Nimmst´e mal ´n Euro

Es gibt sie noch: die freundlichen Menschen, die auf der Straße ein Lächeln übrig haben und vielleicht auch ein paar aufmunternde Worte. Das ist ja leider selten geworden. Gerade mit einem Kleinkind eckt man häufig an. Entweder steht mein Kind im Weg oder es ningelt zu laut oder es rennt albern hin und her oder es sitzt schreiend auf dem Boden, weil „kanne nich laufen“. Da ist es eine Wohltat, wenn die anderen uns nur ignorieren und mal keine bösen Gesichter machen. Wenn uns statt des bösen Blickes ein freundliches Wort trifft, ist das eine angenehme Abwechslung. Neulich ist uns jedoch etwas absolut Seltsames passiert. Eine ältere Frau geht an uns vorüber und amüsiert sich über mein Kind, wie es auf dem Fußweg Zickzack läuft, mit einem Stock in der Luft rumfuchtelt und mir die Welt erklärt. Dann bleibt sie stehen, dreht sich um und drückt meinem überraschten Kind ein Euro-Stück in die Hand. Es solle sich etwas Süßes davon kaufen. Ich muss die Frau so entsetzt angesehen und dabei den Kopf so heftig geschüttelt haben, dass sie kurz die Hand zurückzog und glaubte, etwas falsches getan zu haben. Schnell brachte ich meine Gesichtszüge unter Kontrolle und versuchte mich an einem Lächeln. Mein gestottertes „Danke, wäre nicht nötig gewesen“ klang für mich selbst wenig überzeugend. Wie ich noch über die Absurdität des eben Geschehenen nachdachte, ging die Frau schon weiter, drehte sich noch einmal kurz um und meinte, immerhin wäre heute ja Feiertag. Es war der 3. Oktober. Verrückt.

Mein Kind hat sich von dieser Überraschung schnell erholt und durchforschte mit Hingabe die Süßigkeitenregale des nächsten Späti-Geschäfts. Ich war immer noch geschockt und beobachtete erstaunt, wie mein Kind zielstrebig ein Überraschungsei griff, an die Kasse trat und der Kassiererin das Ei und das Geld entgegen streckte. Fertig. So einfach kann es sein. Nimm das Gute, das dir widerfährt, einfach hin, und sei froh.

 

Lehrer – Soldat – Genosse

Sie wurde unter der Treppe links vom Eingang eingerichtet: die Egon-Schultz-Gedenkecke in unserer Schule. „Lehrer, Soldat, Genosse“, das war er. Ein pflichtgetreuer Bewacher der Grenze unserer DDR, an der er in Ausübung seines Liebesdienstes hinterrücks von den faschistischen Feinden aus dem Westen erschossen wurde. Auf dem Tisch in der Ecke stand sein gerahmtes Foto, eine regelmäßig abzustaubende Büste, eine Urkunde für irgendwas und natürlich eine Vase mit stets mit frischen Blumen. Wir Schüler_innen ehrten Egon Schultz, denn unsere Schule durfte seinen Namen tragen. So wurde es uns eingeimpft. An jedem Schultag kamen wir an der Gedenkecke vorbei, aber vor allem starrten wir gefühlte Ewigkeiten auf sein Porträt, das direkt gegenüber der Eingangstür hing, vor der wir auf den Einlass warteten und uns drängelten.

Genau dieses Foto begegnete mir Jahre später wieder und holte alte Erinnerungen zurück. In dem Buch „Der Tod des Grenzsoldaten“ erzählt ein Freund über den Menschen Egon Schultz und untersucht den Tötungsfall im Jahre 1964. Nie spielte es eine Rolle, dass Egon Schultz nicht nur Lehrer, Soldat und Genosse war, sondern auch und zuerst ein Mensch, ein Freund, ein Sohn und ein Mann. Er war Vorbild, Beweis für die Niedertracht des Westens, Rechtfertigung der Mauer. Das nahm ich als Kind so auf und hin. Weiter dachte ich nicht. Dabei hatte Egon Schultz Träume, einen Plan für seine Zukunft und suchte nach einer passenden Frau. Zum Lehrer fühlte er sich berufen, den Dienst bei der Nationalen Volksarmee konnte er nicht verweigern (und war wenig darüber begeistert) und Parteimitglied der SED, nun ja, das war Voraussetzung, um als Lehrer in der DDR arbeiten zu dürfen. Es hat mich gerührt, das zu lesen. Es stimmte mich traurig und dann wütend, wie dieser Mensch und sein Schicksal von der DDR-Regierung missbraucht wurde. Aus dem Individuum wurde eine ideologische Figur, die zudem auf einer Lüge basierte. Egon Schultz wurde von den flüchtenden Tunnelgräbern angeschossen, einmal. Er  wurde aber auch von seinem eigenen Kameraden – versehentlich – angeschossen, mehrfach. Es lies und lässt sich nicht eindeutig klären, welche Schussverletzung zum Tod führte. Aber die Stümperhaftigkeit des Einsatzes und die Unerfahrenheit der Soldaten haben wesentlich dazu beigetragen, dass Egon Schultz verstarb. So oder so. Egon Schultz war ein Opfer der Mauer, er war auch ein Opfer der kommunistischen DDR-Diktatur und verdient es wie alle, als verstorbener MENSCH betrauert zu werden.

Adventskalender

In diesem Jahr habe ich 4 Adventskalender – nochmal deutlich: V I E R – gebastelt: für mein Kind (natürlich für mein Kind), für meinen Mann (so eine Gute bin ich), für meine Mama (wie schon seit 20 Jahren) und sogar für meine Schwiegermutter (Pluspunkte sammeln für das nächste Fettnäpfchen). Und wie viel Adventskalender bekomme ich? KEINEN. Nochmal in Zahlen: 0. Nun ja, von meinem Kind war das nicht zu erwarten. Es ist gerade einmal 4 Jahre jung. Von meinem Mann war das auch nicht zu erwarten. Der ist zwar älter, aber diese Aufgabe stand nicht auf seiner To-Do-Liste. Hat ihm niemand drauf geschrieben. Meine Schwiegermutter hatte keine Veranlassung, das ist ok. Doch meine Mutter hatte eine Veranlassung, nein, nicht nur Veranlassung, ich würde sogar sagen, eine Pflicht. Das Argument, ich wäre ja nun schon 40 Jahre alt, kann ich nicht gelten lassen. Seit wann hat ein Adventskalender etwas mit dem Alter zu tun? Aber ich will gerecht sein: es ist nicht so, dass ich von meiner Mutter gar keinen Adventskalender bekommen habe. Nur eben nicht am 1. Dezember. Das ist der Tag, an dem mit dem Türchen-Öffnen begonnen wird. Das ist allgemein bekannt und kam keineswegs überraschend. Trotzdem ist meine geliebte Mutter in Verzug und schenkt mir den sehnsüchtig erwarteten Adventskalender erst am 8. Dezember. Die Verspätung macht sie mir tatsächlich mit dem Argument schmackhaft, ich könnte dann am 8. Dezember gleich ACHT Türchen auf einmal aufmachen. Was für eine Freude. Ich schlug ihr vor, mir den Kalender Heilig Abend unter den Baum zu legen, dann könnte ich gleich ALLE Türchen aufmachen und hätte noch viel, viel mehr Freude. Als Antwort kam nur ein müdes Lächeln. Dieses Versäumnis werde ich ihr wohl noch eine Weile vorhalten. Strafe muss sein.