#89

An Stelle 89 auf meiner Löffelliste steht: Einmal mit einem mega schnellen Auto über die Autobahn rasen, immer linke Spur, 250 km/h, Dauerlichthupe und ein festgefrorenes süffisantes Lächeln für die Überholten.
Einmal nur will ich die Schnellste sein, an den anderen arrogant und frech vorbeiziehen und ihnen einen mitleidigen Blick zuwerfen.
Einmal nur will ich die immense Kraft eines PS-starken Motors unter meinem Po spüren und nicht, wie sonst, beim Überholmanöver mit dem Oberkörper vor- und zurückschwingen, um dem Auto zusätzlichen Anschub zu geben.
Einmal nur will ich ohne Verzögerung und rucki-zucki anfahren, ohne dass das Auto erkennbar aufheult vor Anstrengung.
Einmal nur will ich den sogenannten Tunnelblick haben, weil die rasant an mir vorüberziehende Landschaft verschwimmt.
Welch irre Vorstellung! Das WILL ich mal machen, bevor es vorbei ist. Aber seit diesem einen Tag im August heißt es: Das WOLLTE ich mal machen. Denn um ein Haar wäre es da schon vorbei gewesen. Mit dem Auto frontal gegen einen Baum geknallt – und schon war mein Bedarf an Schnell-Fahren wie weggeblasen. Bei dem Unfall war ich zwar weder zu schnell unterwegs, noch bin ich riskant gefahren. Doch ein kurzer Moment reicht aus, und das Auto gerät außer Kontrolle – und dass, obwohl ich mich an die Verkehrsregeln hielt. Der Schaden war enorm, hätte aber viel größer sein können. Das Auto war ein Fall für den Schrottplatz, ich Gott-sei-Dank nicht. Blaue Flecken und ein riesiger Schreck. Ich höre heute noch das metallische Krachen, als sich die Motorhaube wie eine Ziehharmonika zusammenfaltete. Mein Selbstbewusstsein als Autofahrerin erhielt einen leichten Knacks, meine Selbstsicherheit auf der Straße musste ich mir schwer zurückerobern. Jetzt fahre ich gemächlich, stets auf Entspanntheit bedacht, lass die anderen rasen und zackig überholen. Mein Bedarf an einer Autoraserei ist gedeckt, der Wunsch nach dem Geschwindigkeitsrausch verblast. Der Kontrollverlust hat sich mir tief eingeschrieben. Insofern hatte der Unfall ein Gutes: Punkt 89 meiner Löffelliste kann ich abhaken und mich der Erfüllung anderer Punkte widmen.

Hurra, ich bin geimpft!

Am Tag meiner ersten Impfung war ich vor Aufregung bereits um fünf Uhr früh wach. Nach zweimonatiger Wartezeit war endlich mein erster Impftermin gegen Covid 19 gekommen. Überpünktlich gesellte ich mich vor dem Impfzentrum zu den anderen wartenden Impfwilligen. Die Schlange war noch nicht so lang, so dass es zügig voranging. Als ich endlich das Gebäude betrat, wurde ich augenblicklich angesogen von der Maschinerie des Impfvorganges. Alle zwei Meter standen Ordner*innen, Wegweisende, Aufpassende, Hinweisgebende und Richtungszeigende, die sicherstellten, dass sich von uns Patient*innen niemand verlief oder gar nur einen Fuß auf den falschen Weg setzen könnte. Der Ablauf war straff durchorganisiert: Ausweis zeigen, Taschenkontrolle, Hände desinfizieren, auf diesen Stuhl setzen, weiter zur Kabine 15, Papiere zeigen und Unterschrift leisten, wieder warten, mit dem Startpfiff weiter laufen und scharf links einbiegen in die Impfstraße geradewegs zur Impfstation Nummer 25, ausziehen, Arm zeigen, Pieks, anziehen, weiter Richtung Ausgang, auf einen anderen Stuhl setzen und eine Viertelstunde warten zwecks Beobachtung und Wasser trinken, dann endlich Entlassung in die Freiheit. Die ganze Prozedur ging flott vonstatten – zackig, wie wir Deutschen es gern haben. Ein wenig fühlte ich mich wie ein Brötchen auf der Backstraße, das ohne aktives Zutun vorbei geschoben wird an den einzelnen Fertigungsstationen: Kneten, Formen, Backen, Abkühlen, Verpacken. Von den grellen Farben der Warnwesten des Personals eingeschüchtert, achtete ich aufmerksam auf deren Handzeichen und war ernsthaft bemüht, die Anweisungen richtig zu deuten. Ob des Lärmpegels in der Halle waren verbale Ansagen schwer zu verstehen. Das Tragen der Mund-Nasen-Masken tat sein Übriges. Ich freute mich jedes Mal, hatte ich die Anweisungen korrekt ausgeführt, genauso wie ein Kind in der Schule, das die Frage des Lehrenden richtig beantworten kann. „Richtig, du darfst weiter!“ Und so fieberte ich meinem Ziel, der Impfung und damit, das Richtige zu tun, entgegen. Wobei „Fiebern“ hier nicht das richtige Wort ist. Ich hatte natürlich kein Fieber. Das wurde am Eingang zwischen Ausweis zeigen und Taschenkontrolle gecheckt. Hatte ich vergessen bei der Aufzählung.

