Gottesdienst der anderen Art

Einen Gottesdienst der anderen Art besuchten wir im Urlaub in Österreich: er war open-air, begleitet von einer Blaskapelle und – katholisch. Für mich als evangelische Christin eine interessante Sache.

Mein Kind begleitete mich und langweilte sich wie alle Kinder. Im Gegensatz zu dem Mädchen, das neben uns ganz still und artig auf dem Schoß der Oma saß, teilte mein Kind seine Gemütsverfassung lautstark mit. Jeder dritte Satz war: „Mir ist weillange!“, was angesichts der Ernsthaftigkeit der Veranstaltung nicht gerade auf Verständnis der Gläubigen stieß. Neugierig und wissbegierig wurde jede Handlung des Pfarrers von ihm mit „Was macht der da?“ kommentiert. (Und das war oft, denn der Pfarrer wedelte mit dem Weihrauch, hob die Hände zum Segen, brach die Hostie, trank vom Wein, reinigte den Weinbecher, trat vor und hinter und wieder vor den Altar.) Meine geflüsterte, möglichst kurze Antwort quittierte es zu meinem Leidwesen und dem aller Anwesenden jedes Mal mit einem lauten „Warum?“.

Oh, Herr im Himmel, lass das Kind für nur 5 Minuten seinen Mund halten. Gott lauschte jedoch gerade dem liturgischen Gesang der Kirchengemeinde – und mein Kind fing an zu trällern. Das macht kind halt so, wenn ihm so furchtbar „weillange“ ist. Alle meine bösen Blicke, „Sch´s“ und Drohungen fruchteten nicht. Erst als mein Kind nach einem Stück der Blaskapelle, in dem Moment, in dem die Gläubigen den verklingenden Tönen der Musik nachlauschen und aus ihrer inneren Andacht zurückkehren, voller Inbrunst „uffda uffda uffda“ rief, sprang ich hektisch auf, riss mein Kind von der Bank und suchte ohne einen Blick zurück das Weite. Wie gesagt, ein Gottesdienst der anderen Art.

Frischer Fisch

Hungrig saßen wir in der See-Alm, einem Restaurant in idyllischer Gegend. In Sichtweite grasten entspannt Rehe auf einer umzäunten Wiese, nebenan plätscherte leise der Forellenteich vor sich hin und im Hintergrund erhoben sich majestätisch die Berge. Wir waren im Urlaub und genossen die kulinarischen Eigenheiten Österreichs. Ich bestellte Kasnocken, die ich bis dahin noch nie gegessen hatte, mein Mann Fisch. Die Getränke wurden schon serviert und so nippten wir an unseren Gläsern und plauderten. Plötzlich riss uns eine Frau aus dem Gespräch, indem sie uns einen Eimer mit Wasser, in dem ein Fisch zappelte, hinhielt und fragte „Forelle?“

Ach herrje, dachte ich, bei uns in Berlin kommen die Inder an den Tisch und verkaufen Rosen, in Österreich werden Fische verkauft. Ich lehnte dankend und gequält lächelnd ab. Mein Mann jedoch rief sofort: „Forelle? Ja, hier!“, und beugte sich begutachtend über den Eimer. Ok, denke ich, kaufen wir Fisch für unser morgiges Abendbrot. Im Geiste ging ich meine Einkaufsliste durch: welches Gemüse passt wohl dazu, verfügt unsere Ferienküche über Öl zum Braten, Salz- oder Bratkartoffeln als Beilage. Ich war noch nicht ganz fertig mit meinen Überlegungen, verschwand die Dame mit der Forelle in der Restaurantküche. Nun war ich komplett verwirrt. Mein Mann dagegen nickte kennerhaft und schob anerkennend die Unterlippe vor. „Der Fisch ist hier echt frisch.“ Jetzt erst begriff ich. Die von ihm bestellte Forelle zum Abendessen wird in diesem Restaurant fangfrisch zubereitet, offenbar gerade von der Mitarbeiterin des Restaurants aus dem Teich geangelt und dem Gast als Beweis des Frischegrades vorgeführt. Seltsame Bräuche. In dem Moment war ich echt froh, dass mein Mann entgegen seines ursprünglichen Planes nicht Rehrücken bestellt hatte.

Mein schönstes Ferienerlebnis

Zwei Wochen Urlaub in Österreichs Bergen mit der Familie – das waren Tage ohne Uhr für die Eltern, nicht-gestresste Eltern für das Kind und tolle Erlebnisse für alle. Auf dem Programm standen ein Ausflug in die salzigen Unterwelten Salzburgs, Fahrten in luftiger Höhe mit der Seilbahn, traditionelle Blasmusik inklusive Segnung des neuen Feuerwehrwagens mit Weihwasser und Weihrauch durch den örtlichen Pfarrer, eine kurze aber stufige Wanderung durch eine Klamm, der Besuch von Ritterburgen mit quietschenden Ritterrüstungen in der Ausstellung und natürlich immer wieder die Berge. Kulinarisch testeten wir österreichische Spezialitäten von Pongauer Kasnocken über Tiroler Leber bis hin zum Kaiserschmarrn. Der Bauernhof, auf dem wir uns einquartierten, bot, was sich gehörte: Kühe plus Kälbchen, Hühner, Ziege, Esel, Pony, Enten, Hund und Katze plus Katzenjunge sowie Traktor und diverse Anhänger. Das war natürlich vor allem für das Kind ein Abenteuerspielplatz.

