8. Mai

An diesem Tag vor nunmehr 74 Jahren kapitulierte Nazi-Deutschland offiziell und unterschrieb die Kapitulationsurkunde. Anlässlich des Jahrestages veranstaltet das Deutsch-Russische Museum in Karlshorst jährlich ein Fest mit Musik, Filmvorführungen, russischer Kulinarik, freiem Eintritt in das Museum und einem Gläschen Sekt kurz vor Mitternacht im Kapitulationssaal. Dort nämlich besiegelten die Alliierten das Ende des Nationalsozialismus.
Wichtiger Bestandteil dieses Festes sind stets die Delegationen aus Russland: Vertreter diverser Vereine, Offizielle aus Politik und Militär, Künstler. Ganz vorn die Veteran*innen. Als Zeitzeugen des Krieges tragen sie ihre alte Uniform und voller Stolz die Abzeichen und Orden, die ihnen für ihre Verdienste im „Großen Vaterländischen Krieg“ verliehen wurden. Auf jeder stolz geschwellten Brust glitzert und glimmert es, einem lamettageschmückten Weihnachtsbaum gleich.
Ich amüsiere mich jedes Mal über diesen absurden Anblick, das Pathos der ehemaligen Soldat*innen und das Hofieren durch das Museumspersonal, auch wenn ich um die herausragende Stellung der alten Kriegsteilnehmer*innen in Russland weiß. Nach meinem, wenn auch nur kurzen, Rundgang durch die Ausstellung ist mir nicht mehr so lustig zumute. Ich sehe verkohlte Menschen, schreiende Kinder, verhungerte Körper, durchschossene Köpfe, Folter und Tod. Und plötzlich verstehe ich den Stolz in den Gesichtern der Veteran*innen. Sie sind stolz, weil sie all diese Greuel überlebt haben, weil sie mutig gekämpft haben, weil sie den deutschen Faschismus und den Krieg beendet haben. Ihre Uniform und ihre Orden sind Zeichen dafür. Die tragen sie mit aufrechtem Stolz und haben aufrechten Respekt verdient. Ich schaue mir diese Menschen noch einmal an und sehe keine komischen Kauze mehr, sondern traumatische Erlebnisse, böse Erinnerungen, den Verlust geliebter Menschen, Alpträume bis heute, gesundheitliche Folgen, verletzte Würde. Ihnen ein paar Stunden Dankbarkeit und herzlicher Gesellschaft entgegen zu bringen, sind wir ihnen schuldig.

Leider habe ich in diesem Jahr keine Veteran*innen gesehen. Bei meinem letzten Besuch vor 10 Jahren waren sie noch da. 10 Jahre, das ist eine lange Zeit. Unsere Zeitzeugen sterben. Ich werde sie vermissen. Und um es mit Loriots Worten zu sagen: „Früher war mehr Lametta.“

Pfandflaschen

Manchmal beobachte ich Menschen bei Tätigkeiten und frage mich, warum tut der oder die das? Hat das einen Grund? Oder machen die das einfach nur so, ohne Hintergedanken? (Wenn das überhaupt geht: etwas grundlos tun. Immerhin muss das Gehirn eine Entscheidung treffen, bevor es die Anweisungen an die entsprechenden ausführenden Teile des Körpers absetzt.)
Manchmal ist meine Neugier so groß, dass ich tatsächlich einfach nachfrage. Vielleicht steckt ja doch eine kluge und/oder nachvollziehbare Motivation dahinter. Könnte ich ja vielleicht noch etwas lernen.

