderen Nadeln und Blätter einfädeln. Aufgeregt beobachten und diskutieren wir.
Nur der Hund, den wir dabeihaben und den ich nun an der kurzen Leine halte, damit wir diese nicht quer über den Waldweg spannen und so zur gemeinen Stolperfalle für andere Wanderer umfunktionieren, zappelt unruhig und scheint so gar nicht interessiert an unserem Fund. Das nervt und lenkt mich ab von meinem Naturkundeunterricht. Ich rucke kurz an der Leine, um dem Hund zu signalisieren, dass er einen Moment warten müsse, bis es weiter geht. Doch der Hund lässt sich nicht beeindrucken. Er zappelt weiter, dreht sich im Kreis und verheddert sich in der Leine. Ich rolle mit den Augen und will ihn gerade zur Ordnung rufen, als mir aufgeht, was ihn so irritiert.
Wir stehen ja direkt im Einzugsgebiet der Ameisen. Der Hund gilt ihnen als Eindringling und wird angegangen. Sie krabbeln an seinen Beinen hoch, krauchen in die empfindlichen Zwischenräume seiner Zehen und tuen das, was Ameisen mit Feinden so machen: Pipi. Und Ameisenpipi, das wissen wir alle aus eigener schmerzhafter Erfahrung, brennt. Der Hund versuchte nur, sich zu wehren, was an der kurzen Leine ohne Fluchtmöglichkeit schwer ist. Ich habe Erbarmen und wir verlassen das Minengebiet. Auf dem restlichen Weg nach Hause, muss der arme Hund immer wieder stehen bleiben und sich die Unterseite seiner Pfoten lecken. Das Kind fragt, was der Hund mache. Ich erkläre es, und plötzlich krabbelt es meinem Kind unentwegt an der Wange. Und warum? Weil dort die Ameisen rangepullert haben. Ja, klar.

Doof oder besonders schlau

Ich möchte auf keinen Fall über mein Kind lästern oder gar etwas Schlechtes sagen. Genauso wie ich mir bei seinem ersten Anblick direkt nach der Geburt geschworen habe, es trotz der Ähnlichkeit mit Gollum aus der Ringe-Trilogie zu lieben, so habe ich mir vorgenommen, ihm stets das Gefühl zu geben, es sei klug und schön. Heute muss ich – nur ganz kurz – von diesem Vorsatz abrücken und es in aller Deutlichkeit sagen: Kinder sind manchmal echt so doof.

Der Beweis: Heute früh riss mein Kind die Badtür auf, wo ich gerade mein Gesicht renovierte. Es blieb auf der Schwelle stehen und schaute mich erwartungsvoll an. „Hallo, mein Kind.“ Antwort: „Hallo, Mama.“ Stand und schaute mich weiter an. „Was is´n los?“ Antwort: „Ich hab nix gemacht.“ Alles klar. „Was hast du nicht gemacht?“ Antwort: „Ich hab dem Hund nicht die Haare geschnitten. War von alleine.“  Wie auf´s Stichwort kam der Hund um die Ecke geschlichen, mit eingeklemmtem Schwanz und nervös hechelnd. Auf dem Hinterteil blitzte ein rosafarbener Kreis.

In dem Moment war ich tatsächlich weniger entsetzt über das Loch im Fell des Hundes, als über die Doofheit meines Kindes. Hätte es den Mund gehalten, wäre ich fünf Minuten später aus dem Bad gestürzt, hätte einen entsetzten Blick auf die Uhr geworfen, hektisch Tasche und Kind geschnappt und wäre aus dem Haus Richtung Kita und Arbeit gerannt. Die Haarbüschel wären mir erst am Abend aufgefallen und hätte sie dem fortgeschrittenen Alter des Hundes zugeschrieben. (Gibt es Glatzenbildung bei Hunden? Bis ich das gegoogelt hätte, wäre die Karenzzeit für eine Bestrafung des Kindes abgelaufen.)

