Selbständiges Kind

Kinder sollen zur Selbständigkeit erzogen werden. Mein Kind ist 4 ½ Jahre alt und braucht immer noch Hilfe beim Anziehen. In der Kita, wenn niemand hilft, kann es sich anziehen. Nur zu Hause, wo Mama immer Gewehr-bei-Fuß steht, klappt es nicht. Nun ja, häufig mangelt es an Zeit, um hier pädagogisch richtig vorzugehen. Unser Zeitfenster am Morgen ist recht begrenzt und verengt sich bei schlechter Laune des Kindes noch mehr. Also helfe ich beim Anziehen, da ich an die Arbeit muss. Ich kann wohl schlecht meiner Chefin die morgendliche Verspätung von drei Stunden mit meinen missglückten Erziehungsversuchen erklären.

Aber heute hatten wir früh etwas mehr Zeit. Das war meine Chance: Ich legte die Sachen raus und forderte das Kind alle 10 Minuten auf, sich anzuziehen. Die erste Stunde passierte gar nichts. Es kullerte durchs Zimmer, kuschelte mit dem Hund, durchforstete seine Spielsachen und antwortete stets, es könne sich nicht allein anziehen. Irgendwann wurde ich in meiner Aufforderung etwas energischer, erhob sogar die Stimme. Da tat sich plötzlich was im Kinderzimmer. Ich hörte Kindertrappeln, Schranktüren schlagen, angestrengtes Schnaufen, bis mein Kind sich mir mit einem freudigen „Tataaa“ zeigte. Mein lobendes Lächeln gefror mir im Gesicht, meine Augen traten etwas hervor und ich bekam Schnappatmung. Das Kind trug eine kurze Hose und ein Muskelshirt. Nun ja, halb so wild, wäre das Wetter wie in den letzten Wochen immer noch warm und sonnig. Aber für heute wurden kältere Temperaturen und Regen angesagt, weshalb ich dem Kind eine lange Hose und ein langärmeliges Shirt rausgesucht habe. Diese Garnitur legte, ach nein, stopfte es wieder in den Schrank, um sich dann sein Outfit selbst auszuwählen. Da war ich nun als Mama in der Klemme. Mein Kind hat sich selbständig angezogen, aber nicht richtig. Korrigiere oder lobe ich? Akzeptiere ich seine eigene Wahl oder sorge ich dafür, dass es dem Wetter gemäß gekleidet ist? Beginne ich eine Diskussion und oder den Kampf, es gegen seinen Willen umzukleiden? Komme ich pünktlich zur Arbeit oder – trotz der Mehrzeit – wieder zu spät?

Ich ließ es so, packte Hose und Pullover ein, gab in der Kita Bescheid und übersah die hochgezogenen Augenbrauen der Erzieherin. Ich mache mir keine Sorgen, dass mein Kind heute friert. Erstens ist mein Kind keine Frostbeule, und zweites … was uns nicht umbringt, macht uns stärker.

Schmutziges Kind

Ich liebe mein Kind. Ich habe nichts dagegen, wenn es bei mir mit im Bett schläft. Ich mag es, mich anzukuscheln, seine weichen Händchen im Schlaf zu halten. Ich höre auf sein leises Schnarchen und beobachte es beim Träumen, was so furchtbar niedlich aussieht.

Aber gestern war ich froh, dass es in seinem eigenen Bett eingeschlafen und auch dort die ganze Nacht geblieben ist. Es hat den ganzen Tag im Garten gespielt, Papa beim Umgraben geholfen, Holz geschleppt, mit dem Hund getobt. Halt Sachen, die Kinder so machen. Entsprechend sah es aus. Die Füße waren so schwarz, als wäre es barfuß durch eine Kohlegrube gestapft. Die Hände sahen nicht anders aus. Im Gesicht klebten Reste von Eis und Gummibärchen. T-Shirt und kurze Hose werde ich wohl vor dem Waschen gründlich einweichen müssen. Die Windel war auch nicht mehr ganz frisch.

Auf der Fahrt nach Hause schlief es erschöpft und zufrieden im Auto ein… und war nicht mehr wachzukriegen. Ich habe es nur noch in die Wohnung getragen und in sein Bett gelegt. Die Schuhe konnte ich ihm gerade noch ausziehen. Aber mehr war nicht drin: kein Händewaschen, Zähneputzen und vom Baden mal ganz zu schweigen.

