Vor und nach K.

In meiner Tageszeitung lese ich heute früh den Aufruf an die Leserschaft, die schönsten und wichtigsten Momente im Jahr 2017 zu schildern und einzusenden. Au ja, denke ich, das mache ich, und überlege, was wohl mein schönster Augenblick in diesem Jahr gewesen ist. Aber mir fällt nichts ein.
Ach herrje, ist mein Leben so unspektakulär? Oder leide ich bereits an Demenz? Nein, ich erinnere mich an das erste Date mit dem Vater meines Kindes im Jahr 2009. Ich weiß noch genau, wann und warum ich mich 1999 für mein Studium entschied, das meinem Leben eine neue Richtung gab. Und ich erinnere mich sehr gut an das Jahr 1980, als mein Bruder geboren wurde, was für mich furchtbar aufregend und spannend war. Wieso also nichts im aktuellen Jahr?
Jaaa, wäre nach dem Jahr 2014 gefragt worden, wüsste ich die Antwort: Die Geburt meines Kindes. Das ist es: Mein Leben teilt sich in „vor meinem Kind“ und „nach meinem Kind“. Mit diesem Ereignis erfüllte sich meine persönliche Prophezeiung, erhielt ich eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn meines Lebens, wurde ich erlöst von der Suche nach meinem Weg. (Klingt fast so, als wäre mir der Messias persönlich begegnet. Liegt vielleicht an Weihnachten.) Seither ist jeder Tag mit meinem Kind ein schönster Moment, ein stolzer Augenblick. Gleichberechtigt stehen die Begebenheiten und Ereignisse mit meinem Kind nebeneinander. Keiner kann und möchte ich den Vorzug geben. Ich hätte viel zu schreiben. Soviel Platz hat die Zeitung nicht. Also sende ich keinen Text ein und singe lieber zum 100. Mal „Kam ein kleiner Teddybär“ mit meinem Kind.
Brumm, brumm.

Freie Fahrt

Wir schreiben den 22. Dezember. Es ist Freitag und damit der letzte (für die meisten von uns jedenfalls) Arbeitstag vor der Weihnachtspause. Zudem sind seit gestern Schulferien. Auf dem Weg zur Arbeit komme ich das erste Mal ins Stutzen, als ich an der Stelle, wo ich sonst jeden Morgen mit dem Auto im Stau stehe, durchfahren kann. Nahezu Verwirrung herrscht, als ich mühelos einen Parkplatz vor der Kita finde. Gestern noch musste ich halb auf dem Fußweg parken. Komplett war die Irritation, als ich  die Hauptverkehrsstraße zügig entlang brausen konnte. Es war gespenstig! Wie sieht es auf den Berliner Straßen erst an Heilig Abend aus, wenn alle bei ihren Familien sitzen und ihre Autos brav still stehen? Ich überlege jetzt ernsthaft, mir selbst ein ganz außergewöhnliches Geschenk unter den Baum zu legen. Ich könnte zur Hauptbescherungszeit mit dem Auto von Köpenick zum Brandenburger Tor fahren – in nur 10 Minuten. Das wär´s doch. Einmal freie Fahrt durch die Mitte. Kann ich nur hoffen, dass auch die Berliner Polizei in weihnachtlich-fröhlicher Stimmung ist und mich nicht kassiert.

Homeshopping

Wer von uns kennt sie nicht: Die Homeshopping-Sender, in denen alltägliche und Dinge der besonderen Art, Wischmopp und Diamantschmuck, Uschi-Glas-Hautcreme inklusive Haut-Unverträglichkeit und Glööckler-Lippenstift (der neueste Schrei), also die ganze große Welt in nur einem Studio angeboten werden? Und alle diese Sachen muss man UNBEDINGT haben. Jeder von uns, der einen Fernseher besitzt, zappt früher oder später an dieser Show des Geschwafels vorbei und bleibt – Gott möge es verhüten – dort hängen. Mir ist es neulich Abend passiert. Die anderen Sender boten nichts Anregendes. Und da mein Lebensabschnittsgefährte auf der jährlichen Büro-Weihnachtsfeier litt, hielt ich die Macht (Fernbedienung) in meinen Händen und gab mir das Spektakel. Es ist unglaublich, wie zwei Erwachsene geschlagene zehn Minuten über die Vorzüge und Besonderheiten einer LED-Kerze reden können. Das muss man erstmal bringen! Dabei gilt es, bereits Gesagtes nicht einfach zu wiederholen, sondern neue Wortkonstellationen möglichst kreativ zu bilden, und immer wieder ein überraschtes „Ahh“ und „Ohh“ einzufügen, nicht zu vergessen besonders witzige Erlebnisse aus dem eigenen Leben. Auch so langweilige und Nicht-der-Rede-wert-Vorgänge wie das Wechseln der Batterie werden zu einem absoluten Highlight. Das geht nämlich gaaaanz einfach. Toll! Das kann sogar eine FRAU! Was für eine Erleichterung, wenn mal der Mann nicht zu Hause ist. Irre! Und dann die vielen Farben: gold, silber UND weiß. Und jetzt neu und exklusiv auch in … na? … grün. Fantaaastisch! Und der Clue: es besteht keine Feuergefahr. Man kann die Kerzen an den Baum stecken, dekorativ auf dem WC verteilen oder in den Glastür-Küchenschrank stellen. Nix passiert!
An dieser Stelle hatten sie mich. Das musste ich auch haben – unbedingt und sofort. Doch bevor ich wie hypnotisiert zum Telefon griff, um meine mehrere Hundert Euro teure Bestellung aufzugeben, meldete sich mein Verstand aus der Pause zurück. Ich schüttelte mich kurz und schaltete schnell um. Mann, die sind da echt gut!

Buddha unterm Weihnachtsbaum

Vor wenigen Tagen hat mich fast der Schlag getroffen, als ich das indische Restaurant bei uns an der Ecke betrat. Es gibt wohl wenig so verstörende Anblicke wie ein goldglänzender Buddha mit roter Weihnachtsmannmütze. Es ist vom Restaurantbesitzer sicher gut gemeint, seinen Gästen (vornehmlich den europäischen, vom westlichen Weihnachtskommerz verwöhnten) eine vorweihnachtliche Stimmung in seinen Räumen zu bieten. Immerhin findet sich nun allenorts bunte Weihnachtsdekoration: in den Schaufenstern, im Wartezimmer beim Arzt, selbst der billigste Späti hat eine blinkende Mini-Plastik-Tanne aufgestellt. Warum also nicht auch der Inder im Kiez? Aber es sieht schon sehr verstörend aus, wenn der Gott Shiva in einer seiner vielen Hände einen Tannenzweig mit Glitzerkugeln hält. Zwei verschiedene Welten zusammengewürfelt? Ja – aber nur auf den ersten Blick. Schaut man genauer hin, lässt sich eine Übereinstimmung finden. Im Buddhismus geht es vor allem darum, seinen Mitmenschen Gutes zu tun, aus freiem Herzen zu geben. Nichts anderes ist „unser“ Fest der Liebe. Wir beschenken uns. Und tatsächlich sehen sich Buddha und der Weihnachtsmann in Statur und Körperbau ein wenig ähnlich. Insofern hat der zipfelmützetragende Buddha seine Berechtigung. In diesem Sinne: Ein frohes Fest und Namaste!