Stattdessen beichtet das Kind seinen angestellten Blödsinn freiwillig und vor allem noch vor Entdeckung der Freveltat. Dass ich über die Rasur nicht begeistern sein würde, wusste es von der letzten Aktion, als der Hund unter die Schere kam.

Warum gesteht das Kind also? Ich habe mir zwei Lösungsansätze überlegt. A) Die Methode des Verschleierns und Lügens ist ihm noch nicht (ausreichend) vertraut. B) Es ist einfach nur doof. Beides zeugt von einer Intelligenz, die noch Luft nach oben hat.
Oder ist es Lösung C): Mein Kind weiß, dass ich so schlau bin und auf jeden Fall die Tat entdecken werde. Mein detektivischer Spürsinn wird den Täter entlarven. Es lohnt auch nicht, die Bestrafung hinaus zu zögern; sie kommt ja doch. Also Angriff nach vorn. Sein Vertrauen in meine Liebe ist dabei so groß, dass es wenig von mir zu befürchten hat. (Immerhin waren die Ohren des Hundes noch dran.)
Lösung C) gefällt mir am besten, die nehme ich. Dabei kommen Kind und ich gut weg: Mein Kind ist weise und vorausschauend, ich bin eine schlaue und liebevolle Mutter.

Ein gutes Kind

Urlaub auf dem Bauernhof – mit Kühen! Das war für mich als Kuh-Fan eine Freude. Jeden Tag Kühe gucken, anfassen, fotografieren, riechen, füttern und so weiter und so fort. Es war toll. Dann der Schreck: eine der Mutterkühe hatte ein krankes Euter. Was es war, wusste ich nicht. Wusste der Bauer auch nicht recht. War halt nicht in Ordnung. Drei der vier Zitzen gaben keine Milch, die vierte gab nur ganz wenig und eine der Zitzen war auf ein Zehnfaches angeschwollen. Die Mutterkuh konnte ihr Kalb nicht säugen. „Diese Kuh ist nicht mehr wirtschaftlich und muss weg.“ So lautete die Diagnose des Bauern. Die nächsten zwei Tage schlich ich in den Stall und glotze voller Abscheu und Mitleid auf das kranke Euter. Es war wie bei einem schlimmen Unfall: Man will da gar nicht hinsehen, muss es aber doch tun, und dann ist das Entsetzen groß.

Eines Morgens fuhr ein ziemlich großer Transporter auf den Hof. Mein Kind sah ihn als erstes und brüllte aus dem Fenster „Was machst du da?“ Ich hatte gleich eine schlimme Ahnung, die sich bestätigte, sobald ich den Stall betrat. Da war die kranke Kuh bereits verladen, verkauft und auf dem Weg zum Schlachter. Ein Minusgeschäft für den Bauern, furchtbar für mich. Das Tier als Wertanlage. Nun ja, ich will über dieses Thema an dieser Stelle nicht weiter diskutieren. Für mich war in dem Moment nur klar, dass ich niemals, wirklich nie nie niemals, einen Bauernhof mit Viehwirtschaft wirtschaftlich führen könnte und wollte.

Ich schlich zurück ins Haus. Auf dem Weg die Treppe nach oben in unsere Ferienwohnung traten mir die Tränen in die Augen. Ich war traurig und fühlte einen seltsamen Verlustschmerz, und Wut ob dieser Ungerechtigkeit. In der Wohnung angekommen weinte ich nun deutlich, was meinen Mann zu einem Kopfschütteln veranlasste und der Bemerkung, ich solle mich nicht so anstellen. Ich wollte mich aber anstellen und kurz den Tod der Kuh betrauern und beweinen, wie es einer Mitkreatur zusteht.

