#89

An Stelle 89 auf meiner Löffelliste steht: Einmal mit einem mega schnellen Auto über die Autobahn rasen, immer linke Spur, 250 km/h, Dauerlichthupe und ein festgefrorenes süffisantes Lächeln für die Überholten.
Einmal nur will ich die Schnellste sein, an den anderen arrogant und frech vorbeiziehen und ihnen einen mitleidigen Blick zuwerfen.
Einmal nur will ich die immense Kraft eines PS-starken Motors unter meinem Po spüren und nicht, wie sonst, beim Überholmanöver mit dem Oberkörper vor- und zurückschwingen, um dem Auto zusätzlichen Anschub zu geben.
Einmal nur will ich ohne Verzögerung und rucki-zucki anfahren, ohne dass das Auto erkennbar aufheult vor Anstrengung.
Einmal nur will ich den sogenannten Tunnelblick haben, weil die rasant an mir vorüberziehende Landschaft verschwimmt.
Welch irre Vorstellung! Das WILL ich mal machen, bevor es vorbei ist. Aber seit diesem einen Tag im August heißt es: Das WOLLTE ich mal machen. Denn um ein Haar wäre es da schon vorbei gewesen. Mit dem Auto frontal gegen einen Baum geknallt – und schon war mein Bedarf an Schnell-Fahren wie weggeblasen. Bei dem Unfall war ich zwar weder zu schnell unterwegs, noch bin ich riskant gefahren. Doch ein kurzer Moment reicht aus, und das Auto gerät außer Kontrolle – und dass, obwohl ich mich an die Verkehrsregeln hielt. Der Schaden war enorm, hätte aber viel größer sein können. Das Auto war ein Fall für den Schrottplatz, ich Gott-sei-Dank nicht. Blaue Flecken und ein riesiger Schreck. Ich höre heute noch das metallische Krachen, als sich die Motorhaube wie eine Ziehharmonika zusammenfaltete. Mein Selbstbewusstsein als Autofahrerin erhielt einen leichten Knacks, meine Selbstsicherheit auf der Straße musste ich mir schwer zurückerobern. Jetzt fahre ich gemächlich, stets auf Entspanntheit bedacht, lass die anderen rasen und zackig überholen. Mein Bedarf an einer Autoraserei ist gedeckt, der Wunsch nach dem Geschwindigkeitsrausch verblast. Der Kontrollverlust hat sich mir tief eingeschrieben. Insofern hatte der Unfall ein Gutes: Punkt 89 meiner Löffelliste kann ich abhaken und mich der Erfüllung anderer Punkte widmen.

Hurra, ich bin geimpft!

Am Tag meiner ersten Impfung war ich vor Aufregung bereits um fünf Uhr früh wach. Nach zweimonatiger Wartezeit war endlich mein erster Impftermin gegen Covid 19 gekommen. Überpünktlich gesellte ich mich vor dem Impfzentrum zu den anderen wartenden Impfwilligen. Die Schlange war noch nicht so lang, so dass es zügig voranging. Als ich endlich das Gebäude betrat, wurde ich augenblicklich angesogen von der Maschinerie des Impfvorganges. Alle zwei Meter standen Ordner*innen, Wegweisende, Aufpassende, Hinweisgebende und Richtungszeigende, die sicherstellten, dass sich von uns Patient*innen niemand verlief oder gar nur einen Fuß auf den falschen Weg setzen könnte. Der Ablauf war straff durchorganisiert: Ausweis zeigen, Taschenkontrolle, Hände desinfizieren, auf diesen Stuhl setzen, weiter zur Kabine 15, Papiere zeigen und Unterschrift leisten, wieder warten, mit dem Startpfiff weiter laufen und scharf links einbiegen in die Impfstraße geradewegs zur Impfstation Nummer 25, ausziehen, Arm zeigen, Pieks, anziehen, weiter Richtung Ausgang, auf einen anderen Stuhl setzen und eine Viertelstunde warten zwecks Beobachtung und Wasser trinken, dann endlich Entlassung in die Freiheit. Die ganze Prozedur ging flott vonstatten – zackig, wie wir Deutschen es gern haben. Ein wenig fühlte ich mich wie ein Brötchen auf der Backstraße, das ohne aktives Zutun vorbei geschoben wird an den einzelnen Fertigungsstationen: Kneten, Formen, Backen, Abkühlen, Verpacken. Von den grellen Farben der Warnwesten des Personals eingeschüchtert, achtete ich aufmerksam auf deren Handzeichen und war ernsthaft bemüht, die Anweisungen richtig zu deuten. Ob des Lärmpegels in der Halle waren verbale Ansagen schwer zu verstehen. Das Tragen der Mund-Nasen-Masken tat sein Übriges. Ich freute mich jedes Mal, hatte ich die Anweisungen korrekt ausgeführt, genauso wie ein Kind in der Schule, das die Frage des Lehrenden richtig beantworten kann. „Richtig, du darfst weiter!“ Und so fieberte ich meinem Ziel, der Impfung und damit, das Richtige zu tun, entgegen. Wobei „Fiebern“ hier nicht das richtige Wort ist. Ich hatte natürlich kein Fieber. Das wurde am Eingang zwischen Ausweis zeigen und Taschenkontrolle gecheckt. Hatte ich vergessen bei der Aufzählung.

