mfg Teil 2: voll und heiß

Die Erfahrung meines ersten mfg-Erlebnisses, dass die Fahrer ihr Auto mit Mitfahrenden vollstopfen ohne Rücksicht auf Verluste, machte ich noch sehr viel öfter. Sehr eindrücklich blieb mir eine Fahrt im Hochsommer im Gedächtnis. Es herrschten gefühlte 40 Grad Celsius, die sich im geschlossenen Auto (Schon mal das Autofenster auf der Autobahn bei 150 km/h geöffnet?) und vor allem ohne Klimaanlage schnell verdoppeln. Der Fahrer ging mit seiner Freundin auf Reisen, die kostenfrei und selbstverständlich auf dem Beifahrersitz Platz nahm. Da offenbar oberstes Ziel war, die Benzinkosten zu decken, mussten drei Zahlende eingeladen werden. Mir und den zwei weiteren männlichen Mitfahrern blieb somit die Rückbank. Die beiden Männer waren, zu meinem Entsetzen, nicht klein, im Gegensatz zum Auto, einem Kleinwagen. Mir schwante nichts Gutes. Die Frage, wer von uns dreien auf der Rückbank wohl in der Mitte sitzt, war rhetorischer Art. Selbst auch nicht gerade von zierlicher Figur wurde MIR sofort dieser Platz zugewiesen. Toll! Auf dieser Fahrt hatte ich meinen Hund dabei, von der Körpergröße Gott-sei-Dank eher einer Handtasche ähnlich, dennoch groß genug für ein Platzproblem. Nochmal toll! Als ich gerade noch in Gedanken durchspielte, an welcher Stelle im hinteren Bereich des Wagens der Hund am besten verstaut ist, bot mir die schlaue Freundin an, ihn zu sich nach vorn in den Fußraum zu nehmen. Das war keine gute Idee. Das wusste ich, und fand beim Blick in die weit aufgerissenen Augen meines Hundes sogleich Bestätigung. Zum einen dröhnt der Motor dort besonders laut, was zusammen mit der donnernden Rockmusik aus den Musikboxen unten in der Beifahrertür die reine Folter für die empfindlichen Ohren des Tieres ist. Zum anderen mag es mein geliebtes Hündchen gar nicht, außer Frauchens Reichweite bei Fremden zu sitzen. Aber in Anbetracht des Mangels an Platz und realistischer Alternativen stimmte ich diesem Vorschlag kleinlaut zu. Also der Hund vorn, ich hinten zwischen zwei kräftigen Männern. Von 100 Prozent Rückbank standen mir 15 Prozent zu. Immerhin. Meine sommerlich nackten Arme klebten an den schweißnassen meiner Nachbarn. Rechts von mir wurde geschwitzt auf Teufel-komm-raus. Schweiß rann über Schläfen und Wangen, um dann auf meine Arme zu tropfen, die ich aufgrund der Enge nicht einmal wegziehen konnte. Das zu Hilfe genommene Taschentuch meines Nachbarn hatte die Grenzen seiner Aufnahmekapazität längst erreicht, so dass der gute Mann das Wasser von der Stirn lediglich hinter die Ohren schwemmte. Nichtsdestotrotz wischte und tupfte er fleißig weiter. Links von mir saß ein starker Raucher. Die letzte Zigarette schmiss er gerade noch hinter sich, als er sich bereits mit der oberen Körperhälfte ins Auto geschoben hatte. Da er der irrigen Annahme unterlag, uns Insassen unterhalten zu müssen, umwehte mich ständig ein Hauch von Aschenbecher. Nicht nur meine Nase war irritiert, auch mein Magen rebellierte. Bevor beide Organe den Dienst versagten, blieb mir nur, mich bis zum Ende der Fahrt ins Koma zu versetzen. Das gelang mir anfangs ganz gut. Augen zu, flach atmen und an das Begrüßungsglas Prosecco denken. Leider verfügte mein Hund nicht über die Fähigkeit der Selbstsuggestion. Und so jaulte er in regelmäßigen Abständen, bellte halbherzig, aber bestimmt und versuchte, über die Knie der Fremden nach hinten zu Frauchen zu klettern. Das stieß nicht gerade auf Begeisterung im Auto und verlangte dringend nach Korrektur des Hunde-Fehlverhaltens. Die schlaue Freundin brüllte das arme Tier also jedes Mal streng zur Ordnung und vergaß nicht, dabei kräftig mit erhobenem Zeigefinger zu fuchteln. Offenbar eine Hundekennerin. Mein Hundemamaherz setzte ein-, zweimal kurz aus. Mehr allerdings blieb mir nicht zu tun. Es gibt eben Momente, da muss man, um zu überleben, alles ausblenden und sich nur aufs Atmen konzentrieren. Vor lauter Konzentration und Atmen schlief ich irgendwann tatsächlich ein. Die Hitze und das sanfte Hin-und-Her-Wiegen im Auto taten sicher ihr Übriges. Am Ziel angekommen, gar gekocht im eigenen Saft, kniete ich nieder und küsste erst den Parkplatzboden und dann meinen Hund. Anschließend hechelte ich mit letzter Kraft dem Fahrer ein schwaches „Danke“ durchs Autofenster zu und fieberte meinem kalten Prosecco entdecken. 