Und so muffelte mein Kind seelenruhig in seinem Bettchen vor sich hin. Und Mama hielt Abstand. Bin ich eine Rabenmutter? Ein ganz kleines bisschen schon, jedenfalls nach der schwarzen (Feder-)Farbe meines Rabenkindes zu urteilen.

Gottesdienst der anderen Art

Einen Gottesdienst der anderen Art besuchten wir im Urlaub in Österreich: er war open-air, begleitet von einer Blaskapelle und – katholisch. Für mich als evangelische Christin eine interessante Sache.

Mein Kind begleitete mich und langweilte sich wie alle Kinder. Im Gegensatz zu dem Mädchen, das neben uns ganz still und artig auf dem Schoß der Oma saß, teilte mein Kind seine Gemütsverfassung lautstark mit. Jeder dritte Satz war: „Mir ist weillange!“, was angesichts der Ernsthaftigkeit der Veranstaltung nicht gerade auf Verständnis der Gläubigen stieß. Neugierig und wissbegierig wurde jede Handlung des Pfarrers von ihm mit „Was macht der da?“ kommentiert. (Und das war oft, denn der Pfarrer wedelte mit dem Weihrauch, hob die Hände zum Segen, brach die Hostie, trank vom Wein, reinigte den Weinbecher, trat vor und hinter und wieder vor den Altar.) Meine geflüsterte, möglichst kurze Antwort quittierte es zu meinem Leidwesen und dem aller Anwesenden jedes Mal mit einem lauten „Warum?“.

Oh, Herr im Himmel, lass das Kind für nur 5 Minuten seinen Mund halten. Gott lauschte jedoch gerade dem liturgischen Gesang der Kirchengemeinde – und mein Kind fing an zu trällern. Das macht kind halt so, wenn ihm so furchtbar „weillange“ ist. Alle meine bösen Blicke, „Sch´s“ und Drohungen fruchteten nicht. Erst als mein Kind nach einem Stück der Blaskapelle, in dem Moment, in dem die Gläubigen den verklingenden Tönen der Musik nachlauschen und aus ihrer inneren Andacht zurückkehren, voller Inbrunst „uffda uffda uffda“ rief, sprang ich hektisch auf, riss mein Kind von der Bank und suchte ohne einen Blick zurück das Weite. Wie gesagt, ein Gottesdienst der anderen Art.

Frischer Fisch

Hungrig saßen wir in der See-Alm, einem Restaurant in idyllischer Gegend. In Sichtweite grasten entspannt Rehe auf einer umzäunten Wiese, nebenan plätscherte leise der Forellenteich vor sich hin und im Hintergrund erhoben sich majestätisch die Berge. Wir waren im Urlaub und genossen die kulinarischen Eigenheiten Österreichs. Ich bestellte Kasnocken, die ich bis dahin noch nie gegessen hatte, mein Mann Fisch. Die Getränke wurden schon serviert und so nippten wir an unseren Gläsern und plauderten. Plötzlich riss uns eine Frau aus dem Gespräch, indem sie uns einen Eimer mit Wasser, in dem ein Fisch zappelte, hinhielt und fragte „Forelle?“

Ach herrje, dachte ich, bei uns in Berlin kommen die Inder an den Tisch und verkaufen Rosen, in Österreich werden Fische verkauft. Ich lehnte dankend und gequält lächelnd ab. Mein Mann jedoch rief sofort: „Forelle? Ja, hier!“, und beugte sich begutachtend über den Eimer. Ok, denke ich, kaufen wir Fisch für unser morgiges Abendbrot. Im Geiste ging ich meine Einkaufsliste durch: welches Gemüse passt wohl dazu, verfügt unsere Ferienküche über Öl zum Braten, Salz- oder Bratkartoffeln als Beilage. Ich war noch nicht ganz fertig mit meinen Überlegungen, verschwand die Dame mit der Forelle in der Restaurantküche. Nun war ich komplett verwirrt. Mein Mann dagegen nickte kennerhaft und schob anerkennend die Unterlippe vor. „Der Fisch ist hier echt frisch.“ Jetzt erst begriff ich. Die von ihm bestellte Forelle zum Abendessen wird in diesem Restaurant fangfrisch zubereitet, offenbar gerade von der Mitarbeiterin des Restaurants aus dem Teich geangelt und dem Gast als Beweis des Frischegrades vorgeführt. Seltsame Bräuche. In dem Moment war ich echt froh, dass mein Mann entgegen seines ursprünglichen Planes nicht Rehrücken bestellt hatte.