So geschehen am S-Bahnhof Schöneweide. Vor mir läuft ein Mann, der eine am Treppenrand stehende leere Bierflasche absichtlich mit dem Fuß tritt, so dass sie kaputt geht. „Warum haben Sie das getan?“ frage ich, bemüht, meine Frage nicht provokativ oder verärgert klingen zu lassen. Seine ehrliche und für mich überraschende Antwort: „Damit die Penner sie nicht einsammeln können und den Pfand kassieren. Die sollen arbeiten gehen.“
Ach so, d
enke ich. Keine blinde Zerstörungswut, sondern Erziehungsarbeit. Verstehe ich. Oder auch wieder nicht. Menschen, die Pfandflaschen sammeln, werden wegen einer kaputten Flasche das Sammeln nicht aufgeben. Die pädagogische Absicht läuft ins Leere. Dafür liegt jetzt Glasmüll rum, den es nicht gegeben hätte, hätte jemand die Flasche eingesammelt. (Jaa, und auch Geld damit verdient. Aber mal ehrlich: von 0,08 € pro Flasche häuft man kein Vermögen an. Um einen nur ansatzweise kaufkräftigen Betrag zusammenzusammeln, muss man schwere Arbeit leisten.)
Ich war verärgert: über a) den verdreckten Bahnhof, b) die Tatsache, dass manche Menschen tatsächlich auf den Zuverdienst von Pfandflaschen, die sie aus stinkenden Mülleimern sammeln, angewiesen sind und c) die offensichtliche Unzufriedenheit des Mannes, die dazu führte, gegen Schwächere zu bollern.

Emanzipation vorm WC

Der Gang auf die Toilette in Restaurants ist immer gut für Überraschungen. Ob es nun das außergewöhnliche Waschbecken, das umfangreiche Angebot an Deos, Parfüms, Seifen, Lotions und Cremes, der direkt neben dem Klosett stehende gemütliche Schaukelstuhl (Wer ruht sich da wohl aus?) oder die humorvolle Dekoration sind, ich finde es immer spannend, was mich auf dem Örtchen wohl erwartet.
Manchmal gerate ich noch vor der Tür, also vor dem Betreten des Raumes ins Staunen. Die Beschriftung des WC´s für Männer und für Frauen kann schon mal zu philosophischen Betrachtungen führen. So neulich geschehen. (siehe Fotos)
Zunächst dauerte es einige Sekunden, bis ich mich einem der dargestellten Strichmännchen zugehörig fühlte und wusste, welche Tür ich nehmen muss. Dann aber wurde ich wütend. Das männliche Strichmännchen pinkelt im Stehen, das weibliche sitzt auf dem Klo-becken. In Zeiten der Urinella (trichterförmige Urinierhilfe für Frauen) auf der einen Seite und des hygienischen Einwands bezüglich Urinspritzer andererseits ist das ganz und gar nicht angebracht. Auch die Frau kann – wenn sie es möchte und ihre Urinella richtig anwenden kann – im Stehen pinkeln. Männer werden vermehrt gebeten, im Sitzen zu urinieren (wenn kein Urinal zur Verfügung steht). Oder aber sie beseitigen Pipispritzer selbst. Das will keiner. Also sitzen, was viele Männer in meinem Umfeld bereits – sogar freiwillig – tun.
Und nun muss ich diese WC-Schilder sehen und fühle mich prompt in meiner Emanzipation verletzt. Kurz überlege ich, die Toilette zu boykottieren. Dieser Protest könnte jedoch in die Hose gehen (im wahrsten Sinne des Wortes). Also lass ich es und benutze die Damentoilette – ganz traditionell ohne Urinella.