Kofferversteigerung

kofferWas schenkt frau ihrem Mann, der  bereits einen selbstgestrickten Pullover nicht anzieht, schon einmal Freude spielen musste über ein mit Liebe gereimtes Gedicht und für sein Hobby, die Fotografie, spezielle und teure Objektive lieber selbst aussucht? Genau: eine Kofferversteigerung. Das Überraschungsei für den erwachsenen Mann.
Von Fluggästen vergessene oder als verschollen geglaubte Koffer werden nach entsprechender Wartezeit auf einer Auktion an den Meistbietenden versteigert. Interessierte inspizieren vorher die angebotene Ware, ohne allerdings einen Blick in die Koffer hinein werfen zu dürfen. Es zählt der äußere Eindruck. Vor allem aber das richtige Näschen. Denn mit etwas Glück befindet sich im Koffer Wertvolles: Eine Jacke von Armani, das neueste Smartphone (natürlich mit Ladekabel und auf der Rückseite notierter PIN) oder wenigstens ein sexy Nachthemdchen, mit dem immerhin noch die Freundin beschenkt werden kann. Es können aber auch dreckige Unterhosen, schief gelaufene Slipper mit Käsegestank und ein angebissener Schokoriegel, inzwischen ranzig und nicht mehr genießbar, auf ihren neuen Besitzer warten. Also ein Glücksspiel für Arme: der Einsatz ist nicht ganz so hoch und man muss sich nicht in teure Abendgarderobe schmeißen.
Gedacht – getan. Letzte Woche lotste ich meinen Geliebten zu einer Kofferversteigerung von Air Berlin. Gewissenhaft betastete er die angebotenen Koffer, hob, wog, roch, wie er es bei den anderen Besuchern gesehen hatte. Ich war unheimlich beeindruckt von seiner schnell erlangten Professionalität. Dann ging es los. Bereits den siebten Koffer hatte er auf seiner Liste und entschied, bei dem Gebot von 15 € mitzugehen. Ein überschaubarer Preis. Er hob den Arm, wobei er sein coolstes Pokerface aufsetzte. Unglücklicherweise meldeten sich zeitglich vier weitere Personen. Die Auktionatorin zählte ruck zuck durch und endete mit 40 € bei meinem Geliebten. Uups. Sie fragte noch schnell zweimal nach: „Wer bietet mehr?“. Keiner. Also Zuschlag für den Bieter mit der Nummer 238. Wir! Und schon war das Bietervergnügen wieder vorbei. Das verplante Budget für diesen Spaß war schon beim ersten Bieten aufgebraucht. Die Aufregung dauerte ganze 10 Sekunden. Erschrocken und entsetzt blickte mich mein Geliebter an, hatte sich aber schnell wieder unter Kontrolle und starrte gaaanz cool nach vorn. Genauso hatte er es geplant. Sollte keiner im Raum merken, dass da was ganz ungeplant gelaufen ist. Den Rest der Auktion waren wir passive Zuschauer.
Nachdem wir den Preis gezahlt hatten, holten wir unseren Koffer, genauer gesagt unseren Rolli, ab. Der nette Mitarbeiter stellte ihn vor mich hin und wollte mir den Griff rausziehen. Leider griff er ins Leere. Der Griff war abgebrochen. Super. Kaputten Koffer ersteigert. Hoffentlich ist wenigstens der Inhalt was wert. Noch im Auto auf dem Parkplatz wurde er mit Ehrfurcht und freudiger Erwartung geöffnet. Zuerst ganz langsam die Außentaschen. Da könnte ein flaches Smartphone reinpassen. Leer. Dann den Reißverschluss vom Deckel aufziehen, Deckel auf und reingeglotzt. Keine Badelatschen, die vom Sommerurlaub zeugen, kein Negligee, keine lustigen Foto-Schnappschüsse. Nein, es waren sechs schwarze Herrenjacken in Größe 36, teilweise verschlissen, mit abgerissener Tasche, einige in noch recht gutem Zustand. Auf jeden Fall aber alle zu klein für meinen breitschultrigen Geliebten. Was für ein Erfolg. Wir schauten uns an und prusteten los. Wir lachten über uns, unsere verqueren Erwartungen, unsere dummen Gesichter und darüber, dass es anderen in der Auktion sicher genauso erging, die jetzt vermutlich ebenfalls amüsiert ihre ersteigerten Koffer durchwühlen. Dieses Erlebnis war sein Geld wert. Und das Beste war, dass wir nicht, wie in meinen schlimmsten Alpträumen befürchtet, in bremsbespurte Schlüpfer griffen.