Mein schönstes Ferienerlebnis

Zwei Wochen Urlaub in Österreichs Bergen mit der Familie – das waren Tage ohne Uhr für die Eltern, nicht-gestresste Eltern für das Kind und tolle Erlebnisse für alle. Auf dem Programm standen ein Ausflug in die salzigen Unterwelten Salzburgs, Fahrten in luftiger Höhe mit der Seilbahn, traditionelle Blasmusik inklusive Segnung des neuen Feuerwehrwagens mit Weihwasser und Weihrauch durch den örtlichen Pfarrer, eine kurze aber stufige Wanderung durch eine Klamm, der Besuch von Ritterburgen mit quietschenden Ritterrüstungen in der Ausstellung und natürlich immer wieder die Berge. Kulinarisch testeten wir österreichische Spezialitäten von Pongauer Kasnocken über Tiroler Leber bis hin zum Kaiserschmarrn. Der Bauernhof, auf dem wir uns einquartierten, bot, was sich gehörte: Kühe plus Kälbchen, Hühner, Ziege, Esel, Pony, Enten, Hund und Katze plus Katzenjunge sowie Traktor und diverse Anhänger. Das war natürlich vor allem für das Kind ein Abenteuerspielplatz.

Wieder zu Hause fragte ich mein Kind in ruhiger Minute nach seinem schönsten Erlebnis im Urlaub. Nach kurzer Überlegung folgte die Antwort: Toastbrot! (Übersetzung: Das Toasten von Toastbrot mit dem Toaster. Erklärung: Im Gegensatz zu unserer eigenen Küche verfügte die im Urlaub über einen Toaster. Der größte Spaß meines Kindes bestand darin, Toastscheiben in den Toaster zu schieben, den Regler runterzudrücken, um dann auf den überraschenden Moment zu warten, wenn die Brotschreibe wider Erwarten von allein rausspringt und zur größten Freude mal nicht verbrannt war, weil ausnahmsweise „niemand“ am Regler rumspielte und die Toastzeit auf 6 Minuten erhöhte.) Ein wenig pikiert frage ich, ob ihm noch etwas anderes einfallen würde. Ja, tat es: Fernsehen.

Na toll, 10 Stunden Autofahrt und mehrere Hundert Euro für Toastbrot und Fernsehen. Das ginge zu Hause weniger anstrengend und preiswerter. Als Eltern waren wir so bemüht, unserem Kind gleich mehrere schönste Ferienerlebnisse zu bescheren, haben weder Mühen noch Kosten gescheut. Und das ist das Ergebnis? Damit wollte ich mich nicht abfinden. Ich fragte weiter und bekam doch noch eine zufriedenstellende Antwort: Ali (der Hund auf dem Bauernhof) und Katzen. Na immerhin, etwas Schönes ist in seiner Erinnerung hängen geblieben. Wir üben schon für den obligatorischen Schulaufsatz, mit dem sich jedes Schulkind quälen darf: „Mein schönstes Ferienerlebnis“.

Weihnachtsmusik im Sommer?

Ein Schweißtropfen läuft mir den Rücken runter. Konzentriert verfolge ich ihn in Gedanken und warte, bis er in der Poritze verschwindet. Meine Atmung halte ich ganz flach. Nur wenn es unbedingt sein muss, atme ich. Ich schwitze an Körperstellen, von denen ich nicht einmal ahnte, dass dort Schweißdrüsen sitzen: am Schienbein, auf den Augenlidern und auf dem Handrücken. Ich bin fasziniert und gleichzeitig furchtbar genervt. Seit Tagen herrschen 35 Grad Celsius. Es ist Sommer. Ich komme mit dem Trinken gar nicht so schnell hinterher, wie mein Körper Flüssigkeit ausdampft.

Aber im Nebenzimmer ertönt fröhlich und laut Rolf Zuckowskis „Weihnachtsbäckerei“ und ein seliges „Stern von Bethlehem“. Mein Kind hat in seiner nicht ganz so kleinen CD-Sammlung die Weihnachts-CD entdeckt und spielt sie nun täglich rauf und runter. Es hätte auch die CD von Findus und Petterson greifen können oder den Traumzauberbaum von Reinhard Lakomy oder meinetwegen die mit den traditionellen Kinderliedern. Nein, es musste die mit den Weihnachtsliedern sein.
Mir ist klar, dass mein Kind noch wenig bis keine Vorstellung von Zeit hat: Gestern und heute sind oft dasselbe, bald und gleich ist auch schwer auseinander zu halten. Aber dass Weihnachten im Winter gefeiert wird, wenn es kalt ist, ganz im Gegensatz zu den derzeitigen Temperaturen, müsste ihm doch klar sein, oder?