Was ich auch nicht erwähnt habe, war meine mitgebrachte Lektüre. Ich verlasse das Haus nie ohne etwas zu Lesen: ein Buch, ein Magazin, eine Zeitung oder die Liebesbriefe meines ersten Freundes, die ich beim letzten Ausmisten wieder gefunden habe. Es könnte ja sein, ich müsste irgendwo länger als zwei Minuten warten. Selbst diese Zeit will sinnvoll genutzt werden. Einfach nur Löcher in die Luft starren, „is nich“. An diesem Tag griff ich vor dem Losgehen blind das zuoberst liegende Exemplar auf meinem „Noch-zu-Lesen-Stapel“ und erwischte eine kleine Broschüre zum Aufbau, dem Betrieb sowie der Einrichtung des Museums des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz.

Ich blickte also während der Warteminuten im Impfzentraum auf schwarz-weiß-Fotos langer Menschenschlangen vor Eisenbahnzügen, die eingekreist waren von Uniformierten, die sie in die gewünschte Richtung trieben. Zeitgleich lotsten mich die Ordner*innen zur nächsten Station. Ich las über die Selektionen an der Rampe, während mein Vordermann in der Reihe nach links, ich nach rechts und die Frau hinter mir wieder nach links geschickt wurden. Unsere Schlange wurde auf dem Weg zu den Impfkabinen geteilt.

Plötzlich entdeckte ich ganz ungewollt Parallelen und fühlte einen Anflug von Angst und Hilflosigkeit. Die perfide Assoziation meiner Situation mit den Opfern des Holocaust führte dazu, dass ich mich furchtbar schämte und selbst schimpfte. Arbeitete mein Gehirn gerade in der gleichen Manier wie die der Querdenker*innen: Kinder ohne Kontakt zu Spielgefährt*innen fühlen sich wie Anne Frank, die Impfung gleicht den todbringenden Menschenversuchen eines Mengele, Ungeimpfte müssen sich durch eine Markierung a lá gelber Judenstern zu erkennen geben und einer Diskriminierung aussetzen? Ich war entsetzt über meine gedanklichen – Gott, sei Dank nur flüchtige – Entgleisungen und bekam ein schlechtes Gewissen. Ich musste mir nicht wirklich vergegenwärtigten, dass ich nicht gefoltert, sondern höflich behandelt werde, dass mir nicht nach dem Leben getrachtet wurde, vielmehr dieses durch die Impfung geschützt werden sollte.

Ich schob das Gehirnchaos auf die emotional aufwühlende Lektüre und gelobte, in Zukunft bei der Auswahl mehr auf die thematische Vereinbarkeit mit dem bevorstehenden Termin zu achten.

Peinlich berührt schlich ich am Ende des Parcours zur Toilette, wusch mir die Hände und schüttelte die fruchtbaren Bilder und absurden Vergleiche ab. Ich war und bin dankbar, für die Möglichkeit zur Impfung. Damit werden wir die Pandemie in den Griff bekommen. Kleinlaut klopfte ich mir auf Schulter. Leider war es die geimpfte. Vor Schmerz schrie ich auf – und war stolz. Auch wenn die Ärztin sich darüber amüsierte, dass mir dieser „klitzekleine“ Nadelpieks weh tat.

Möbelkauf

Unser Sofa ist nun endgültig hin: Hund und Kind haben ganze Arbeit geleistet. Also hieß es für uns am letzten Wochenende: Ab ins Möbelparadies auf die Jagd nach einer neuen Wohnlandschaft. Die gemeinsame Suche nach einem geeigneten Stück sorgte bereits im Vorfeld für Stress bei mir. Mein Lebenspartner und ich sind uns in den meisten Dingen des Lebens verlässlich nie einig. Unsere Geschmäcker und Vorstellungen gehen so weit auseinander, dass wir uns manchmal aus den Augen verlieren. Nun bietet unsere Wohnung jedoch nur begrenzt Platz, so dass wir keine zwei Sofas aufstellen können, sondern uns – irgendwie – auf eines verständigen sollten. Eine Herausforderung der besonderen Art.