Die gute Hausfrau

images„Räumen Sie auf. Machen Sie einen letzten Rundgang durch das Haus, kurz bevor Ihr Mann kommt. Räumen Sie Schulbücher, Spielsachen, Papier usw. zusammen und säubern Sie mit einem Staubtuch die Tische. Halten Sie das Abendessen bereit. So zeigen Sie ihm, dass Sie an ihn gedacht haben und dass Ihnen seine Bedürfnisse am Herzen liegen.“
So heißt es in der britischen Zeitschrift „Housekeeping Monthly“ aus dem Jahr 1955. Wie hat sich eine gute Hausfrau zu verhalten – natürlich in Hinblick auf das Wohlbefinden ihres Göttergatten und Ernährers. Als mir mein Bester diese Anleitung mit einem Grinsen in die Hand drückte, hielt ich es für einen Scherz. Ich las, lachte und war ernsthaft bemüht, mich nicht über diesen Schwachsinn zu ärgern. Als mein Bester jedoch nicht mitlachte und die „guten alten Zeiten“ lobte, verließ ich – um einen Streit zu vermeiden – schnell das Zimmer.
Gestern Abend kam mir die oben zitierte Anweisung wieder in den Sinn. Wir tauschten unsere Rollen: Ich arbeitete länger und er holte das Kind aus der Kita, versorgte und badete es, um es dann gefühlte zwei Stunden lang zu Bett zu bringen. Nach zehn Stunden Büro trat ich vorfreudig den Heimweg an in Erwartung eines liebevoll gedeckten Abendbrottisches. Vielleicht hatte er ja sogar gekocht. Der Kühlschrank bot dafür alle Zutaten. Doch als ich die Wohnung betrat, begrüßte mich lediglich der Hund schwanzwedelnd. Der Beste lag mit dem Kind im Bett und schlief. So weit so gut und noch nicht schlimm. Aber als ich in die Weiten unserer 50qm-Wohnung vordrang, empfing mich das Chaos. Im Wohnzimmer lag Spielzeug über den gesamten Boden verstreut, der Tisch war zugemöhlt mit diversen Gläsern und Flaschen, Zeitungen und Stiften, Schlüsselbund und Handy. In der Küche stapelte sich der Abwasch, und sämtliche Töpfe waren vom Kind aus dem Schrank gerissen und in der Küche verteilt worden. Quer über dem Töpfeberg lagen Schrubber samt Handfeger, die Lieblingsarbeitsgeräte des Kindes. Dieses Bild bot sich MIR, die abgekämpft und müde von der Arbeit nach Hause kommt und sich auf leckeres Essen und gemütliches Beisammensein freut. Schlagartig plumpste meine Laune in den Keller. Ja, eine aufgeräumte Wohnung und eine warme Mahlzeit wären schön gewesen. Hätte sich besser angefühlt als dieses Durcheinander. Hätte ich auch verdient. Immerhin erwarte ich allabendlich meinen Besten mit dem fertigen Abendbrot, nachdem ich den Haushalt auf Vordermann gebracht habe. Aber was für den Mann gilt, gilt für die Frau noch lange nicht. Oder wie der Lateiner sagt: Quod licet Iovi, non licet Bovi.