Mein Kind krabbelte auf meinen Schoß, nahm meinen Kopf in beide Hände und sagte ernst „Komm mal her Mama, nich weinen. Guck mal: die Kuh geht jetzt zum Arzt, bekommt eine Spritze und kommt dann wieder.“ (Ich hatte ihm vorher erzählt, die kranke Kuh würde zum Arzt gebracht und nicht zum Schlächter.) Jaa, das war guter Trost. Meine Seele labte sich an einer dicken Umarmung und dem stolzen Gefühl, ein wenig in der Erziehung meines Kindes richtig gemacht zu haben. Empathie besaß es und ging mit seinen Mitmenschen liebevoll um. Meinem Mann streckte ich – natürlich hinter dem Rücken des Kindes, von wegen Erziehung – die Zunge raus und meinte, da könne er sich eine Scheibe abschneiden. Er griff sogleich zum Messer und schnitt sich ein Stück von der Rindswurst ab, die noch vom Frühstück auf dem Tisch lag. Ja, die Empathie: mancher hat sie, mancher wird es nie lernen.

Fast gewonnen

Selbst mir als Fußball-Nicht-Interessierte ist die Tatsache, dass der 1. FC Union in diesem Jahr in die erste Bundesliga aufgestiegen ist, nicht unbemerkt geblieben. Es mag daran liegen, dass das Home-Stadion des 1. FC in meiner Nachbarschaft liegt und die Freudenböller nachts um zehn Hund und Kind aus dem Schlaf rissen, oder auch daran, dass mich mein Mann auf die Aufstiegsparty ins Stadion geschleppt hat (Dort mussten wir unbedingt wie viele andere Fans den schönen Fußballrasen zerstören und ein Stück des Jahrhundertgrüns klauen.), oder auch an der stolzen Bitte meines Mannes, einen Gast-Fan-Schal zu stricken, weil er ja nun auf jeden Fall öfter ins Stadion gehen werde und für seine Begleitung die entsprechende Fanausstattung benötige.

Nach der Sommerpause war es dann auch soweit: das erste Spiel des FC Union stand an. Bedauerlicher Weise ist mein Bruder (eigentlich Hertha-Fan) in den Besitz von zwei Eintrittskarten geraten und lud meinen Mann auf einen lustigen Fußballabend ein. Da die Karten allerdings für den Gastblock waren, mussten die beiden auf rot-weiße Fanartikel verzichten. Das fiel meinem Bruder weniger schwer als meinem Mann.

Zusammen zogen die beiden los, natürlich jeder mit einer Flasche Bier in der Hand. Macht Mann so! Es war vereinbart, dass ich meinen Bruder nach dem Spiel nach Hause fahre. Sonntag Abend mit der Bahn – das wollte ich ihm ersparen. Als ich gerade dabei war, mein Kind Richtung Bett zu treiben, klingelte das Telefon. Mein Bruder war dran, aufgeregt, ein wenig lallend. Im Hintergrund Gegröhle. „Setz dich ins Auto und hol uns ab!“ Auf meine Nachfrage warum, bekam ich etwas Genuscheltes zu hören, in dem die Worte „dein Mann“ vorkamen. Das im Zusammenhang mit dem Wissen um die häufigen gewalttätigen Ausschreitungen bei den Spielen des FC Union versetzte mich in Panik. Ich schnappte mir das Kind, das bereits im Schlafanzug war, sprang ins Auto und fuhr los. Ich sollte an einer bestimmten Tankstelle auf die beiden warten.

Dort angekommen, war ich nicht allein. Ein halbes Dutzend andere Frauen warteten dort im Auto mit ihren Kindern. An uns vorbei zog der rot-weiße Fan-Tross und johlte. Wer noch nicht ganz hinüber war, torkelte in die Tanke und holte sich noch ein, zwei, drei Sixpacks. Ich hielt Ausschau nach meinen Männern, während mein Kind Kieselsteine auf den Fußweg warf. Unser Glück: Das Kind war zu klein und ich zu weiblich, um von den verärgerten Unionern verprügelt zu werden.