Unser Ausflug in die Möbelwelt brachte dann erstaunlicher Weise ein schnelles zufriedenstellendes Ergebnis. Wir fanden ein Sofa, das nicht nur die passenden Funktionen aufwies, sondern auch in Form und Größe ansprechend war – und zwar für uns beide. Nach nur einer halben Stunde Probesitzen wurden wir fündig. Das hielt meinen Besten jedoch nicht davon ab, weitere 1 ½ Stunden sämtliche Sitzmöbel auszuprobieren, hoch und runter zu wippen, die Beine hochzulegen, die Lehnen nach hinten zu verstellen, fachmännisch mit dem Kopf zu nicken und mich auf das eine oder andere Detail hinzuweisen.

Unser Kind unternahm in der Zwischenzeit eigene Expeditionen. Auf dem Einkaufswagen stehend holte es Schwung und raste zwischen Tisch und Stuhl durch die Abteilung, um hin und wieder gegen nämliche zu knallen und böse Blicke des Verkaufspersonals zu ernten. Die störten unser Kind wenig, mich dafür umso mehr, wenn ich mich als Mutter dieses Rennfahrers outete. Ich überredete unseren Sprössling, ein wenig Interesse für die Untersuchungen seines Vaters aufzubringen. Was er dann auch tat. Gerade rief mich unser Papa zu einer offenbar ganz besonderen Liegestatt und befahl mir, mich auf eine genau definierte Stelle zu setzen. Dann fragte er mich ganz aufgeregt, wie ich es finden würde und schaute mich mit großen Augen und kleinen Lachfältchen drum herum an. „Naja“, entgegnete ich gelangweilt, „ein Sofa halt.“ Mit Polstern und Kissen und so. Enttäuscht scheuchte mich der Gute hoch und fauchte, ich wäre wohl offenbar zu schwer. Irritiert beobachtete ich nun sein hastiges Drücken auf zwei mir bisher verborgen gebliebene Knöpfe an der Armlehne auf seiner Seite. „Schon kaputt!“ rief er verärgert und sprang hinter das Sofa, wo unser Kind breit grinsend stand und zugab, gerade den Stecker gezogen zu haben, wodurch die Stromzufuhr unterbrochen und mir die lustige Überraschung versaut wurde. Das Sitzteil dieses Möbels schiebt sich nämlich auf Knopfdruck nach vorn, was, wenn man es nicht weiß und nicht erwartet, ulkig ist. Diesen Spaß, der der Höhepunkt der nervenaufreibenden Safari durch den Möbeldschungel hätte sein können, hatte uns unser Kind verdorben. Auf dem Tisch vor dem Sofa lag, um das Wohnambiente möglichst naturgetreu nachzustellen, ein Buch von einem Herrn Professor Huber mit dem Titel „Kinderlos – warum?“ Nun ja, ich hätte da eine Antwort…

Keiner liebt mich

Heute früh höre ich im Radio das Lied „Ain´t nobody loves me like you“ von Chaka Khan und erinnere mich an eine Situation in meinem Leben, die ein klassischer Fall von Fehlinterpretation war. Heute schmunzele ich darüber, damals war es sehr schmerzhaft.

Ich sitze in einem Café mit meinem damaligen Freund und erkläre ihm, dass ich ihn nicht mehr lieben würde und die Beziehung beendet sei. Punkt. Er schaute mich eindringlich an und erwiderte mit furchtbar ernster und tragender Miene, auf der ganzen Welt gäbe es niemanden, der mich so lieben könne wie er es tue.

Sofort brach ich in bittere Tränen. Er wollte mir offenbar mit dieser bösartigen Behauptung eins auswischen und traf ins Schwarze. Ich war entsetzt darüber, dass ich offenbar so wenig liebenswert bin. Auf dieser großen Welt soll es für mich nur EINEN Mann geben, der mich wirklich liebt? Andere Frauen haben an jedem Finger zehn Männer, die sie vergöttern und lieben. Für mich aber hat der Herrgott nur einen einzigen vorgesehen? Weil ich weniger wertvoll bin? Und wenn das so ist, dann verabschiedete ich mich ja gerade von diesem einen Mann und müsste für den Rest meines Lebens ungeliebt bleiben. Das wäre ja entsetzlich! Aber ich möchte auch nicht mit einem Mann zusammen sein, den ich nicht liebe. Wie komme ich aus dieser Zwickmühle raus? Das war zu viel für meine durch die Trennung ohnehin gereizte Seele und mein angeknackstes Selbstbewusstsein.