Liebesbrücke

liebesbrueckeGestern kauften der Vater meines Kindes und ich ein neues Doppel-Eltern-Bett. Seit seiner Geburt hat unser Kind den Platz im Bett neben mir okkupiert und seinen Erzeuger auf die Couch verbannt. Nun endlich hat der Vater revoltiert und Kraft seiner Wassersuppe den Kauf eines größeren Bettes angeordnet. Gesagt, getan. Rein in den Möbelladen, Bett ausgesucht und gekauft. Das Ding ist breit und sehr stabil. Da passt dann auch noch unser Hündchen mit rein. Allerdings besteht die Matratze nicht aus einem Stück, sondern ist zweigeteilt. Mit Lücke. Nicht sehr schön, aber dafür gibt es eine tolle Erfindung, die Abhilfe schafft: Die Liebesbrücke. Ein Schaumstoffkeil, der in die Ritze geschoben wird und somit die Lücke füllt. Super Sache, wenn da nicht dieser irreführende Name wäre. Bett mit Liebesbrücke – das klingt doch erstmal wie eine erotische Installation für gewisse Stunden. Wer sich jedoch die Nächte von Paaren mit Kleinkindern besieht, findet im Bett so einiges: Bilderbuch angucken, Nachtlicht-an-und-ausknipsen, Banane essen, Geschrei, Saft verschütten – Liebesspiele sind nicht dabei. Zudem verdient die Liebesbrücke diesen Namen auch schon deshalb nicht, weil tatsächlich leidenschaftlich Liebende sich wohl kaum von einem Spalt in der Matratze stören lassen, wenn sie es denn überhaupt bis ins Bett geschafft haben und nicht schon auf dem Sofa hängen geblieben sind. Die Erfinder dieses Keils hätten besser einen passenderen Namen gefunden. Wie wäre es mit Kinder-Besucher-Ritzen-Füller oder Kleinhund-Verschwindibus-Schutz. Diese Bezeichnungen treffen eher zu – und der Kassenbon liest sich weniger wie ein Besuch im Erotikshop.

Im Baumarkt

baumarktIn Geschäften von den Angestellten nicht beachtet zu werden, ist nicht schön. Es ist aber auch nicht schön, wenn man die Übereifrigen erwischt. Die dackeln ständig hinter einem her und hechten bei der kleinsten Stirnfalte auf einen zu. Und dann gibt es den Nachwuchs, der unsicher das in der Schule Gelernte am Kunden praktisch anwenden will. Neulich ist mir im Baumarkt ein solches Exemplar begegnet. Ich war auf der Suche nach Klarlack. Meine Matratze, die mir als Lagerstatt dient, sollte bald nicht mehr nackt auf dem Boden liegen, sondern eine Holzumrandung erhalten. Wegen der Ästhetik. Dieses Holz brauchte einen Schutzlack. Um nicht stundenlang durch die Regale zu irren, wollte ich gleich nach dem Weg fragen. Fragen kostet ja nix. Ich schnappte mir den erstbesten Mitarbeiter. Das junge Aussehen hätte mich warnen können; hab ich aber nicht drauf geachtet. Meine Frage stellte ich noch nicht ganz zu Ende, da richtete sich der junge Mann gerade auf und wurde plötzlich sehr förmlich. Er fragte: „Was wollen Sie denn lackieren?“ Ich konnte geradezu sehen, wie der Azubi die Abfrageliste aus dem Kapitel „Was tue ich, wenn mich ein Kunde etwas fragt?“ in seinem Kopf abspulte. Punkt 1: Nach dem Verwendungszweck fragen! Meine Antwort darauf: „Mein Bett.“ Die nächste Frage in der Liste schien auf die Belastung abzuzielen und er fragte mich ganz ernst: „Ist das Bett stark beansprucht?“ Mir fiel alles aus dem Gesicht und unendlich lange zwei Sekunden starrten wir uns an. Dann prustete ich los und fragte, wie genau er das denn wissen müsste. Der arme Kerl lief augenblicklich rot an, rannte los zum Regal mit den Lacken und nuschelte ein leises „Da!“ Und verschwand. Mein von Lackkrämpfen zerrissenes „Danke.“ hörte er schon nicht mehr. Diese Situation mag peinlich für ihn gewesen sein, aber er durfte an diesem Tag auch eine wichtige Lektion lernen. Nämlich: Hör zu, was der Kunde auf deine Fragen antwortet.