Wieder zu Hause fragte ich mein Kind in ruhiger Minute nach seinem schönsten Erlebnis im Urlaub. Nach kurzer Überlegung folgte die Antwort: Toastbrot! (Übersetzung: Das Toasten von Toastbrot mit dem Toaster. Erklärung: Im Gegensatz zu unserer eigenen Küche verfügte die im Urlaub über einen Toaster. Der größte Spaß meines Kindes bestand darin, Toastscheiben in den Toaster zu schieben, den Regler runterzudrücken, um dann auf den überraschenden Moment zu warten, wenn die Brotschreibe wider Erwarten von allein rausspringt und zur größten Freude mal nicht verbrannt war, weil ausnahmsweise „niemand“ am Regler rumspielte und die Toastzeit auf 6 Minuten erhöhte.) Ein wenig pikiert frage ich, ob ihm noch etwas anderes einfallen würde. Ja, tat es: Fernsehen.

Na toll, 10 Stunden Autofahrt und mehrere Hundert Euro für Toastbrot und Fernsehen. Das ginge zu Hause weniger anstrengend und preiswerter. Als Eltern waren wir so bemüht, unserem Kind gleich mehrere schönste Ferienerlebnisse zu bescheren, haben weder Mühen noch Kosten gescheut. Und das ist das Ergebnis? Damit wollte ich mich nicht abfinden. Ich fragte weiter und bekam doch noch eine zufriedenstellende Antwort: Ali (der Hund auf dem Bauernhof) und Katzen. Na immerhin, etwas Schönes ist in seiner Erinnerung hängen geblieben. Wir üben schon für den obligatorischen Schulaufsatz, mit dem sich jedes Schulkind quälen darf: „Mein schönstes Ferienerlebnis“.

Weihnachtsmusik im Sommer?

Ein Schweißtropfen läuft mir den Rücken runter. Konzentriert verfolge ich ihn in Gedanken und warte, bis er in der Poritze verschwindet. Meine Atmung halte ich ganz flach. Nur wenn es unbedingt sein muss, atme ich. Ich schwitze an Körperstellen, von denen ich nicht einmal ahnte, dass dort Schweißdrüsen sitzen: am Schienbein, auf den Augenlidern und auf dem Handrücken. Ich bin fasziniert und gleichzeitig furchtbar genervt. Seit Tagen herrschen 35 Grad Celsius. Es ist Sommer. Ich komme mit dem Trinken gar nicht so schnell hinterher, wie mein Körper Flüssigkeit ausdampft.

Aber im Nebenzimmer ertönt fröhlich und laut Rolf Zuckowskis „Weihnachtsbäckerei“ und ein seliges „Stern von Bethlehem“. Mein Kind hat in seiner nicht ganz so kleinen CD-Sammlung die Weihnachts-CD entdeckt und spielt sie nun täglich rauf und runter. Es hätte auch die CD von Findus und Petterson greifen können oder den Traumzauberbaum von Reinhard Lakomy oder meinetwegen die mit den traditionellen Kinderliedern. Nein, es musste die mit den Weihnachtsliedern sein.
Mir ist klar, dass mein Kind noch wenig bis keine Vorstellung von Zeit hat: Gestern und heute sind oft dasselbe, bald und gleich ist auch schwer auseinander zu halten. Aber dass Weihnachten im Winter gefeiert wird, wenn es kalt ist, ganz im Gegensatz zu den derzeitigen Temperaturen, müsste ihm doch klar sein, oder?

Vielleicht ist es das und ihm einfach nur wurscht. Die Musik klingt schön, egal, ob sie jahreszeitlich passt oder nicht. Nur wir Erwachsenen kämen nie auf die Idee, Weihnachtslieder im Sommer zu hören. Warum eigentlich? Der Text von der „Weihnachtsbäckerei“ ist lustig: Rezept weg, Hände VOR dem Teigkneten schmutzig („Du Schwein“) und die Plätzchen verbrannt. Da hat der Rolf richtig was drauf. Musik ist unabhängig vom Klima. Also lass ich mein Kind seine Weihnachtsmusik hören, erfreue mich an seinen Mit-Sing-Versuchen und verspreche dem Kindsvater, den CD-Player auf jeden Fall NICHT mit in den Sommerurlaub zu nehmen.