Vielleicht ist es das und ihm einfach nur wurscht. Die Musik klingt schön, egal, ob sie jahreszeitlich passt oder nicht. Nur wir Erwachsenen kämen nie auf die Idee, Weihnachtslieder im Sommer zu hören. Warum eigentlich? Der Text von der „Weihnachtsbäckerei“ ist lustig: Rezept weg, Hände VOR dem Teigkneten schmutzig („Du Schwein“) und die Plätzchen verbrannt. Da hat der Rolf richtig was drauf. Musik ist unabhängig vom Klima. Also lass ich mein Kind seine Weihnachtsmusik hören, erfreue mich an seinen Mit-Sing-Versuchen und verspreche dem Kindsvater, den CD-Player auf jeden Fall NICHT mit in den Sommerurlaub zu nehmen.

Das Tom Sawyer-Prinzip

Am dritten Juniwochenende fand wie jedes Jahr die Brandenburger Landpartie statt. Bauernhöfe in Brandenburg öffnen ihre Pforten für Besuchende und zeigen ihre Arbeit. Auf vielen Höfen finden sich Mitmach-Aktionen für Groß und Klein.

Ich bin Traktor gefahren, einen richtigen echten großen Traktor. Irre. Schon das Einsteigen war eine Herausforderung, wenn man wie ich knackende Knie hat und Absatzschühchen trägt. Meine Mühe wurde belohnt mit einem super gefederten Sitz hoch über den Köpfen drum herum stehender Menschen. Startknopf drücken, Gang rein und los ging´s. Wie ein Traktor gelenkt werden muss, beobachtete ich schon oft bei Busfahrern. Will man eine Kurve nach rechts nehmen, muss man erstmal nach links lenken. Verwirrende Ansage vom Bauern, der sicherheitshalber mitfuhr. (Ich habe eine Rechts-Links-Schwäche!) Die Aufgabe bestand darin, einmal im Kreis zu fahren über die Wiese mit kniehohem Gras, das gemäht wurde. Heumachen für die Tiere. Der Traktor zog eine entsprechende Gras-Abmäh-Vorrichtung hinter sich her. Das war ein Spaß. Ich jauchzte und kicherte und freute mich über meine tolle Fahrleistung. Am Ende der Runde war ein Streifen Gras abgemäht, und es warteten schon die Nächsten für eine weitere Fahrt.

Als ich die Situation so beobachtete, fühlte ich mich ein wenig wie die von Tom Sawyer verkackeierten Kinder. Als Strafe für eine Prügelei wurde er von Tante Polly zum Zaunstreichen verdonnert. Eine Arbeit, auf die er so gar keine Lust hatte. Als dann die anderen Kinder vorbeikamen und ihn auslachten, ersann er eine List. Er tat ganz wichtig. Dies sei eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe, die nicht jeder verrichten könne. Nur scheinbar widerwillig lies er sich von den Kindern überreden, den Pinsel abzugeben und sie das Streichen probieren zu lassen. Die Schlange der Anwärter wurde immer länger, und so wurde der Zaun komplett von den Kindern gestrichen, während Tom Sawyer in der Sonne lag und Anweisungen gab.

Der Bauer hat es nach dem Tom Sawyer-Prinzip gemacht: Gras für die Landpartie stehen lassen und die Aufgabe den Städtern überlassen, die noch nie Traktor gefahren sind und sich darum reißen zu mähen.

Ich wäre gern noch eine zweite Runde gefahren und war am Ende doch froh, dass ich mein Geld mit einem relativ ruhigen Bürojob verdiene. Land- und Viehwirtschaft sind ein hartes Geschäft.

