Pfandflaschen

Manchmal beobachte ich Menschen bei Tätigkeiten und frage mich, warum tut der oder die das? Hat das einen Grund? Oder machen die das einfach nur so, ohne Hintergedanken? (Wenn das überhaupt geht: etwas grundlos tun. Immerhin muss das Gehirn eine Entscheidung treffen, bevor es die Anweisungen an die entsprechenden ausführenden Teile des Körpers absetzt.)
Manchmal ist meine Neugier so groß, dass ich tatsächlich einfach nachfrage. Vielleicht steckt ja doch eine kluge und/oder nachvollziehbare Motivation dahinter. Könnte ich ja vielleicht noch etwas lernen.

So geschehen am S-Bahnhof Schöneweide. Vor mir läuft ein Mann, der eine am Treppenrand stehende leere Bierflasche absichtlich mit dem Fuß tritt, so dass sie kaputt geht. „Warum haben Sie das getan?“ frage ich, bemüht, meine Frage nicht provokativ oder verärgert klingen zu lassen. Seine ehrliche und für mich überraschende Antwort: „Damit die Penner sie nicht einsammeln können und den Pfand kassieren. Die sollen arbeiten gehen.“
Ach so, d
enke ich. Keine blinde Zerstörungswut, sondern Erziehungsarbeit. Verstehe ich. Oder auch wieder nicht. Menschen, die Pfandflaschen sammeln, werden wegen einer kaputten Flasche das Sammeln nicht aufgeben. Die pädagogische Absicht läuft ins Leere. Dafür liegt jetzt Glasmüll rum, den es nicht gegeben hätte, hätte jemand die Flasche eingesammelt. (Jaa, und auch Geld damit verdient. Aber mal ehrlich: von 0,08 € pro Flasche häuft man kein Vermögen an. Um einen nur ansatzweise kaufkräftigen Betrag zusammenzusammeln, muss man schwere Arbeit leisten.)
Ich war verärgert: über a) den verdreckten Bahnhof, b) die Tatsache, dass manche Menschen tatsächlich auf den Zuverdienst von Pfandflaschen, die sie aus stinkenden Mülleimern sammeln, angewiesen sind und c) die offensichtliche Unzufriedenheit des Mannes, die dazu führte, gegen Schwächere zu bollern.

Emanzipation vorm WC

Der Gang auf die Toilette in Restaurants ist immer gut für Überraschungen. Ob es nun das außergewöhnliche Waschbecken, das umfangreiche Angebot an Deos, Parfüms, Seifen, Lotions und Cremes, der direkt neben dem Klosett stehende gemütliche Schaukelstuhl (Wer ruht sich da wohl aus?) oder die humorvolle Dekoration sind, ich finde es immer spannend, was mich auf dem Örtchen wohl erwartet.
Manchmal gerate ich noch vor der Tür, also vor dem Betreten des Raumes ins Staunen. Die Beschriftung des WC´s für Männer und für Frauen kann schon mal zu philosophischen Betrachtungen führen. So neulich geschehen. (siehe Fotos)
Zunächst dauerte es einige Sekunden, bis ich mich einem der dargestellten Strichmännchen zugehörig fühlte und wusste, welche Tür ich nehmen muss. Dann aber wurde ich wütend. Das männliche Strichmännchen pinkelt im Stehen, das weibliche sitzt auf dem Klo-becken. In Zeiten der Urinella (trichterförmige Urinierhilfe für Frauen) auf der einen Seite und des hygienischen Einwands bezüglich Urinspritzer andererseits ist das ganz und gar nicht angebracht. Auch die Frau kann – wenn sie es möchte und ihre Urinella richtig anwenden kann – im Stehen pinkeln. Männer werden vermehrt gebeten, im Sitzen zu urinieren (wenn kein Urinal zur Verfügung steht). Oder aber sie beseitigen Pipispritzer selbst. Das will keiner. Also sitzen, was viele Männer in meinem Umfeld bereits – sogar freiwillig – tun.
Und nun muss ich diese WC-Schilder sehen und fühle mich prompt in meiner Emanzipation verletzt. Kurz überlege ich, die Toilette zu boykottieren. Dieser Protest könnte jedoch in die Hose gehen (im wahrsten Sinne des Wortes). Also lass ich es und benutze die Damentoilette – ganz traditionell ohne Urinella.

Eine kleine Lüge

Auf dem Weg zur Straßenbahn sprach mich ein Jüngling an und fragte: „Haben Sie etwas Kleingeld?“ Meine Antwort kam prompt: „Nein, tut mir leid.“ Das war gelogen. Zur Abwechslung hatte ich mal ein paar Münzen in der Tasche. (Ich bin inzwischen eine überzeugte Kartenzahlerin.)
Warum also diese Lüge? Ich hätte wahrheitsgemäß erwidern „Ja, habe ich.“ und dann einfach weiter gehen können. Doch eigentlich geht es niemanden etwas an, ob und wie viel Kleingeld ich besitze. Das ist meine Privatangelegenheit, die ich nicht mit Fremden auf der Straße bespreche. Aber gleich lügen?
Ich hätte auch sagen können: „Das geht Sie nichts an.“ Sehr freundlich natürlich. Man muss ja nicht gleich unhöflich sein. Aber auch das kam mir nicht in den Sinn. Warum also die Lüge?
Weil diese Frage bei einer positiven Antwort sofort die weitere Frage nach sich gezogen hätte: „Kann ich etwas davon haben?“ (Deshalb auch gleich der Zusatz “… tut mir leid“.) Darauf abschlägig zu antworten, wäre mir nun wirklich peinlich gewesen. „Nein, Sie bekommen nichts von meinem Geld. Das behalte ich allein.“ Wie klingt das denn? Geizig, egoistisch, materiell ausgerichtet. Alles Attribute, die ich mir nicht zuschreibe. Also möchte ich auch nicht so wirken, auch nicht Fremden gegenüber auf der Straße so mal eben im Vorbei-Gehen.
Dabei ist diese Lüge unnötig, weil der Fragende ohnehin weiß, dass ich Kleingeld habe, aber nichts geben möchte. Jeder hat doch in irgendeiner Hosentasche oder Seitentasche des Rucksacks ein paar Pfennige, die er leicht entbehren kann – und wer möchte, rückt diesen winzigen Geldbetrag auch raus. Wer also nichts gibt, will nichts geben. Die Lüge ist durchschaut. Das ist mir klar. Ist beim Lügen ertappt zu werden offenbar weniger schlimm als geizig zu wirken? Ich werde es austesten: Beim nächsten Mal antworte ich wahrheitsgemäß mit „Ja“. Vielleicht setze ich noch eins drauf und kontere mit der Gegenfrage „Warum fragen Sie?“. Mal sehen, was passiert.