Sehr geehrter Herr Dr. Benecke,

benecke2im September 2016 lauschte ich Ihrem Vortrag im Postbahnhof „Mord im geschlossenen Raum“. Davon mal abgesehen, dass Ihre Ausführungen spannend, humorvoll und irre sinnig waren, hat mich ein kleiner Satz von Ihnen von einem Kindheitstrauma befreit. Nein, kein Scherz, auch keine Lobhudelei, ganz in echt.
Ich komme aus der ehemaligen DDR. Wir hatten da ja nicht so viel, also auch keine sanitären Einrichtungen auf den Parkplätzen entlang der Autobahnen. Die Notdurft musste in angrenzenden Gebüschen und Wäldern erledigt werden. Jeder, der sich in dieses Dickicht wagte, musste sehr auf Tretminen achten. Mein Bruder, jünger und unaufmerksamer als ich, durfte nach den ersten Versuchen nur noch direkt neben unserem Trabbi Pippi machen. Das Gebüsch war für ihn Tabu, nachdem wir ein Paar Schuhe wegen Kontaminierung auf dem Parkplatz zurück lassen mussten. Einmal, ich war ungefähr 10 Jahre alt, rasteten wir während der Fahrt zu meinen Großeltern an der Autobahn. Mit Picknick. Ich knabberte gerade an einem gekochten Ei, als ich eine grünlich schimmernde dicke Fliege beobachtete, wie sie über einen Haufen menschlicher Exkremente krabbelte. Sah schön aus. (Dass ich das von unserem Picknickplatz aus sehen konnte, zeigt, wie voll der Parkplatz von Notdurftspuren war.) Da erhebt sich die Fliege und kreist ein paar Runden über dem Haufen. Ich folge ihrem Rundflug mit den Augen und kreische entsetzt los, als sich das kackverseuchte Vieh plötzlich auf meinen Arm setzt. Eben noch auf der Schei… und im nächsten Moment auf mir. Igitt, pfui Deibel und würg. Den Rest der Fahrt und das folgende Wochenende bei Oma und Opa konnte ich mich von diesem Schock schwer erholen und nervte meine Familie mit meinem Gejammer. Dass ich meinen Arm schrubbte und am liebsten abgebrüht hätte, muss ich an dieser Stelle wohl nicht erwähnen. Bis heute verfolgt mich dieses Erlebnis, was bei meiner Familie zur allgemeinen Erheiterung führt. Ich weiß gar nicht, warum.
Und dann höre ich von Ihnen den erlösenden Satz: „Fliegenbeine sind sauber, da bleibt nichts haften.“ Und zum – immerhin verbalen – Beweis: „Wenn ich die Wahl hätte, eine Fliege zu essen oder meine Hand abzulecken, würde ich immer die Fliege essen.“ Ich atme auf. Juchu, mein Arm wurde gar nicht befleckt mit fremdem A-A. Die Fliege war ja sauber. Alles gar nicht schlimm. Trauma aufgelöst. Danke, Herr Dr. Benecke.

Erwachsensein hat auch seine guten Seiten

erwachsenseinBei meinem letzten Besuch im Berliner Tierpark steuere ich nach Absolvierung des warm-feuchten Parcours durch das Dickhäuterhaus am Ausgang direkt auf einen Eis-Automaten zu. Strategisch nicht unklug platziert. Meine Zunge klebt am Gaumen und sehnt sich nach kalter Erquickung. Da scheine ich nicht die Einzige zu sein. Ein kleiner Junge drückt sich begierig die Nase am Schaufenster des Automaten platt und bettelt seine Mutter an. Die bescheidet den Antrag ihres Jüngsten ohne genauere Ausführungen negativ mit den wenigen Worten „Es gibt jetzt kein Eis!“ Maulend und tief enttäuscht trottet das arme Kind hinter seiner Mutter her. Ich habe Mitleid, denke jedoch: „Für MICH gibt es jetzt aber ein Eis.“ Denn ich kann das schon selbst entscheiden. Ich muss niemand um Erlaubnis fragen. Ich komme an den Münzenschlitz  allein ran und kann die Zahlen und Ziffern des Codes schon lesen. Allerdings muss ich auch das Geld für die Süßigkeit selbst verdienen und trage auch die Verantwortung für meine gesunde Ernährung selbst. Der kleine Junge kann diese Dinge immer noch auf seine Eltern abwälzen. Aber ICH bekomme mein Eis. Jetzt. Egal, ob klug oder nicht das richtige Wetter oder kurz vor dem Mittagessen oder sonst irgendetwas. So krame ich in meiner Tasche nach den passenden Münzen, drücke den richtigen Code und angele die Begehrlichkeit aus dem Automaten. Lecker. Beim Gedanken an den traurigen Jungen schmeckt das Eis gleich nochmal so gut. Erwachsensein hat auch seine guten Seiten.

