Nummer 73

Punkt 73 auf meiner Löffelliste lautet: „Einmal Glatze tragen.“ Löffelliste? Das ist die Liste, auf der die einhundert Dinge stehen, die du vor deinem Tod, also bevor du den Löffel abgibst, tuen möchtest. Glatze hatte ich noch nie. Wie fühlt es sich wohl an, wenn der Wind direkt über die Kopfhaut streicht, wenn einem keine Haarsträhne den Lippenstift verschmiert, Kamm und Bürste überflüssig werden und beim Duschen das Haare waschen kaum der Rede wert ist. Das wollte ich einmal ausprobieren.
Mutig betrat ich gestern den Friseursalon und forderte forsch eine Totalrasur. Als sich dann aber der Rasierer meinem Kopf näherte, verließ mich der Mut und ich ruderte auf einen sidecut zurück. Und den auch nicht ganz kahl, sondern auf 8 mm. Das aber dann knallhart. Wow! Mit stolz geschwellter Brust strich ich über meine „1/5-Quasi-Glatze“. Ich fühlte mich wie eine pubertärere Provokateurin bei dem Gedanken an das Nachhausekommen. Immerhin war diese Typveränderung mit meinem Lebensabschnittsgefährten nicht abgesprochen. So, Punkt 73 ist mit 40 Jahren schon abgehakt. Was kommt als nächstes?

Geheimgeschäft

Immer schon war es mir peinlich, mit einer Packung Toilettenpapier unterm Arm über die Straße zu laufen. Die sensible Ware wurde beim Transport vom Einkauf nach Hause blickdicht verpackt. Andere Leute steigen selbstbewusst und ohne Scham in die Tram und tragen die Klorollen ganz offen mit sich rum. Das ist mir komplett unverständlich. Ich schäme mich dann jedes Mal fremd. Dabei habe ich mich bei Damenhygiene nicht so. Da bin ich relaxt. Ist ja ganz natürlich. Was genau genommen der menschliche Stuhlgang auch ist. Aber es muss ja keiner wissen, dass ich den auch habe. Und schon gar nicht möchte ich bei meinen Mitmenschen aufgrund des zur Schau getragenen WC-Papiers Bilder vor deren geistigen Augen provozieren. Deshalb das Versteckspiel. Bisher hielt sich mein Unwohlsein innerhalb des Einkaufshauses auf dem Weg zur Kasse in Grenzen. Wohl gemerkt bisher … bis ich neulich mein Kind zum Einkaufen mitnahm. Im Einkaufswagen sitzend trommelte es herzhaft auf der Packung Toilettenpapier herum und grölte „Pipi Kacka Pipi Kacka Pipi Kacka …“ Nun ja, ich nehme vorweg, dass sich kein Mauseloch auftat. Ich absolvierte den Spießrutenlauf zur Kasse mühsam erhobenen Hauptes und mir schwor, dass diese Notwendigkeit in Zukunft mein Mann kaufen muss.

Wehret den Anfängen!

Im Anfang war das Wort! Das wissen wir aus der Bibel. Sehr weltliche Bedeutung bekommt dieser Satz, denke ich an folgende Begebenheit in der Tram: Rechts von mir sitzt eine unauffällige Frau mit einem Schäferhund. Plötzlich ein erschrockenes Lufteinziehen und Taschengeraschel links von mir. Der Hund beschnuppert die auf dem Boden stehende Tasche einer anderen Mitfahrerin, die das offenbar nicht mag. Irritiert zerrt die Hundebesitzerin an der Leine und schüttelt den Kopf. Ich blicke sie an und signalisiere durch das Verrollen der Augen meine Solidarität. Hundemamas müssen zusammenhalten. Zwei Stationen später steht die Hundefrau auf, um auszusteigen, aber nicht ohne vorher der Anderen wütend zuzurufen: „Auf Leute wie euch können wir hier gut verzichten.“ (An dieser Stelle sollte ich erwähnen, dass die Gemeinte eine Farbige war.) Ich glaube erst, mich verhört zu haben. Zu meiner Sicherheit wiederholt sie die Worte mit der erhellenden Erklärung: „Wir in Europa haben eine emotionale Beziehung zu unseren Haustieren. Wenn euch das nicht passt, geht doch zurück nach Afrika.“ Mein Mund klappt auf und ich bekomme Schnappatmung. Noch bevor ich das Gehörte in meinem Kopf sortieren kann, ist sie ausgestiegen und die Bahn fährt an. Wenn ich etwas hätte sagen wollen, ist der Moment vorbei. Hätte ich etwas sagen wollen? Wenn ja, was? Und wie schnell wäre mir eine gute Erwiderung eingefallen? Besser, ich wäre mit ausgestiegen und hätte sie auf der Straße in Ruhe mit ihr gesprochen. Dann aber hätte ich auf die nächste Tram 20 Minuten lang warten müssen. Hätte die Aktion was gebracht? Mir mit Sicherheit eine dumme Anmache, auf keinen Fall aber ein Umdenken bei der Frau. Warum also so viel Mühe? Ganz einfach: Damit diese Menschen sehen, dass rassistische Äußerungen und Hetzparolen nicht von allen Mitmenschen geteilt und/oder gebilligt werden, dass mit Gegenrede gerechnet werden muss. Solche Aussagen dürfen nicht unkommentiert stehen bleiben und eine  Plattform erhalten.
Ich bin nicht ausgestiegen. Was tat ich stattdessen? Schämte mich zwei Stationen lang fremd, war erschüttert, suchte nach Erklärungen, drehte mich zu der farbigen Frau um, um ihr genau das zusagen – und ich entschuldigte mich stellvertretend.
Jetzt frage mich, ob eine verpasste Tram tatsächlich mit sechs Millionen ermordeter Juden konkurrieren kann.

 

Schönstes Kind

Seit fast genau zwei Jahren gehöre ich zu den Frauen, die einem tief sitzenden Irrglauben unterliegen: Ich bin fest davon überzeugt, dass MEIN Kind das schönste Kind der Welt ist. Aber nicht nur schön im Sinne von gut aussehend. Das natürlich auch, aber auch schön im Sinne von niedlich, putzig, goldig, herzig, entzückend, süß, bezaubernd – um nur mal einige Adjektive zu nennen. Selbstverständlich ist MEIN Kind  auch das klügste von allen Kindern,  das talentierteste, kreativste, phantasievollste und lebendigste. Überhaupt sind Humor, Freundlichkeit und Mut bei ihm ganz besonders stark ausgeprägt. Seine blonden Locken sind unübertroffen, das verschmitzte Lächeln in seinen Augen ist konkurrenzlos und sein Liebreiz lässt ihn am hellsten strahlen.

Zugegeben: Es gibt auch andere tolle Kinder. Aber es ist mir unverständlich, wie nicht jede und jeder erkennt, dass MEIN Kind am besondersten von allen Kindern dieser Erde ist. Ganz objektiv gesehen. Das zumindest glaubt mein Mamaherz. Es lässt sich nicht beirren vom gesunden Menschenverstand, der fragt, ob dies bei etwa 1,8 Milliarden Kindern auf der Welt nur ansatzweise wahr sein kann. Ja, es ist wahr. Und die Herzen der anderen Mamas glauben dasselbe.  Das ist die wahrhaftigste und wunderschönste Wahrheit.