Homeshopping

Wer von uns kennt sie nicht: Die Homeshopping-Sender, in denen alltägliche und Dinge der besonderen Art, Wischmopp und Diamantschmuck, Uschi-Glas-Hautcreme inklusive Haut-Unverträglichkeit und Glööckler-Lippenstift (der neueste Schrei), also die ganze große Welt in nur einem Studio angeboten werden? Und alle diese Sachen muss man UNBEDINGT haben. Jeder von uns, der einen Fernseher besitzt, zappt früher oder später an dieser Show des Geschwafels vorbei und bleibt – Gott möge es verhüten – dort hängen. Mir ist es neulich Abend passiert. Die anderen Sender boten nichts Anregendes. Und da mein Lebensabschnittsgefährte auf der jährlichen Büro-Weihnachtsfeier litt, hielt ich die Macht (Fernbedienung) in meinen Händen und gab mir das Spektakel. Es ist unglaublich, wie zwei Erwachsene geschlagene zehn Minuten über die Vorzüge und Besonderheiten einer LED-Kerze reden können. Das muss man erstmal bringen! Dabei gilt es, bereits Gesagtes nicht einfach zu wiederholen, sondern neue Wortkonstellationen möglichst kreativ zu bilden, und immer wieder ein überraschtes „Ahh“ und „Ohh“ einzufügen, nicht zu vergessen besonders witzige Erlebnisse aus dem eigenen Leben. Auch so langweilige und Nicht-der-Rede-wert-Vorgänge wie das Wechseln der Batterie werden zu einem absoluten Highlight. Das geht nämlich gaaaanz einfach. Toll! Das kann sogar eine FRAU! Was für eine Erleichterung, wenn mal der Mann nicht zu Hause ist. Irre! Und dann die vielen Farben: gold, silber UND weiß. Und jetzt neu und exklusiv auch in … na? … grün. Fantaaastisch! Und der Clue: es besteht keine Feuergefahr. Man kann die Kerzen an den Baum stecken, dekorativ auf dem WC verteilen oder in den Glastür-Küchenschrank stellen. Nix passiert!
An dieser Stelle hatten sie mich. Das musste ich auch haben – unbedingt und sofort. Doch bevor ich wie hypnotisiert zum Telefon griff, um meine mehrere Hundert Euro teure Bestellung aufzugeben, meldete sich mein Verstand aus der Pause zurück. Ich schüttelte mich kurz und schaltete schnell um. Mann, die sind da echt gut!

Buddha unterm Weihnachtsbaum

Vor wenigen Tagen hat mich fast der Schlag getroffen, als ich das indische Restaurant bei uns an der Ecke betrat. Es gibt wohl wenig so verstörende Anblicke wie ein goldglänzender Buddha mit roter Weihnachtsmannmütze. Es ist vom Restaurantbesitzer sicher gut gemeint, seinen Gästen (vornehmlich den europäischen, vom westlichen Weihnachtskommerz verwöhnten) eine vorweihnachtliche Stimmung in seinen Räumen zu bieten. Immerhin findet sich nun allenorts bunte Weihnachtsdekoration: in den Schaufenstern, im Wartezimmer beim Arzt, selbst der billigste Späti hat eine blinkende Mini-Plastik-Tanne aufgestellt. Warum also nicht auch der Inder im Kiez? Aber es sieht schon sehr verstörend aus, wenn der Gott Shiva in einer seiner vielen Hände einen Tannenzweig mit Glitzerkugeln hält. Zwei verschiedene Welten zusammengewürfelt? Ja – aber nur auf den ersten Blick. Schaut man genauer hin, lässt sich eine Übereinstimmung finden. Im Buddhismus geht es vor allem darum, seinen Mitmenschen Gutes zu tun, aus freiem Herzen zu geben. Nichts anderes ist „unser“ Fest der Liebe. Wir beschenken uns. Und tatsächlich sehen sich Buddha und der Weihnachtsmann in Statur und Körperbau ein wenig ähnlich. Insofern hat der zipfelmützetragende Buddha seine Berechtigung. In diesem Sinne: Ein frohes Fest und Namaste!