Burkini-Verbot

burkaDas derzeit heiß diskutierte Burkini-Verbot läuft in die falsche Richtung. Ich plädiere statt des VERbotes für ein Burkini-GEBOT. Wie oft bin ich beim Anblick nackter bis halbnackter Menschen am Strand „irritiert“ und „verunsichert“, ja manchmal sogar „verängstigt“. Welche Formen der menschliche Körper annehmen kann, ist vereinzelt erschreckend. Es blähen sich Bierbäuche, hängen Brüste, blitzt die Orangenhaut und wellen sich jahrzehnte alte Tätowierungen. Eine Ganzkörpervermummung würde hier wesentlich zur Schonung der Mitbadenden beitragen. Auch, was Einige als Bademode bezeichnen, spottet jeder Beschreibung. Nicht nur, dass mehr gezeigt als verdeckt wird, formt zu eng gewählte Kleidung den Körper in abenteuerliche Wucherungen und Ausstülpungen. Der großzügig geschnittene Burkini ist in seinen Ausmaßen ausreichend genug, um solche mitleidserregenden Anblicke zu vermeiden. Wer sich also einbildet, die burkini-tragenden Muslima von der Unterdrückung der Männerwelt befreien zu müssen und den Burkini verbieten möchte, sollte kurz in sich gehen und überlegen, ob er der Menschheit nicht einen größeren Dienst erweisen kann, wenn er selbst einen im Schwimmbad trüge. Und wer sich gestört fühlt von „diesem“ Anblick, dem sei ein Blick in den Spiegel empfohlen.

Die Rotznasen-App oder: Dinge, die die Welt – wohl leider doch – braucht

rotznase2Immer häufiger beobachte ich, wie Mütter ihre kleinen Kinder ignorieren, weil sie sich zu sehr auf ihr smartphone konzentrieren. Ob an der Bushaltestelle, in der Tram oder im Warteraum beim Kinderarzt – Mama reagiert auf Ansprache des Nachwuchses nicht, weil sie zu sehr vertieft ist in …. Ja, in was eigentlich? Was ist so wichtig, dass die eigenen Kinder hinten an stehen? Als frisch gebackene Eltern lernt man sehr schnell, die Ohren auf Durchzug zu stellen. Andauerndes Gequengel auf dem Heimweg oder das Sich-in-den-Schlaf-Weinen im Bett müssen von den Erziehungsberechtigten weder beantwortet noch können sie durch tröstende Worte bekämpft werden. Da hilft nur Augen zu (und Ohren) und durch. Aber wenn das Kind etwas mitteilen möchte, muss es von seinen Vorbildern die ihm gebührende Aufmerksamkeit erwarten dürfen und auch bekommen. Eine Begebenheit in der Tram: Ein zweijähriges Mädchen in der Tram niest mit einer Inbrunst, dass es mir beim bloßen Zuhören selbst die Nase durchlüftet. Offensichtlich etwas erkältet, stürzen sich aus den kleinen Nasenlöchern sogleich zwei Rotzbäche. Das Mädchen blickt hilfesuchend Richtung Mama. Die glotzt aber auf ihr smartphone, für ihre Umgebung blind. Das Mädchen gibt einen Laut von sich. Bei Mama nichts. Die Kleine wiederholt ihre verbalen, noch recht eingeschränkten Versuche, die Blicke der Mama auf sich zu ziehen. Nichts. Also entfernt das Kind die Quelle seines Unwohlseins mit eigenen, ihm zur Verfügung stehenden Mitteln, nämlich Zunge und Jackenärmel. Nun endlich blickt die Mama auf und ihrem Kind – fragend – ins Gesicht, das inzwischen sauber ist. Allerdings auf Kosten der Gesundheit des Kindes und des Magens der Mitfahrenden, die Zeugen des Säuberungsvorganges wurden.
Hier könnte eine Rotznasen-App Abhilfe schaffen. Mittels Fühler der Luftfeuchte in der Umgebung erkennt das mobile Gerät eine tropfende Nase und gibt Alarm. Mama kann also zeitnah reagieren. Theoretisch. Das Funktionieren setzt natürlich voraus, dass das Gerät ständig in Benutzung ist und möglichst auf Kopfhöhe des Kindes gehalten wird. Klappt in den oben drei beschriebenen Situationen gut. Für die Gewähr der Funktion auch im Stehen oder Laufen muss lediglich die Reichweite des Fühlers erweitert werden. In diesem Fall kann es allerdings vorkommen, dass das Gerät ständig Alarm gibt, weil auch der eine oder andere Mitpassant offenbar die Wohnung in Hast verlassen und seine Taschentücher vergessen hat. Dann schleicht sich schnell der Effekt wie beim Zicklein mit der Glocke ein: Dreimal hat es nur zum Spaß geklingelt und die Geiß eilte umsonst zu Hilfe. Doch beim vierten Mal, als es Ernst war und der böse Wolf das Geißlein bedrohte, bleib sie weg. Auch die Mama mit dem smartphone wird dann schnell beim Rotznasen-App-Alarm auf Durchzug schalten. Was bleibt, ist die altmodische Form des Aufpassens: Schau hin und achte auf dein Kind!

