Die Rotznasen-App oder: Dinge, die die Welt – wohl leider doch – braucht

rotznase2Immer häufiger beobachte ich, wie Mütter ihre kleinen Kinder ignorieren, weil sie sich zu sehr auf ihr smartphone konzentrieren. Ob an der Bushaltestelle, in der Tram oder im Warteraum beim Kinderarzt – Mama reagiert auf Ansprache des Nachwuchses nicht, weil sie zu sehr vertieft ist in …. Ja, in was eigentlich? Was ist so wichtig, dass die eigenen Kinder hinten an stehen? Als frisch gebackene Eltern lernt man sehr schnell, die Ohren auf Durchzug zu stellen. Andauerndes Gequengel auf dem Heimweg oder das Sich-in-den-Schlaf-Weinen im Bett müssen von den Erziehungsberechtigten weder beantwortet noch können sie durch tröstende Worte bekämpft werden. Da hilft nur Augen zu (und Ohren) und durch. Aber wenn das Kind etwas mitteilen möchte, muss es von seinen Vorbildern die ihm gebührende Aufmerksamkeit erwarten dürfen und auch bekommen. Eine Begebenheit in der Tram: Ein zweijähriges Mädchen in der Tram niest mit einer Inbrunst, dass es mir beim bloßen Zuhören selbst die Nase durchlüftet. Offensichtlich etwas erkältet, stürzen sich aus den kleinen Nasenlöchern sogleich zwei Rotzbäche. Das Mädchen blickt hilfesuchend Richtung Mama. Die glotzt aber auf ihr smartphone, für ihre Umgebung blind. Das Mädchen gibt einen Laut von sich. Bei Mama nichts. Die Kleine wiederholt ihre verbalen, noch recht eingeschränkten Versuche, die Blicke der Mama auf sich zu ziehen. Nichts. Also entfernt das Kind die Quelle seines Unwohlseins mit eigenen, ihm zur Verfügung stehenden Mitteln, nämlich Zunge und Jackenärmel. Nun endlich blickt die Mama auf und ihrem Kind – fragend – ins Gesicht, das inzwischen sauber ist. Allerdings auf Kosten der Gesundheit des Kindes und des Magens der Mitfahrenden, die Zeugen des Säuberungsvorganges wurden.
Hier könnte eine Rotznasen-App Abhilfe schaffen. Mittels Fühler der Luftfeuchte in der Umgebung erkennt das mobile Gerät eine tropfende Nase und gibt Alarm. Mama kann also zeitnah reagieren. Theoretisch. Das Funktionieren setzt natürlich voraus, dass das Gerät ständig in Benutzung ist und möglichst auf Kopfhöhe des Kindes gehalten wird. Klappt in den oben drei beschriebenen Situationen gut. Für die Gewähr der Funktion auch im Stehen oder Laufen muss lediglich die Reichweite des Fühlers erweitert werden. In diesem Fall kann es allerdings vorkommen, dass das Gerät ständig Alarm gibt, weil auch der eine oder andere Mitpassant offenbar die Wohnung in Hast verlassen und seine Taschentücher vergessen hat. Dann schleicht sich schnell der Effekt wie beim Zicklein mit der Glocke ein: Dreimal hat es nur zum Spaß geklingelt und die Geiß eilte umsonst zu Hilfe. Doch beim vierten Mal, als es Ernst war und der böse Wolf das Geißlein bedrohte, bleib sie weg. Auch die Mama mit dem smartphone wird dann schnell beim Rotznasen-App-Alarm auf Durchzug schalten. Was bleibt, ist die altmodische Form des Aufpassens: Schau hin und achte auf dein Kind!

PS: In der Schilderung habe ich keinesfalls das Rollenklischee „Die Frau ist zuständig für die Kindererziehung.“ bedient oder auf das Gendern aus Faulheit verzichtet. Vielmehr sind mir in diesen Situationen tatsächlich nur Mütter begegnet, keine Väter. Das mag entweder daran liegen, dass nur Frauen so fixiert sind auf ihre mobilen Geräte oder daran, dass meist die Mütter Kinderarztbesuche und den Kita-Hol- und –Bringedienst erledigen. Damit wäre dann allerdings das obige Rollenklischee bewiesen. Aber das ist eine andere Sache.

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