Mein täglich Brot

Das darf doch wohl nicht wahr sein!! Welcher Mistkerl klaut mein Brot? Gestern Mittag habe ich den letzten Kanten in der Büroküche liegen lassen, um ihn mir heute zum Mittagessen mit frischem Quark einzuverleiben. Und was sehe ich an der Stelle, wo ich meine Brottüte liegen ließ: nix. Mein Brot ist weg – W E G.
Das muss einer meiner Kollegen gewesen sein. Wie unkollegial, ja sogar asozial. Ich war sauer, stinkesauer. Ich hatte mich so auf einen Happen gefreut, jetzt stehe ich ohne da. Kein Mittagessen. Mein Magen knurrt, was nur nicht hörbar ist, weil ich so laut schimpfe. Ich ereifere mich über die schlechte Kinderstube meiner Büro-Mitmenschen, über die bodenlose Gemeinheit, die bösartige Frechheit, den ignoranten Egoismus. Vielleicht hat auch jemand absichtlich gerade MEIN Brot gegessen, um mir eins auszuwischen. Fast schon vermute ich Mobbing. Aber wer macht denn sowas.
Plötzlich werde ich aus meiner Schimpftirade gerissen. Eine meiner Kolleginnen fragt mich, ob ich das Brot nicht eventuell selbst gegessen hätte. Also, da hört sich doch alles auf. Würde ich mich so aufregen, wenn ich es selbst vertilgt hätte? Quatsch! Außerdem würde ich mich ja wohl daran erinnern, wenn ich gestern Nachmittag, so kurz vorm Feierabend, noch Hunger gehabt und den letzten Rest Brot noch schnell gefuttert hätte, bevor ich das Büro verlassen … Upps, jetzt fällt es mir wieder ein. Ich habe tatsächlich gestern noch das Brot gegessen. ICH allein. Weder ein mobbender Kollege noch dreister Dieb war der Übertäter.
Da war ich aber erleichtert, dass ich noch keine Büro-Rundmail geschrieben hatte.
Herr, gib uns unser täglich Brot – und mir dazu ein besseres Gedächtnis.
Amen.

Anklage

Die BVG
(im Folgenden Angeschuldigte genannt)

wird beschuldigt,
die Gesundheit wartender Fahrgäste, im Besonderen meiner eigenen,

strafbar als Körperverletzung gemäß § 223 StBG,

geschädigt zu haben.

Zum Tathergang: Am 1. März diesen Jahres, also heute, stand ich an der Tram-Haltestelle Heizkraftwerk der Linie 21, um wie jeden früh zur Arbeit zu fahren. Die Straßenbahn sollte laut Fahrplan um 8:47 Uhr abfahren, was sie jedoch nicht tat. Diese Bahn fiel aus. Die nachfolgende Bahn fuhr zwar, allerdings verspätet. Die Bahnen der Linie 21 verkehren im 20-Minuten-Takt. Somit musste ich etwa eine Dreiviertelstunde warten.
Durch die derzeitigen Temperaturen von -13 Grad Celsius kam es zu enormer Unterkühlung. Auch die heiße Wut über die Unzuverlässigkeit der Angeschuldigten führte zu keiner nennenswerten Aufwärmung.
Erklärungsversuche der Angeschuldigten oder sogar Entschuldigungen werden als Undschulds- oder Reuebeweis nicht zugelassen und führen demnach auch zu keiner Strafmilderung.
Grund: MIR WAR KALT, also so richtig echt saukalt.
Somit ist der Straftatbestand der Körperverletzung nach § 223 StBG erfüllt.

Es wird beantragt, die Angeschuldigte zu einer einstündigen Warterunde an einer frei wählbaren Haltestelle zu verurteilen. Für die Verbüßung der Strafe wird eine Frist von einer Woche gesetzt, so lange die Außentemperaturen noch denen zur Zeit des Verbrechens ähneln.