Dabei gestand mir dieser arme Mann nur seine außerordentlich große Liebe, quasi ein letzter Versuch, mich zu halten. Wie muss ihn meine überzogene Reaktion irritiert haben? Vermutlich auch nicht mehr als meine E-Mail an ihn ein Jahr später, in der ich ihm kurz und knapp, aber mit doppeltem Ausrufezeichen, mitteilte, dass ich nun wieder mit einem Mann zusammen sei, der  mich sehr lieben würde. Das würde ja wohl beweisen, dass er NICHT der einzige Mann auf der Welt und ich durchaus (für mehr als nur einen Mann) liebenswert sei.

Inzwischen ist auch diese Beziehung vorbei und ich lebe mit dem Vater meines Kindes zusammen. Ein Beweis dafür, dass ich zwar nicht an jedem Finger zehn Partner aufzählen kann, aber immerhin mehr als zwei, und sogar einen, der es ernst genug für ein Kind mit mir meint. Ich überlege, ob ich meinem Ex-Ex-Freund dies in einer kurzen E-Mail mitteile, mit einem Ätsch am Ende!

Herz voller Gold

Mein Mann überrascht mich zu meinem Geburtstag mit dem Besuch eines Wohnzimmerkonzerts von Purple Schulz. Seit meiner Teenager-Zeit höre ich seine Musik und verbinde schöne Erinnerungen mit seinen Liedern. Ich war (fast zu Tränen) gerührt ob dieser unerwarteten und – ja, doch, auch – romantischen Überraschung. Unser Kind ließen wir in der Obhut seiner Oma und genossen diesen kulinarisch und vor allem musikalisch tollen Abend.

Purple Schulz ist nicht nur ein großartiger Musiker, sondern auch immer an seinem Publikum interessiert. So entwickelte sich zwischen den Liedern stets ein kleiner Dialog zwischen ihm und uns. Ich glaube, ein wenig prüfte er auch unser Fanwissen. Immerhin feiert er heuer sein 35jähriges Jubiläum. So fragte er beispielsweise, welches seiner alten Liebeslieder uns einfallen würde. Ich saß ganz vorn, und noch ehe ich es überdenken konnte, hörte ich mich sagen „Herz voller Gold“. In diesem Lied geht es um eine Sechzehnjährige, die ungewollt schwanger ist und sich auf dem Weg zum Abbruch befindet. Da der Zug jedoch Verspätung hat, bekommt sie Zeit, darüber nachzudenken. Und sie entdeckt, dass das Kind in ihr ein Verbündeter im Leben sein kann. Wenn sie beide Herzen schlagen spürt, fühlt sie ihr Herz voller Gold.
Eindeutig ein Liebeslied, ein Lied über die größte aller Lieben, die Liebe zu seinem Kind. Für mich ist das klar. Purple Schulz hingegen schaut mich irritiert an, neigt den Kopf langsam nach links und dann nach rechts, überlegt, spitzt den Mund und sagt gedehnt „Jaaaaaa, im weitesten Sinne….“, um gleich den Scherz nachzuschieben, dass in einem anderen Konzert ein Mann das Lied „Sehnsucht“ vorschlug, was auch kein klassisches Liebeslied ist, aber immerhin den Satz „Ich will raus.“ enthält, was ja so mancher, der in einer Beziehung steckt, schon mal gedacht hat. Ha, ha.

Ja, so ist das mit meinen Gedanken: Sie drehen sich nur um mein Kind.

Auch nach dem Konzert, als Purple Schulz zu unserem Tisch kam, meine neu gekaufte CD signierte und ein paar Worte mit uns wechselte, erzählte ich von meinem – pardon, unserem (Der Kindsvater saß ja dabei.) – Kind. Ich hätte ihm natürlich auch sagen können, dass ich seine Texte wahnsinnig kreativ und tiefsinnig finde, mich seine Musik immer wieder berührt, ich sein feines Lispeln irre sexy finde. Stattdessen sprach ich von meinem Kind und erzählte die komische Geschichte zu seinem Namen. Purple Schulz hörte geduldig zu, lächelte interessiert und verabschiedete sich zu seinem Feierabend-Bier.

Ich war beseelt nach diesem besonderen Abend, der guten Musik, dem leckeren Essen, der Eintracht zwischen mir und dem Kindsvater. Im Auto auf der Heimfahrt fühlte ich beim Gedanken an mein Kind, das zu Hause auf uns wartet und das ich bald an mich kuscheln würde, mein Herz voller Gold.