Die Rotznasen-App oder: Dinge, die die Welt – wohl leider doch – braucht

rotznase2Immer häufiger beobachte ich, wie Mütter ihre kleinen Kinder ignorieren, weil sie sich zu sehr auf ihr smartphone konzentrieren. Ob an der Bushaltestelle, in der Tram oder im Warteraum beim Kinderarzt – Mama reagiert auf Ansprache des Nachwuchses nicht, weil sie zu sehr vertieft ist in …. Ja, in was eigentlich? Was ist so wichtig, dass die eigenen Kinder hinten an stehen? Als frisch gebackene Eltern lernt man sehr schnell, die Ohren auf Durchzug zu stellen. Andauerndes Gequengel auf dem Heimweg oder das Sich-in-den-Schlaf-Weinen im Bett müssen von den Erziehungsberechtigten weder beantwortet noch können sie durch tröstende Worte bekämpft werden. Da hilft nur Augen zu (und Ohren) und durch. Aber wenn das Kind etwas mitteilen möchte, muss es von seinen Vorbildern die ihm gebührende Aufmerksamkeit erwarten dürfen und auch bekommen. Eine Begebenheit in der Tram: Ein zweijähriges Mädchen in der Tram niest mit einer Inbrunst, dass es mir beim bloßen Zuhören selbst die Nase durchlüftet. Offensichtlich etwas erkältet, stürzen sich aus den kleinen Nasenlöchern sogleich zwei Rotzbäche. Das Mädchen blickt hilfesuchend Richtung Mama. Die glotzt aber auf ihr smartphone, für ihre Umgebung blind. Das Mädchen gibt einen Laut von sich. Bei Mama nichts. Die Kleine wiederholt ihre verbalen, noch recht eingeschränkten Versuche, die Blicke der Mama auf sich zu ziehen. Nichts. Also entfernt das Kind die Quelle seines Unwohlseins mit eigenen, ihm zur Verfügung stehenden Mitteln, nämlich Zunge und Jackenärmel. Nun endlich blickt die Mama auf und ihrem Kind – fragend – ins Gesicht, das inzwischen sauber ist. Allerdings auf Kosten der Gesundheit des Kindes und des Magens der Mitfahrenden, die Zeugen des Säuberungsvorganges wurden.
Hier könnte eine Rotznasen-App Abhilfe schaffen. Mittels Fühler der Luftfeuchte in der Umgebung erkennt das mobile Gerät eine tropfende Nase und gibt Alarm. Mama kann also zeitnah reagieren. Theoretisch. Das Funktionieren setzt natürlich voraus, dass das Gerät ständig in Benutzung ist und möglichst auf Kopfhöhe des Kindes gehalten wird. Klappt in den oben drei beschriebenen Situationen gut. Für die Gewähr der Funktion auch im Stehen oder Laufen muss lediglich die Reichweite des Fühlers erweitert werden. In diesem Fall kann es allerdings vorkommen, dass das Gerät ständig Alarm gibt, weil auch der eine oder andere Mitpassant offenbar die Wohnung in Hast verlassen und seine Taschentücher vergessen hat. Dann schleicht sich schnell der Effekt wie beim Zicklein mit der Glocke ein: Dreimal hat es nur zum Spaß geklingelt und die Geiß eilte umsonst zu Hilfe. Doch beim vierten Mal, als es Ernst war und der böse Wolf das Geißlein bedrohte, bleib sie weg. Auch die Mama mit dem smartphone wird dann schnell beim Rotznasen-App-Alarm auf Durchzug schalten. Was bleibt, ist die altmodische Form des Aufpassens: Schau hin und achte auf dein Kind!

PS: In der Schilderung habe ich keinesfalls das Rollenklischee „Die Frau ist zuständig für die Kindererziehung.“ bedient oder auf das Gendern aus Faulheit verzichtet. Vielmehr sind mir in diesen Situationen tatsächlich nur Mütter begegnet, keine Väter. Das mag entweder daran liegen, dass nur Frauen so fixiert sind auf ihre mobilen Geräte oder daran, dass meist die Mütter Kinderarztbesuche und den Kita-Hol- und –Bringedienst erledigen. Damit wäre dann allerdings das obige Rollenklischee bewiesen. Aber das ist eine andere Sache.