8. Mai

An diesem Tag vor nunmehr 74 Jahren kapitulierte Nazi-Deutschland offiziell und unterschrieb die Kapitulationsurkunde. Anlässlich des Jahrestages veranstaltet das Deutsch-Russische Museum in Karlshorst jährlich ein Fest mit Musik, Filmvorführungen, russischer Kulinarik, freiem Eintritt in das Museum und einem Gläschen Sekt kurz vor Mitternacht im Kapitulationssaal. Dort nämlich besiegelten die Alliierten das Ende des Nationalsozialismus.
Wichtiger Bestandteil dieses Festes sind stets die Delegationen aus Russland: Vertreter diverser Vereine, Offizielle aus Politik und Militär, Künstler. Ganz vorn die Veteran*innen. Als Zeitzeugen des Krieges tragen sie ihre alte Uniform und voller Stolz die Abzeichen und Orden, die ihnen für ihre Verdienste im „Großen Vaterländischen Krieg“ verliehen wurden. Auf jeder stolz geschwellten Brust glitzert und glimmert es, einem lamettageschmückten Weihnachtsbaum gleich.
Ich amüsiere mich jedes Mal über diesen absurden Anblick, das Pathos der ehemaligen Soldat*innen und das Hofieren durch das Museumspersonal, auch wenn ich um die herausragende Stellung der alten Kriegsteilnehmer*innen in Russland weiß. Nach meinem, wenn auch nur kurzen, Rundgang durch die Ausstellung ist mir nicht mehr so lustig zumute. Ich sehe verkohlte Menschen, schreiende Kinder, verhungerte Körper, durchschossene Köpfe, Folter und Tod. Und plötzlich verstehe ich den Stolz in den Gesichtern der Veteran*innen. Sie sind stolz, weil sie all diese Greuel überlebt haben, weil sie mutig gekämpft haben, weil sie den deutschen Faschismus und den Krieg beendet haben. Ihre Uniform und ihre Orden sind Zeichen dafür. Die tragen sie mit aufrechtem Stolz und haben aufrechten Respekt verdient. Ich schaue mir diese Menschen noch einmal an und sehe keine komischen Kauze mehr, sondern traumatische Erlebnisse, böse Erinnerungen, den Verlust geliebter Menschen, Alpträume bis heute, gesundheitliche Folgen, verletzte Würde. Ihnen ein paar Stunden Dankbarkeit und herzlicher Gesellschaft entgegen zu bringen, sind wir ihnen schuldig.

Leider habe ich in diesem Jahr keine Veteran*innen gesehen. Bei meinem letzten Besuch vor 10 Jahren waren sie noch da. 10 Jahre, das ist eine lange Zeit. Unsere Zeitzeugen sterben. Ich werde sie vermissen. Und um es mit Loriots Worten zu sagen: „Früher war mehr Lametta.“

Brunschweigers Manifest: Kinderfrei statt kinderlos

Es ärgert mich, dass ich das hier schreibe. Erstens will ich nicht als X-te*r meinen – mehr oder weniger – sinnvollen Senf dazu geben. Zweitens ändert mein Kommentar nichts daran, dass Frau Brunschweiger weiterhin solche Dinge von sich gibt. Und Drittens hat diese Frau damit ihr Ziel erreicht: Ihr Buch wird gelesen und ihre Aussage diskutiert.

Trotzdem tippe ich ärgerlich ein paar Zeilen dazu in meinen Computer: Das Dilemma, dass man*frau sich nicht-der-Norm-gemäß fühlt, verstehe ich nur zu gut. Geht es uns doch allen in Abständen so. Ob wir nun entscheiden, halbtags zu arbeiten wegen der Mehr-Freizeit und damit auf Karriere und ein höheres Gehalt verzichten, oder ob Frau auch als gewollter Single glücklich sein kann, oder aber ob wir uns bewusst gegen ein Leben mit Kindern entscheiden, immer wird es Leute geben, die uns verständnislos anschauen. Wenn man*frau dann auch noch in eine Rechtfertigungsrolle gedrängt wird, ist das mehr als ärgerlich. Da bin ich ganz auf Frau Brunschweigers Seite.

Ich kann auch sehr gut ihre Langeweile nachvollziehen, wenn sie sich über Tischgespräche beschwert, in denen es nur und ausschließlich um Kinder geht. (Das ist, sehr geehrte Frau Brunschweiger, auch für Menschen mit eigenen Kindern auf die Dauer anstrengend. Auch für Eltern gibt es hin und wieder andere Themen als die lieben Kleinen. Glauben Sie mir.) Es ist wenig amüsant, von einem Gespräch ausgeschlossen zu sein, weil man*frau nicht mitreden kann. Da kann es dann schon mal vorkommen, dass sich die gefühlten Außenseiter zu einer abstrusen Aussage hinreißen lassen. Im Kindergarten läuft das so ab: Kevin, Celina, Marie und Mark haben an Ostern alle ein Fahrrad geschenkt bekommen. Nur Jonas nicht. Die vier mit Fahrrad berichten sich aufgeregt gegenseitig von der Großartigkeit des neuen fahrbaren Untersatzes, von der Farbe und wie schnell sie damit fahren könnten. Jonas steht traurig abseits. Er kann nicht mitreden, weil er kein Fahrrad hat. Nun springt er in die Gruppe und ruft laut: Na und, ich hab zwar kein Fahrrad, aber dafür seid ihr alle blöd!

