Ein ganzer Mensch

„Ein ganzer Mensch bin ich nur noch zu zweit.“ So lautet eine Zeile in dem Gedicht „Das Gebet keiner Jungfrau“ von Erich Kästner.

Als ich in jugendlichem Alter diesen Vers das erste Mal gelesen habe, war ich schier entsetzt. Wie furchtbar, und doch wie wahr. Verliebt sein ist grausam. Wirklich vollständig fühlt man sich nur noch neben seinem geliebten Menschen. Konnte ich gut nachempfinden zur Zeit meiner ersten Liebe.

Doch die tatsächliche Bedeutung dieser Worte erfuhr ich nach der Geburt meines Kindes. Aus mir ist neues Leben kommen, ist ein neuer – zweiter – Mensch entstanden. Deshalb bin ich nur noch ganz zu zweit. Nicht zwangsläufig in physischer Hinsicht. (Ich gehe davon aus, dass mein Kind irgendwann – Gott möge verfügen, dass es noch lange dauert – eigener Wege geht.) Aber auf jeden Fall in seelischer Hinsicht. Würde mir mein Kind genommen, würde mir ein Teil meines Selbst fehlen. Ich wäre amputiert. Das ist gruselig und macht mir Angst, und gleichzeitig ist es das schönste Gefühl, dass ich je hatte und mir überhaupt vorstellen kann. Und Erich Kästner hat es in so einfache und deutliche Worte gepackt.