Endlich wankten zwei mir gut bekannte Gestalten über die Straße und riefen mir lachend zu: „Wir haben fast gewonnen – 0 zu 4.“ Mir stockte der Atem. Wenn die beiden das den ganzen Weg zwischen den vermutlich nicht ganz so amüsierten Fans über diese Niederlage gebrüllt und keine blauen Augen hatten, war sicher eine ganze Armada an Schutzengeln im Einsatz. Ich dachte nur eins: rein ins Auto, Türen zu und Fenster hoch.

Die Umsetzung dieses Plans gestaltete sich etwas schwierig. Mein Mann erklärte mir, er würde nach Hause laufen. Ich sollte ihm doch meinen Haustürschlüssel geben. Seinen hatte ich ihm zu Hause abgenommen, damit er nicht verlustig ginge, falls er ein bis zwei Bier zu viel trinken und die Kontrolle über seinen Besitz verlieren würde. Das hat ja schon mal nicht so gut geklappt.

Mein Bruder brauchte eine Viertelstunde, bis er im Auto saß. Mein Auto hat keine Türen für die Rücksitze. Zwanzigmal griff er ins Leere auf der Suche nach dem Türgriff. Als er endlich erkannte, dass es keinen gab, versuchte er es auf der anderen Seite. Auch keiner. Dann wurde gepöbelt, welch schlechte Ausstattung mein Auto hätte, da könne er nicht mitfahren und wie ich mir denken würde, dass er da rein käme. Ich drückte meinen Sitz nach vorn und bat ihn einzusteigen. Das dauerte wieder einige Minuten und wurde von dauerndem Geblubber begleitet.

Mein Bruder saß im Auto, mein Mann torkelte Richtung Heimat, und wir fuhren endlich los. Ich wollte gerade erleichtert ausatmen, da griff mir mein Bruder von hinten an den Hals, drehte meinen Kopf, erzählte was von Sieg, lachte, kicherte und leckte mir zu allem Überfluss ins Ohr. Meinen Hinweis darauf, dass ich Auto fuhr, und das mit 60 km/h, ignorierte er bzw. veranlasste ihn dazu, nun mein Kind, das auf dem Beifahrersitz saß, zu traktieren. Mit seinen großen Handwerker-Händen drückte und drehte der den kleinen Kopf. Das Kind hatte Spaß, kreischte, warf sich hin und her und mir ins Lenkrad. Ich hatte Angst, es würde kaputt gehen. Ging es aber nicht, dafür der Kindersitz. Das und die Tatsache, dass ich gar nichts mehr sagte, machten meinem Bruder den Ernst der Lage dann doch deutlich und er reduzierte seine Aktivitäten. Nun war es nur noch laut im Auto, aber ich hatte das Lenkrad wieder für mich allein. Als ich ihn zu Hause absetzte, lallte er noch ein „Ich hab euch lieb“ ins Auto und wankte seiner Frau in die Arme. Die schrieb mir zehn Minuten später eine Nachricht, dankte mir fürs Nach-Hause-Bringen des Vaters ihrer Kinder und meldete, dass er bereits im Bett wäre und schliefe.

Als ich in unsere Wohnung zurückkehrte, war mein Mann bereits, wenn auch noch nicht lange, wohl behalten angekommen. Frisch geduscht – immerhin – plünderte er den Kühlschrank und wollte mir Witze erzählen. Ich lehnte dankend ab, bat ihn, im Kinderzimmer zu schlafen und zog mich mit dem Kind in mein Bett zurück. Der Fernseher lief dann noch die ganze Nacht.

Aber am nächsten Morgen war er pünktlich wach, zog ein frisch gebügeltes Hemd über und sah wieder vorzeigbar aus. Auch mein Bruder trat seine Arbeit pünktlich an. (Seine Nachricht, ob bei mir alles ok wäre, bejahte ich nur müde.) Da kann man beiden nichts nachsagen.