Nur noch Hülle

huellePlötzlich reißt mich ein bestialischer Gestank aus meinen Gedanken. Eben noch starrte ich auf die große Uhr auf dem Mittelstreifen der Warschauer Straße und überlegte, welche Arbeiten mich gleich an meinem Schreibtisch erwarten werden. Und im nächsten Moment weht mir der Geruch einer schon lange nicht mehr gesäuberten, aber hoch frequentierten öffentlichen Toilette entgegen. Naserümpfend blicke ich mich um. Unbemerkt kam ich schnellen Schrittes auf gleiche Höhe mit einem jungen Mann, von dem offenbar dieser furchtbare Geruch ausgeht. Ich sehe ihn mir genauer an, ich bin neugierig. Was ich entdecke, macht mich traurig. Langsam, ein wenig torkelnd bewegt er sich vorwärts. Allerdings bin ich nicht sicher, ob er erkennt, wohin er geht. Seine Augen sind glasig und blicken leer. Seine Mundwinkel hängen schlaff herunter, ebenso seine Arme. Er wirkt kraftlos und nicht anwesend. Offenbar ist nicht nur Alkohol der Grund für seine Betäubung. Ich frage mich, ob und wie er sein Umfeld wahrnimmt. Was wohl unter den verdreckten Klamotten steckt, die offenbar getränkt sind von Urin? Irgendwo dort tief drin muss ein kleiner Junge hocken, der sich bei Angst am Rockzipfel seiner Mama festhält, der sich über einen bunten Luftballon freut und kichert, wenn er gekitzelt wird. Irgendwo dort muss auch ein Teenager rumhängen, mit provozierendem Blick und seiner ersten Zigarette, sich mit großer Geste über den zarten Oberlippenbart streichend. Vielleicht wohnt dort auch noch ein Mann, der sich nach einer liebevollen Beziehung sehnt, einer Arbeit, die Spaß macht und ihn die Miete zahlen lässt. Heute sind die drei eingeschlossen in einer verfaulenden menschlichen Hülle, bar jeglicher Würde. Der Weg nach draußen ist ihnen versperrt. Sein jetziges Ich hat sie verdrängt, aufgegeben, vergessen. Mit Absicht? Oder waren es widrige Umstände? Wie kann das passieren? Jemand hat nicht aufgepasst: die Eltern, seine Lehrer, Freunde? – auf jeden Fall er selbst.  Ich wünsche ihm … ja, was eigentlich? Gute Besserung, einen vollen Becher Kleingeld, keinen sehr kalten Winter? Als erstes wohl mal, dass er an der nächsten Kreuzung nicht überfahren wird. 

Falten

spiegelHeute früh ist es passiert: Ich habe zu tief – nicht ins Glas, aber – in den Spiegel geschaut. Vielmehr habe ich zu genau hingesehen. Ich wollte eigentlich nur meine Lippen schminken, da bleibt mein Blick am Bereich direkt über der Oberlippe hängen. Zu meinem Entsetzen entdecke ich dort zwei kleine Falten, und zwar von der Sorte, die, treten sie im Rudel auf, die Frauen nicht nur alt, sondern auch verbissen aussehen lassen. Nun geht es also bei mir los mit den sogenannten Ziehharmonikafalten. Ich hab ja immer geahnt, dass auch ich vor dem Altern nicht gefeit bin, aber dass diese Ahnung nun Wirklichkeit wird, damit habe ich nicht gerechnet. Dabei dürfte es mich nicht verwundern. Immerhin steuere ich unaufhaltsam auf meinen 40. Geburtstag zu. Da soll es schon zu den einen oder anderen körperlichen Erschlaffungen und Ausfallerscheinungen kommen. Erst neulich versicherte mir meine Augenärztin, dass die zunehmende Verschlechterung meiner optischen Fähigkeiten durchaus normal ist. „So ist das eben ab einem Alter von 40 Jahren!“ Obwohl, genau genommen habe ich noch drei Monate Karrenzzeit. Dann aber geht es so richtig los. Super. Ein Gutes hat es aber. Wenn die Verschlechterung meiner Augen im gleichen Maße voranschreitet wie die Ermüdung meines Bindegewebes, dann kann ich meine Falten nicht mehr sehen. Somit hat in der Natur also alles seinen Sinn.