Was ich auch nicht erwähnt habe, war meine mitgebrachte Lektüre. Ich verlasse das Haus nie ohne etwas zu Lesen: ein Buch, ein Magazin, eine Zeitung oder die Liebesbriefe meines ersten Freundes, die ich beim letzten Ausmisten wieder gefunden habe. Es könnte ja sein, ich müsste irgendwo länger als zwei Minuten warten. Selbst diese Zeit will sinnvoll genutzt werden. Einfach nur Löcher in die Luft starren, „is nich“. An diesem Tag griff ich vor dem Losgehen blind das zuoberst liegende Exemplar auf meinem „Noch-zu-Lesen-Stapel“ und erwischte eine kleine Broschüre zum Aufbau, dem Betrieb sowie der Einrichtung des Museums des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz.

Ich blickte also während der Warteminuten im Impfzentraum auf schwarz-weiß-Fotos langer Menschenschlangen vor Eisenbahnzügen, die eingekreist waren von Uniformierten, die sie in die gewünschte Richtung trieben. Zeitgleich lotsten mich die Ordner*innen zur nächsten Station. Ich las über die Selektionen an der Rampe, während mein Vordermann in der Reihe nach links, ich nach rechts und die Frau hinter mir wieder nach links geschickt wurden. Unsere Schlange wurde auf dem Weg zu den Impfkabinen geteilt.

Plötzlich entdeckte ich ganz ungewollt Parallelen und fühlte einen Anflug von Angst und Hilflosigkeit. Die perfide Assoziation meiner Situation mit den Opfern des Holocaust führte dazu, dass ich mich furchtbar schämte und selbst schimpfte. Arbeitete mein Gehirn gerade in der gleichen Manier wie die der Querdenker*innen: Kinder ohne Kontakt zu Spielgefährt*innen fühlen sich wie Anne Frank, die Impfung gleicht den todbringenden Menschenversuchen eines Mengele, Ungeimpfte müssen sich durch eine Markierung a lá gelber Judenstern zu erkennen geben und einer Diskriminierung aussetzen? Ich war entsetzt über meine gedanklichen – Gott, sei Dank nur flüchtige – Entgleisungen und bekam ein schlechtes Gewissen. Ich musste mir nicht wirklich vergegenwärtigten, dass ich nicht gefoltert, sondern höflich behandelt werde, dass mir nicht nach dem Leben getrachtet wurde, vielmehr dieses durch die Impfung geschützt werden sollte.

Ich schob das Gehirnchaos auf die emotional aufwühlende Lektüre und gelobte, in Zukunft bei der Auswahl mehr auf die thematische Vereinbarkeit mit dem bevorstehenden Termin zu achten.

Peinlich berührt schlich ich am Ende des Parcours zur Toilette, wusch mir die Hände und schüttelte die fruchtbaren Bilder und absurden Vergleiche ab. Ich war und bin dankbar, für die Möglichkeit zur Impfung. Damit werden wir die Pandemie in den Griff bekommen. Kleinlaut klopfte ich mir auf Schulter. Leider war es die geimpfte. Vor Schmerz schrie ich auf – und war stolz. Auch wenn die Ärztin sich darüber amüsierte, dass mir dieser „klitzekleine“ Nadelpieks weh tat.