Selbständiges Kind

Kinder sollen zur Selbständigkeit erzogen werden. Mein Kind ist 4 ½ Jahre alt und braucht immer noch Hilfe beim Anziehen. In der Kita, wenn niemand hilft, kann es sich anziehen. Nur zu Hause, wo Mama immer Gewehr-bei-Fuß steht, klappt es nicht. Nun ja, häufig mangelt es an Zeit, um hier pädagogisch richtig vorzugehen. Unser Zeitfenster am Morgen ist recht begrenzt und verengt sich bei schlechter Laune des Kindes noch mehr. Also helfe ich beim Anziehen, da ich an die Arbeit muss. Ich kann wohl schlecht meiner Chefin die morgendliche Verspätung von drei Stunden mit meinen missglückten Erziehungsversuchen erklären.

Aber heute hatten wir früh etwas mehr Zeit. Das war meine Chance: Ich legte die Sachen raus und forderte das Kind alle 10 Minuten auf, sich anzuziehen. Die erste Stunde passierte gar nichts. Es kullerte durchs Zimmer, kuschelte mit dem Hund, durchforstete seine Spielsachen und antwortete stets, es könne sich nicht allein anziehen. Irgendwann wurde ich in meiner Aufforderung etwas energischer, erhob sogar die Stimme. Da tat sich plötzlich was im Kinderzimmer. Ich hörte Kindertrappeln, Schranktüren schlagen, angestrengtes Schnaufen, bis mein Kind sich mir mit einem freudigen „Tataaa“ zeigte. Mein lobendes Lächeln gefror mir im Gesicht, meine Augen traten etwas hervor und ich bekam Schnappatmung. Das Kind trug eine kurze Hose und ein Muskelshirt. Nun ja, halb so wild, wäre das Wetter wie in den letzten Wochen immer noch warm und sonnig. Aber für heute wurden kältere Temperaturen und Regen angesagt, weshalb ich dem Kind eine lange Hose und ein langärmeliges Shirt rausgesucht habe. Diese Garnitur legte, ach nein, stopfte es wieder in den Schrank, um sich dann sein Outfit selbst auszuwählen. Da war ich nun als Mama in der Klemme. Mein Kind hat sich selbständig angezogen, aber nicht richtig. Korrigiere oder lobe ich? Akzeptiere ich seine eigene Wahl oder sorge ich dafür, dass es dem Wetter gemäß gekleidet ist? Beginne ich eine Diskussion und oder den Kampf, es gegen seinen Willen umzukleiden? Komme ich pünktlich zur Arbeit oder – trotz der Mehrzeit – wieder zu spät?

Ich ließ es so, packte Hose und Pullover ein, gab in der Kita Bescheid und übersah die hochgezogenen Augenbrauen der Erzieherin. Ich mache mir keine Sorgen, dass mein Kind heute friert. Erstens ist mein Kind keine Frostbeule, und zweites … was uns nicht umbringt, macht uns stärker.

Schmutziges Kind

Ich liebe mein Kind. Ich habe nichts dagegen, wenn es bei mir mit im Bett schläft. Ich mag es, mich anzukuscheln, seine weichen Händchen im Schlaf zu halten. Ich höre auf sein leises Schnarchen und beobachte es beim Träumen, was so furchtbar niedlich aussieht.

Aber gestern war ich froh, dass es in seinem eigenen Bett eingeschlafen und auch dort die ganze Nacht geblieben ist. Es hat den ganzen Tag im Garten gespielt, Papa beim Umgraben geholfen, Holz geschleppt, mit dem Hund getobt. Halt Sachen, die Kinder so machen. Entsprechend sah es aus. Die Füße waren so schwarz, als wäre es barfuß durch eine Kohlegrube gestapft. Die Hände sahen nicht anders aus. Im Gesicht klebten Reste von Eis und Gummibärchen. T-Shirt und kurze Hose werde ich wohl vor dem Waschen gründlich einweichen müssen. Die Windel war auch nicht mehr ganz frisch.