PS: In der Schilderung habe ich keinesfalls das Rollenklischee „Die Frau ist zuständig für die Kindererziehung.“ bedient oder auf das Gendern aus Faulheit verzichtet. Vielmehr sind mir in diesen Situationen tatsächlich nur Mütter begegnet, keine Väter. Das mag entweder daran liegen, dass nur Frauen so fixiert sind auf ihre mobilen Geräte oder daran, dass meist die Mütter Kinderarztbesuche und den Kita-Hol- und –Bringedienst erledigen. Damit wäre dann allerdings das obige Rollenklischee bewiesen. Aber das ist eine andere Sache.

Nur noch Hülle

huellePlötzlich reißt mich ein bestialischer Gestank aus meinen Gedanken. Eben noch starrte ich auf die große Uhr auf dem Mittelstreifen der Warschauer Straße und überlegte, welche Arbeiten mich gleich an meinem Schreibtisch erwarten werden. Und im nächsten Moment weht mir der Geruch einer schon lange nicht mehr gesäuberten, aber hoch frequentierten öffentlichen Toilette entgegen. Naserümpfend blicke ich mich um. Unbemerkt kam ich schnellen Schrittes auf gleiche Höhe mit einem jungen Mann, von dem offenbar dieser furchtbare Geruch ausgeht. Ich sehe ihn mir genauer an, ich bin neugierig. Was ich entdecke, macht mich traurig. Langsam, ein wenig torkelnd bewegt er sich vorwärts. Allerdings bin ich nicht sicher, ob er erkennt, wohin er geht. Seine Augen sind glasig und blicken leer. Seine Mundwinkel hängen schlaff herunter, ebenso seine Arme. Er wirkt kraftlos und nicht anwesend. Offenbar ist nicht nur Alkohol der Grund für seine Betäubung. Ich frage mich, ob und wie er sein Umfeld wahrnimmt. Was wohl unter den verdreckten Klamotten steckt, die offenbar getränkt sind von Urin? Irgendwo dort tief drin muss ein kleiner Junge hocken, der sich bei Angst am Rockzipfel seiner Mama festhält, der sich über einen bunten Luftballon freut und kichert, wenn er gekitzelt wird. Irgendwo dort muss auch ein Teenager rumhängen, mit provozierendem Blick und seiner ersten Zigarette, sich mit großer Geste über den zarten Oberlippenbart streichend. Vielleicht wohnt dort auch noch ein Mann, der sich nach einer liebevollen Beziehung sehnt, einer Arbeit, die Spaß macht und ihn die Miete zahlen lässt. Heute sind die drei eingeschlossen in einer verfaulenden menschlichen Hülle, bar jeglicher Würde. Der Weg nach draußen ist ihnen versperrt. Sein jetziges Ich hat sie verdrängt, aufgegeben, vergessen. Mit Absicht? Oder waren es widrige Umstände? Wie kann das passieren? Jemand hat nicht aufgepasst: die Eltern, seine Lehrer, Freunde? – auf jeden Fall er selbst.  Ich wünsche ihm … ja, was eigentlich? Gute Besserung, einen vollen Becher Kleingeld, keinen sehr kalten Winter? Als erstes wohl mal, dass er an der nächsten Kreuzung nicht überfahren wird.