Liebe Hunde-Runde-Gassi-Gehende,

dsc07809die vielen gefüllten Kotbeutel am Straßenrand bezeugen es: Immer mehr Hundebesitzende sammeln die Hinterlassenschaften ihrer Vierbeiner mittels Tüte ein. Ob dies auf das drohende Verwarnungsgeld bei Unterlassen oder die Einsicht in die Notwendigkeit zurückzuführen ist, sei dahingestellt. Gut ist diese Entwicklung auf jeden Fall. Warum aber um Himmels Willen werden die zugeknoteten Kacktüten am Straßenrand oder im Park liegen gelassen, statt sie im nächsten Mülleimer zu entsorgen? Der unverpackte Hundehaufen hat – trotz Ekel und Krankheitsgefahr – immerhin die Chance zu verrotten. Aber die Plastiktüte strotzt der natürlichen Zersetzung und bleibt und wartet auf … ja, auf wen eigentlich? Den Mitarbeiter der BSR, den selbsternannten Hobby-Umweltschützer, der mit Mülltüte und Greifer unterwegs ist, oder  d e n  Hundebesitzer (welch Utopie!), der neben dem Haufen des eigenen Hundes auch gleich die Tüte des anderen mitnimmt? Das ist wohl kaum die Lösung. Bereits vor der Anschaffung war den Hundebesitzenden klar (oder sollte es gewesen sein), dass die Haltung eines Hundes auch gewisse Unannehmlichkeiten mit sich bringt. Wenn die Natur des Hundes ihr Recht verlangt, spielt es keine Rolle, ob es regnet und stürmt, ob der „Tatort“ gerade begonnen hat oder man eigentlich mit 39 °C Fieber ins Bett gehört. Ebenso haftet der Eigentümer für durch das Tier entstandene Schäden und nicht etwa das Tier selbst. Die Beseitigung des Kotes auf öffentlichem Grund (in der eigenen Wohnung darf das individuell gehalten werden) gehört sicher zu den unbequemeren Dingen. Aber auch das dürfte im Vorfeld bekannt gewesen sein. Da kann es keine Ausrede sein, dass der Mülleimer zu weit weg ist oder es gar keinen gibt auf der täglichen Gassirunde. Das Mitsichtragen eines gefüllten Kotbeutels kann nur umgangen werden, wenn der Hund darauf trainiert wird, sein Geschäft direkt unter einem orangefarbenen Kasten der BSR zu erledigen – oder gar nicht. Viel Erfolg!

Im Übrigen entfällt die zu entrichtende Hundesteuer als Argument für das Liegenlassen der Kottüte. Sie ist eine reine Luxussteuer und wird nicht für die Reinigung von Straßen und Plätzen verwendet.

Deshalb appelliere ich als Hundebesitzerin und Fußgängerin an jeden Hundebesitzenden: Entfernt die Hinterlassenschaften eurer Vierbeiner. An dieser Stelle will ich gar nicht von den Krankheitsgefahren für Tier und Mensch, Schäden für die Natur oder vom Ekelfaktor, ist man erstmal in einen Haufen getreten, sprechen. Das ist selbstredend. Es geht ganz einfach um ein Stück Verantwortung des Einzelnen gegenüber der Gesellschaft sowie der Umwelt. Nicht die anderen, sondern jeder selbst – oder wie es die Musketiere so schön sagen: Einer für alle und alle für einen!

Kuscheln

kuschelnSeit ich vor sieben Jahren meine Wohnung bezogen habe, sitzt im Fenster der Wohnung gegenüber ein äußerst abgeranztes Kuscheltier. Vermutlich war es mal ein Löwe oder ähnliches. Ist nicht mehr genau zu erkennen. Eines der Augen hängt an einem Faden herab, das linke Ohr ist eingerissen, das ehemals kuschlige Fell ist verfilzt und schmutzig, an einigen Stellen löchrig, so dass die Füllwatte herausquillt. Warum nur lässt der Bewohner dieses unansehnliche Etwas im Fenster sitzen? Es gibt wohl schönere Anblicke. Hat er es vergessen? Nein, in Abständen sehe ich ihn das Fenster öffnen und schließen. Er muss es also bemerken. Ist es ihm egal? Vielleicht. Wer den ganzen Tag im Ripp-Unterhemd rumläuft, legt sicher auch wenig Wert auf anspruchsvolle Fensterdekoration. Neulich aber habe ich die Antwort auf meine Fragen entdeckt. Ein grauer Kater kuschelte sich auf dem Fensterbrett zufrieden an seinen ausgestopften Artgenossen. Die Sonne schien und wärmte ihm den Pelz. Und wer genießt so angenehme Stunden schon gern allein? Mit Partner ist es viel, viel schöner. Also sitzt der alte Leo ganz absichtlich dort und glotzt einäugig zu mir herüber. Er wartet auf seinen Kumpel und bietet ihm eine Schulter zum Anlehnen, wenn der wieder Zeit und Lust hat, auf dem Fensterbrett zu kuscheln. Gibt es schönere Anblicke?