Auf der Fahrt nach Hause schlief es erschöpft und zufrieden im Auto ein… und war nicht mehr wachzukriegen. Ich habe es nur noch in die Wohnung getragen und in sein Bett gelegt. Die Schuhe konnte ich ihm gerade noch ausziehen. Aber mehr war nicht drin: kein Händewaschen, Zähneputzen und vom Baden mal ganz zu schweigen.

Und so muffelte mein Kind seelenruhig in seinem Bettchen vor sich hin. Und Mama hielt Abstand. Bin ich eine Rabenmutter? Ein ganz kleines bisschen schon, jedenfalls nach der schwarzen (Feder-)Farbe meines Rabenkindes zu urteilen.

Gottesdienst der anderen Art

Einen Gottesdienst der anderen Art besuchten wir im Urlaub in Österreich: er war open-air, begleitet von einer Blaskapelle und – katholisch. Für mich als evangelische Christin eine interessante Sache.

Mein Kind begleitete mich und langweilte sich wie alle Kinder. Im Gegensatz zu dem Mädchen, das neben uns ganz still und artig auf dem Schoß der Oma saß, teilte mein Kind seine Gemütsverfassung lautstark mit. Jeder dritte Satz war: „Mir ist weillange!“, was angesichts der Ernsthaftigkeit der Veranstaltung nicht gerade auf Verständnis der Gläubigen stieß. Neugierig und wissbegierig wurde jede Handlung des Pfarrers von ihm mit „Was macht der da?“ kommentiert. (Und das war oft, denn der Pfarrer wedelte mit dem Weihrauch, hob die Hände zum Segen, brach die Hostie, trank vom Wein, reinigte den Weinbecher, trat vor und hinter und wieder vor den Altar.) Meine geflüsterte, möglichst kurze Antwort quittierte es zu meinem Leidwesen und dem aller Anwesenden jedes Mal mit einem lauten „Warum?“.

Oh, Herr im Himmel, lass das Kind für nur 5 Minuten seinen Mund halten. Gott lauschte jedoch gerade dem liturgischen Gesang der Kirchengemeinde – und mein Kind fing an zu trällern. Das macht kind halt so, wenn ihm so furchtbar „weillange“ ist. Alle meine bösen Blicke, „Sch´s“ und Drohungen fruchteten nicht. Erst als mein Kind nach einem Stück der Blaskapelle, in dem Moment, in dem die Gläubigen den verklingenden Tönen der Musik nachlauschen und aus ihrer inneren Andacht zurückkehren, voller Inbrunst „uffda uffda uffda“ rief, sprang ich hektisch auf, riss mein Kind von der Bank und suchte ohne einen Blick zurück das Weite. Wie gesagt, ein Gottesdienst der anderen Art.

Frischer Fisch

Hungrig saßen wir in der See-Alm, einem Restaurant in idyllischer Gegend. In Sichtweite grasten entspannt Rehe auf einer umzäunten Wiese, nebenan plätscherte leise der Forellenteich vor sich hin und im Hintergrund erhoben sich majestätisch die Berge. Wir waren im Urlaub und genossen die kulinarischen Eigenheiten Österreichs. Ich bestellte Kasnocken, die ich bis dahin noch nie gegessen hatte, mein Mann Fisch. Die Getränke wurden schon serviert und so nippten wir an unseren Gläsern und plauderten. Plötzlich riss uns eine Frau aus dem Gespräch, indem sie uns einen Eimer mit Wasser, in dem ein Fisch zappelte, hinhielt und fragte „Forelle?“