Ameisenhaufen

Bei einem Waldspaziergang mit meinem Kind bin ich stets bemüht, es auf die Besonderheiten von Flora und Fauna aufmerksam zu machen. Zum einen möchte ich natürlich meiner pädagogischen Pflicht genüge tun. Zum anderen soll das Kind abgelenkt werden von der Tatsache, dass es gerade mehr als nur 10 Meter zu Fuß laufen muss und nicht bequem im Auto kutschiert wird. Ein Ameisenhaufen bietet in diesem Zusammenhang großes Potential.
Wir, mein Kind und ich, hocken ganz dicht davor und bestaunen das wuselige Treiben. In der Theorie haben wir uns das Ameisenlabyrinth schon angesehen. Wir haben ein spannendes Kinderbuch dazu. Das sehen wir nun „in echt“. Es ist erstaunlich, wie die kleinen Wesen ein um ein vielfach größeres Laubblatt auf den Haufen schleppen und in das Geflecht der anderen Nadeln und Blätter einfädeln. Aufgeregt beobachten und diskutieren wir.
Nur der Hund, den wir dabeihaben und den ich nun an der kurzen Leine halte, damit wir diese nicht quer über den Waldweg spannen und so zur gemeinen Stolperfalle für andere Wanderer umfunktionieren, zappelt unruhig und scheint so gar nicht interessiert an unserem Fund. Das nervt und lenkt mich ab von meinem Naturkundeunterricht. Ich rucke kurz an der Leine, um dem Hund zu signalisieren, dass er einen Moment warten müsse, bis es weiter geht. Doch der Hund lässt sich nicht beeindrucken. Er zappelt weiter, dreht sich im Kreis und verheddert sich in der Leine. Ich rolle mit den Augen und will ihn gerade zur Ordnung rufen, als mir aufgeht, was ihn so irritiert.
Wir stehen ja direkt im Einzugsgebiet der Ameisen. Der Hund gilt ihnen als Eindringling und wird angegangen. Sie krabbeln an seinen Beinen hoch, krauchen in die empfindlichen Zwischenräume seiner Zehen und tuen das, was Ameisen mit Feinden so machen: Pipi. Und Ameisenpipi, das wissen wir alle aus eigener schmerzhafter Erfahrung, brennt. Der Hund versuchte nur, sich zu wehren, was an der kurzen Leine ohne Fluchtmöglichkeit schwer ist. Ich habe Erbarmen und wir verlassen das Minengebiet. Auf dem restlichen Weg nach Hause, muss der arme Hund immer wieder stehen bleiben und sich die Unterseite seiner Pfoten lecken. Das Kind fragt, was der Hund mache. Ich erkläre es, und plötzlich krabbelt es meinem Kind unentwegt an der Wange. Und warum? Weil dort die Ameisen rangepullert haben. Ja, klar.

Doof oder besonders schlau

Ich möchte auf keinen Fall über mein Kind lästern oder gar etwas Schlechtes sagen. Genauso wie ich mir bei seinem ersten Anblick direkt nach der Geburt geschworen habe, es trotz der Ähnlichkeit mit Gollum aus der Ringe-Trilogie zu lieben, so habe ich mir vorgenommen, ihm stets das Gefühl zu geben, es sei klug und schön. Heute muss ich – nur ganz kurz – von diesem Vorsatz abrücken und es in aller Deutlichkeit sagen: Kinder sind manchmal echt so doof.

Der Beweis: Heute früh riss mein Kind die Badtür auf, wo ich gerade mein Gesicht renovierte. Es blieb auf der Schwelle stehen und schaute mich erwartungsvoll an. „Hallo, mein Kind.“ Antwort: „Hallo, Mama.“ Stand und schaute mich weiter an. „Was is´n los?“ Antwort: „Ich hab nix gemacht.“ Alles klar. „Was hast du nicht gemacht?“ Antwort: „Ich hab dem Hund nicht die Haare geschnitten. War von alleine.“  Wie auf´s Stichwort kam der Hund um die Ecke geschlichen, mit eingeklemmtem Schwanz und nervös hechelnd. Auf dem Hinterteil blitzte ein rosafarbener Kreis.

In dem Moment war ich tatsächlich weniger entsetzt über das Loch im Fell des Hundes, als über die Doofheit meines Kindes. Hätte es den Mund gehalten, wäre ich fünf Minuten später aus dem Bad gestürzt, hätte einen entsetzten Blick auf die Uhr geworfen, hektisch Tasche und Kind geschnappt und wäre aus dem Haus Richtung Kita und Arbeit gerannt. Die Haarbüschel wären mir erst am Abend aufgefallen und hätte sie dem fortgeschrittenen Alter des Hundes zugeschrieben. (Gibt es Glatzenbildung bei Hunden? Bis ich das gegoogelt hätte, wäre die Karenzzeit für eine Bestrafung des Kindes abgelaufen.)

Stattdessen beichtet das Kind seinen angestellten Blödsinn freiwillig und vor allem noch vor Entdeckung der Freveltat. Dass ich über die Rasur nicht begeistern sein würde, wusste es von der letzten Aktion, als der Hund unter die Schere kam.