Mir offenbaren sich hier eindeutig Parallelen zur Reaktion von Frau Brunschweiger. Sie selbst möchte keine eigenen Kinder. Weil sie sich ausgegrenzt fühlt, schlägt sie verbal auf alle, die sich für eigene Kinder entschieden haben, ein: Die Frauen hätten das gar nicht echt gewollt, sondern sich – mal wieder – nur der Knechtschaft der Männer unterworfen und damit dem Fortschritt der Emanzipation enorm geschadet. Eltern wären im Grundsatz gar nicht liebevoll zu ihren Kindern, sondern bösartig, und das bereits mit der Zeugung. Denn wer ein Kind in diese Welt mit all ihren Problemen schickt, kann es nicht gut meinen. Und um dem ganzen noch einen aktuellen und den größtmöglichen Hut aufzusetzen, schaden Menschen, die Kinder in die Welt setzen, dem Klima, dem zur Zeit essentiellsten Erdenproblem. Drunter macht es eine Frau Brunschweiger nicht. Sie erblödet sich auch nicht, einem Kind einen CO2-Wert zuzuschreiben, als handele es sich dabei um ein Auto.

Arme Frau Brunschweiger, offenbar fehlt Ihnen in Ihrem Leben Aufmerksamkeit und Liebe. Ich habe einen Tipp für Sie: Schaffen Sie sich ein Kind an. Beides ist Ihnen dann garantiert – täglich, stündlich, ja sogar minütlich.

Gute Teiche, schlechte Teiche

Mein Kind hat das vierte Lebensjahr vollendet und damit nun offiziell ein Problem: Es trägt immer noch Windeln. Sämtliche Strategien, das Kind an einen geregelten Toilettengang zu gewöhnen, sind gescheitert. Ich habe höflich gebeten, flehend geweint, mit Belohnung gelockt, böse gedroht.

Als letzten Ausweg sah ich als verantwortungsvolle und besorgte Mutter nur noch den Gang zum Facharzt, einer Kinderpsychologin. Nach einer Stunde Beschäftigung mit meinem Kind stellte diese fest, dass es die entwicklungsbedingte Reife noch nicht mitbringt für ein Leben mit WC. Wusste ich schon, hab ich nun aber auch schwarz auf weiß.
Ich muss bei der Mitteilung der Diagnose offenbar recht betröppelt drein geschaut haben. Die Psychologin fühlte sich nämlich gleich genötigt, mir tröstende Worte zu spenden. Für die verzögerte Entwicklung des Kindes könne ich nichts. Das wäre einfach nur Pech. Sie würde da als Erklärung gern das Bild mit dem Storch heranholen. „Der Storch, der die Kinder bringt, holt diese entweder aus einem schlechten Teich oder aus einem guten. Ihr Kind kommt eben aus einem schlechten.“

Hä? Höre ich richtig? Sofort entsteht vor meinem inneren Auge das Bild eines verzweifelten Storches, der vor zwei Teichen steht und sich entscheiden muss, aus welchem er das nächste Kind zieht. Wonach soll er das entscheiden? Immer abwechselnd oder jedes vierte Kind aus dem schlechten oder nach Alter der Eltern oder „eene meene muh“? Schweiß tritt ihm auf die Stirn, die Zeit drängt. Ob die nächsten Eltern Pech oder Glück haben werden, liegt in seinem Schnabel. Nee, nee, nee. So ist das nicht. Ich verließ die Praxis wie betäubt. Dabei hätte ich ihr gern einiges gesagt.
1. Kinder sind kein Pech, sondern Gottesgeschenke. Und Gottes Geschenke sind nicht schlecht.
2. Kinder werden nicht schlecht geboren. Sie werden verdorben durch schlechte Eltern, schlechten Umgang oder schlechte Ärzte.
Und 3. Sie sind doof.