Ach herrje, dachte ich, bei uns in Berlin kommen die Inder an den Tisch und verkaufen Rosen, in Österreich werden Fische verkauft. Ich lehnte dankend und gequält lächelnd ab. Mein Mann jedoch rief sofort: „Forelle? Ja, hier!“, und beugte sich begutachtend über den Eimer. Ok, denke ich, kaufen wir Fisch für unser morgiges Abendbrot. Im Geiste ging ich meine Einkaufsliste durch: welches Gemüse passt wohl dazu, verfügt unsere Ferienküche über Öl zum Braten, Salz- oder Bratkartoffeln als Beilage. Ich war noch nicht ganz fertig mit meinen Überlegungen, verschwand die Dame mit der Forelle in der Restaurantküche. Nun war ich komplett verwirrt. Mein Mann dagegen nickte kennerhaft und schob anerkennend die Unterlippe vor. „Der Fisch ist hier echt frisch.“ Jetzt erst begriff ich. Die von ihm bestellte Forelle zum Abendessen wird in diesem Restaurant fangfrisch zubereitet, offenbar gerade von der Mitarbeiterin des Restaurants aus dem Teich geangelt und dem Gast als Beweis des Frischegrades vorgeführt. Seltsame Bräuche. In dem Moment war ich echt froh, dass mein Mann entgegen seines ursprünglichen Planes nicht Rehrücken bestellt hatte.

Mein schönstes Ferienerlebnis

Zwei Wochen Urlaub in Österreichs Bergen mit der Familie – das waren Tage ohne Uhr für die Eltern, nicht-gestresste Eltern für das Kind und tolle Erlebnisse für alle. Auf dem Programm standen ein Ausflug in die salzigen Unterwelten Salzburgs, Fahrten in luftiger Höhe mit der Seilbahn, traditionelle Blasmusik inklusive Segnung des neuen Feuerwehrwagens mit Weihwasser und Weihrauch durch den örtlichen Pfarrer, eine kurze aber stufige Wanderung durch eine Klamm, der Besuch von Ritterburgen mit quietschenden Ritterrüstungen in der Ausstellung und natürlich immer wieder die Berge. Kulinarisch testeten wir österreichische Spezialitäten von Pongauer Kasnocken über Tiroler Leber bis hin zum Kaiserschmarrn. Der Bauernhof, auf dem wir uns einquartierten, bot, was sich gehörte: Kühe plus Kälbchen, Hühner, Ziege, Esel, Pony, Enten, Hund und Katze plus Katzenjunge sowie Traktor und diverse Anhänger. Das war natürlich vor allem für das Kind ein Abenteuerspielplatz.

Wieder zu Hause fragte ich mein Kind in ruhiger Minute nach seinem schönsten Erlebnis im Urlaub. Nach kurzer Überlegung folgte die Antwort: Toastbrot! (Übersetzung: Das Toasten von Toastbrot mit dem Toaster. Erklärung: Im Gegensatz zu unserer eigenen Küche verfügte die im Urlaub über einen Toaster. Der größte Spaß meines Kindes bestand darin, Toastscheiben in den Toaster zu schieben, den Regler runterzudrücken, um dann auf den überraschenden Moment zu warten, wenn die Brotschreibe wider Erwarten von allein rausspringt und zur größten Freude mal nicht verbrannt war, weil ausnahmsweise „niemand“ am Regler rumspielte und die Toastzeit auf 6 Minuten erhöhte.) Ein wenig pikiert frage ich, ob ihm noch etwas anderes einfallen würde. Ja, tat es: Fernsehen.

Na toll, 10 Stunden Autofahrt und mehrere Hundert Euro für Toastbrot und Fernsehen. Das ginge zu Hause weniger anstrengend und preiswerter. Als Eltern waren wir so bemüht, unserem Kind gleich mehrere schönste Ferienerlebnisse zu bescheren, haben weder Mühen noch Kosten gescheut. Und das ist das Ergebnis? Damit wollte ich mich nicht abfinden. Ich fragte weiter und bekam doch noch eine zufriedenstellende Antwort: Ali (der Hund auf dem Bauernhof) und Katzen. Na immerhin, etwas Schönes ist in seiner Erinnerung hängen geblieben. Wir üben schon für den obligatorischen Schulaufsatz, mit dem sich jedes Schulkind quälen darf: „Mein schönstes Ferienerlebnis“.