Warum gesteht das Kind also? Ich habe mir zwei Lösungsansätze überlegt. A) Die Methode des Verschleierns und Lügens ist ihm noch nicht (ausreichend) vertraut. B) Es ist einfach nur doof. Beides zeugt von einer Intelligenz, die noch Luft nach oben hat.
Oder ist es Lösung C): Mein Kind weiß, dass ich so schlau bin und auf jeden Fall die Tat entdecken werde. Mein detektivischer Spürsinn wird den Täter entlarven. Es lohnt auch nicht, die Bestrafung hinaus zu zögern; sie kommt ja doch. Also Angriff nach vorn. Sein Vertrauen in meine Liebe ist dabei so groß, dass es wenig von mir zu befürchten hat. (Immerhin waren die Ohren des Hundes noch dran.)
Lösung C) gefällt mir am besten, die nehme ich. Dabei kommen Kind und ich gut weg: Mein Kind ist weise und vorausschauend, ich bin eine schlaue und liebevolle Mutter.

Ein gutes Kind

Urlaub auf dem Bauernhof – mit Kühen! Das war für mich als Kuh-Fan eine Freude. Jeden Tag Kühe gucken, anfassen, fotografieren, riechen, füttern und so weiter und so fort. Es war toll. Dann der Schreck: eine der Mutterkühe hatte ein krankes Euter. Was es war, wusste ich nicht. Wusste der Bauer auch nicht recht. War halt nicht in Ordnung. Drei der vier Zitzen gaben keine Milch, die vierte gab nur ganz wenig und eine der Zitzen war auf ein Zehnfaches angeschwollen. Die Mutterkuh konnte ihr Kalb nicht säugen. „Diese Kuh ist nicht mehr wirtschaftlich und muss weg.“ So lautete die Diagnose des Bauern. Die nächsten zwei Tage schlich ich in den Stall und glotze voller Abscheu und Mitleid auf das kranke Euter. Es war wie bei einem schlimmen Unfall: Man will da gar nicht hinsehen, muss es aber doch tun, und dann ist das Entsetzen groß.

Eines Morgens fuhr ein ziemlich großer Transporter auf den Hof. Mein Kind sah ihn als erstes und brüllte aus dem Fenster „Was machst du da?“ Ich hatte gleich eine schlimme Ahnung, die sich bestätigte, sobald ich den Stall betrat. Da war die kranke Kuh bereits verladen, verkauft und auf dem Weg zum Schlachter. Ein Minusgeschäft für den Bauern, furchtbar für mich. Das Tier als Wertanlage. Nun ja, ich will über dieses Thema an dieser Stelle nicht weiter diskutieren. Für mich war in dem Moment nur klar, dass ich niemals, wirklich nie nie niemals, einen Bauernhof mit Viehwirtschaft wirtschaftlich führen könnte und wollte.

Ich schlich zurück ins Haus. Auf dem Weg die Treppe nach oben in unsere Ferienwohnung traten mir die Tränen in die Augen. Ich war traurig und fühlte einen seltsamen Verlustschmerz, und Wut ob dieser Ungerechtigkeit. In der Wohnung angekommen weinte ich nun deutlich, was meinen Mann zu einem Kopfschütteln veranlasste und der Bemerkung, ich solle mich nicht so anstellen. Ich wollte mich aber anstellen und kurz den Tod der Kuh betrauern und beweinen, wie es einer Mitkreatur zusteht.

Mein Kind krabbelte auf meinen Schoß, nahm meinen Kopf in beide Hände und sagte ernst „Komm mal her Mama, nich weinen. Guck mal: die Kuh geht jetzt zum Arzt, bekommt eine Spritze und kommt dann wieder.“ (Ich hatte ihm vorher erzählt, die kranke Kuh würde zum Arzt gebracht und nicht zum Schlächter.) Jaa, das war guter Trost. Meine Seele labte sich an einer dicken Umarmung und dem stolzen Gefühl, ein wenig in der Erziehung meines Kindes richtig gemacht zu haben. Empathie besaß es und ging mit seinen Mitmenschen liebevoll um. Meinem Mann streckte ich – natürlich hinter dem Rücken des Kindes, von wegen Erziehung – die Zunge raus und meinte, da könne er sich eine Scheibe abschneiden. Er griff sogleich zum Messer und schnitt sich ein Stück von der Rindswurst ab, die noch vom Frühstück auf dem Tisch lag. Ja, die Empathie: mancher hat sie, mancher wird es nie lernen.

Fast gewonnen

Selbst mir als Fußball-Nicht-Interessierte ist die Tatsache, dass der 1. FC Union in diesem Jahr in die erste Bundesliga aufgestiegen ist, nicht unbemerkt geblieben. Es mag daran liegen, dass das Home-Stadion des 1. FC in meiner Nachbarschaft liegt und die Freudenböller nachts um zehn Hund und Kind aus dem Schlaf rissen, oder auch daran, dass mich mein Mann auf die Aufstiegsparty ins Stadion geschleppt hat (Dort mussten wir unbedingt wie viele andere Fans den schönen Fußballrasen zerstören und ein Stück des Jahrhundertgrüns klauen.), oder auch an der stolzen Bitte meines Mannes, einen Gast-Fan-Schal zu stricken, weil er ja nun auf jeden Fall öfter ins Stadion gehen werde und für seine Begleitung die entsprechende Fanausstattung benötige.

Nach der Sommerpause war es dann auch soweit: das erste Spiel des FC Union stand an. Bedauerlicher Weise ist mein Bruder (eigentlich Hertha-Fan) in den Besitz von zwei Eintrittskarten geraten und lud meinen Mann auf einen lustigen Fußballabend ein. Da die Karten allerdings für den Gastblock waren, mussten die beiden auf rot-weiße Fanartikel verzichten. Das fiel meinem Bruder weniger schwer als meinem Mann.

Zusammen zogen die beiden los, natürlich jeder mit einer Flasche Bier in der Hand. Macht Mann so! Es war vereinbart, dass ich meinen Bruder nach dem Spiel nach Hause fahre. Sonntag Abend mit der Bahn – das wollte ich ihm ersparen. Als ich gerade dabei war, mein Kind Richtung Bett zu treiben, klingelte das Telefon. Mein Bruder war dran, aufgeregt, ein wenig lallend. Im Hintergrund Gegröhle. „Setz dich ins Auto und hol uns ab!“ Auf meine Nachfrage warum, bekam ich etwas Genuscheltes zu hören, in dem die Worte „dein Mann“ vorkamen. Das im Zusammenhang mit dem Wissen um die häufigen gewalttätigen Ausschreitungen bei den Spielen des FC Union versetzte mich in Panik. Ich schnappte mir das Kind, das bereits im Schlafanzug war, sprang ins Auto und fuhr los. Ich sollte an einer bestimmten Tankstelle auf die beiden warten.

Dort angekommen, war ich nicht allein. Ein halbes Dutzend andere Frauen warteten dort im Auto mit ihren Kindern. An uns vorbei zog der rot-weiße Fan-Tross und johlte. Wer noch nicht ganz hinüber war, torkelte in die Tanke und holte sich noch ein, zwei, drei Sixpacks. Ich hielt Ausschau nach meinen Männern, während mein Kind Kieselsteine auf den Fußweg warf. Unser Glück: Das Kind war zu klein und ich zu weiblich, um von den verärgerten Unionern verprügelt zu werden.

Endlich wankten zwei mir gut bekannte Gestalten über die Straße und riefen mir lachend zu: „Wir haben fast gewonnen – 0 zu 4.“ Mir stockte der Atem. Wenn die beiden das den ganzen Weg zwischen den vermutlich nicht ganz so amüsierten Fans über diese Niederlage gebrüllt und keine blauen Augen hatten, war sicher eine ganze Armada an Schutzengeln im Einsatz. Ich dachte nur eins: rein ins Auto, Türen zu und Fenster hoch.

Die Umsetzung dieses Plans gestaltete sich etwas schwierig. Mein Mann erklärte mir, er würde nach Hause laufen. Ich sollte ihm doch meinen Haustürschlüssel geben. Seinen hatte ich ihm zu Hause abgenommen, damit er nicht verlustig ginge, falls er ein bis zwei Bier zu viel trinken und die Kontrolle über seinen Besitz verlieren würde. Das hat ja schon mal nicht so gut geklappt.

Mein Bruder brauchte eine Viertelstunde, bis er im Auto saß. Mein Auto hat keine Türen für die Rücksitze. Zwanzigmal griff er ins Leere auf der Suche nach dem Türgriff. Als er endlich erkannte, dass es keinen gab, versuchte er es auf der anderen Seite. Auch keiner. Dann wurde gepöbelt, welch schlechte Ausstattung mein Auto hätte, da könne er nicht mitfahren und wie ich mir denken würde, dass er da rein käme. Ich drückte meinen Sitz nach vorn und bat ihn einzusteigen. Das dauerte wieder einige Minuten und wurde von dauerndem Geblubber begleitet.

Mein Bruder saß im Auto, mein Mann torkelte Richtung Heimat, und wir fuhren endlich los. Ich wollte gerade erleichtert ausatmen, da griff mir mein Bruder von hinten an den Hals, drehte meinen Kopf, erzählte was von Sieg, lachte, kicherte und leckte mir zu allem Überfluss ins Ohr. Meinen Hinweis darauf, dass ich Auto fuhr, und das mit 60 km/h, ignorierte er bzw. veranlasste ihn dazu, nun mein Kind, das auf dem Beifahrersitz saß, zu traktieren. Mit seinen großen Handwerker-Händen drückte und drehte der den kleinen Kopf. Das Kind hatte Spaß, kreischte, warf sich hin und her und mir ins Lenkrad. Ich hatte Angst, es würde kaputt gehen. Ging es aber nicht, dafür der Kindersitz. Das und die Tatsache, dass ich gar nichts mehr sagte, machten meinem Bruder den Ernst der Lage dann doch deutlich und er reduzierte seine Aktivitäten. Nun war es nur noch laut im Auto, aber ich hatte das Lenkrad wieder für mich allein. Als ich ihn zu Hause absetzte, lallte er noch ein „Ich hab euch lieb“ ins Auto und wankte seiner Frau in die Arme. Die schrieb mir zehn Minuten später eine Nachricht, dankte mir fürs Nach-Hause-Bringen des Vaters ihrer Kinder und meldete, dass er bereits im Bett wäre und schliefe.

Als ich in unsere Wohnung zurückkehrte, war mein Mann bereits, wenn auch noch nicht lange, wohl behalten angekommen. Frisch geduscht – immerhin – plünderte er den Kühlschrank und wollte mir Witze erzählen. Ich lehnte dankend ab, bat ihn, im Kinderzimmer zu schlafen und zog mich mit dem Kind in mein Bett zurück. Der Fernseher lief dann noch die ganze Nacht.

Aber am nächsten Morgen war er pünktlich wach, zog ein frisch gebügeltes Hemd über und sah wieder vorzeigbar aus. Auch mein Bruder trat seine Arbeit pünktlich an. (Seine Nachricht, ob bei mir alles ok wäre, bejahte ich nur müde.) Da kann man beiden nichts nachsagen.

Selbständiges Kind

Kinder sollen zur Selbständigkeit erzogen werden. Mein Kind ist 4 ½ Jahre alt und braucht immer noch Hilfe beim Anziehen. In der Kita, wenn niemand hilft, kann es sich anziehen. Nur zu Hause, wo Mama immer Gewehr-bei-Fuß steht, klappt es nicht. Nun ja, häufig mangelt es an Zeit, um hier pädagogisch richtig vorzugehen. Unser Zeitfenster am Morgen ist recht begrenzt und verengt sich bei schlechter Laune des Kindes noch mehr. Also helfe ich beim Anziehen, da ich an die Arbeit muss. Ich kann wohl schlecht meiner Chefin die morgendliche Verspätung von drei Stunden mit meinen missglückten Erziehungsversuchen erklären.

Aber heute hatten wir früh etwas mehr Zeit. Das war meine Chance: Ich legte die Sachen raus und forderte das Kind alle 10 Minuten auf, sich anzuziehen. Die erste Stunde passierte gar nichts. Es kullerte durchs Zimmer, kuschelte mit dem Hund, durchforstete seine Spielsachen und antwortete stets, es könne sich nicht allein anziehen. Irgendwann wurde ich in meiner Aufforderung etwas energischer, erhob sogar die Stimme. Da tat sich plötzlich was im Kinderzimmer. Ich hörte Kindertrappeln, Schranktüren schlagen, angestrengtes Schnaufen, bis mein Kind sich mir mit einem freudigen „Tataaa“ zeigte. Mein lobendes Lächeln gefror mir im Gesicht, meine Augen traten etwas hervor und ich bekam Schnappatmung. Das Kind trug eine kurze Hose und ein Muskelshirt. Nun ja, halb so wild, wäre das Wetter wie in den letzten Wochen immer noch warm und sonnig. Aber für heute wurden kältere Temperaturen und Regen angesagt, weshalb ich dem Kind eine lange Hose und ein langärmeliges Shirt rausgesucht habe. Diese Garnitur legte, ach nein, stopfte es wieder in den Schrank, um sich dann sein Outfit selbst auszuwählen. Da war ich nun als Mama in der Klemme. Mein Kind hat sich selbständig angezogen, aber nicht richtig. Korrigiere oder lobe ich? Akzeptiere ich seine eigene Wahl oder sorge ich dafür, dass es dem Wetter gemäß gekleidet ist? Beginne ich eine Diskussion und oder den Kampf, es gegen seinen Willen umzukleiden? Komme ich pünktlich zur Arbeit oder – trotz der Mehrzeit – wieder zu spät?

Ich ließ es so, packte Hose und Pullover ein, gab in der Kita Bescheid und übersah die hochgezogenen Augenbrauen der Erzieherin. Ich mache mir keine Sorgen, dass mein Kind heute friert. Erstens ist mein Kind keine Frostbeule, und zweites … was uns nicht umbringt, macht uns stärker.