Herz voller Gold

Mein Mann überrascht mich zu meinem Geburtstag mit dem Besuch eines Wohnzimmerkonzerts von Purple Schulz. Seit meiner Teenager-Zeit höre ich seine Musik und verbinde schöne Erinnerungen mit seinen Liedern. Ich war (fast zu Tränen) gerührt ob dieser unerwarteten und – ja, doch, auch – romantischen Überraschung. Unser Kind ließen wir in der Obhut seiner Oma und genossen diesen kulinarisch und vor allem musikalisch tollen Abend.

Purple Schulz ist nicht nur ein großartiger Musiker, sondern auch immer an seinem Publikum interessiert. So entwickelte sich zwischen den Liedern stets ein kleiner Dialog zwischen ihm und uns. Ich glaube, ein wenig prüfte er auch unser Fanwissen. Immerhin feiert er heuer sein 35jähriges Jubiläum. So fragte er beispielsweise, welches seiner alten Liebeslieder uns einfallen würde. Ich saß ganz vorn, und noch ehe ich es überdenken konnte, hörte ich mich sagen „Herz voller Gold“. In diesem Lied geht es um eine Sechzehnjährige, die ungewollt schwanger ist und sich auf dem Weg zum Abbruch befindet. Da der Zug jedoch Verspätung hat, bekommt sie Zeit, darüber nachzudenken. Und sie entdeckt, dass das Kind in ihr ein Verbündeter im Leben sein kann. Wenn sie beide Herzen schlagen spürt, fühlt sie ihr Herz voller Gold.
Eindeutig ein Liebeslied, ein Lied über die größte aller Lieben, die Liebe zu seinem Kind. Für mich ist das klar. Purple Schulz hingegen schaut mich irritiert an, neigt den Kopf langsam nach links und dann nach rechts, überlegt, spitzt den Mund und sagt gedehnt „Jaaaaaa, im weitesten Sinne….“, um gleich den Scherz nachzuschieben, dass in einem anderen Konzert ein Mann das Lied „Sehnsucht“ vorschlug, was auch kein klassisches Liebeslied ist, aber immerhin den Satz „Ich will raus.“ enthält, was ja so mancher, der in einer Beziehung steckt, schon mal gedacht hat. Ha, ha.

Ja, so ist das mit meinen Gedanken: Sie drehen sich nur um mein Kind.

Auch nach dem Konzert, als Purple Schulz zu unserem Tisch kam, meine neu gekaufte CD signierte und ein paar Worte mit uns wechselte, erzählte ich von meinem – pardon, unserem (Der Kindsvater saß ja dabei.) – Kind. Ich hätte ihm natürlich auch sagen können, dass ich seine Texte wahnsinnig kreativ und tiefsinnig finde, mich seine Musik immer wieder berührt, ich sein feines Lispeln irre sexy finde. Stattdessen sprach ich von meinem Kind und erzählte die komische Geschichte zu seinem Namen. Purple Schulz hörte geduldig zu, lächelte interessiert und verabschiedete sich zu seinem Feierabend-Bier.

Ich war beseelt nach diesem besonderen Abend, der guten Musik, dem leckeren Essen, der Eintracht zwischen mir und dem Kindsvater. Im Auto auf der Heimfahrt fühlte ich beim Gedanken an mein Kind, das zu Hause auf uns wartet und das ich bald an mich kuscheln würde, mein Herz voller Gold.

Das Tom Sawyer-Prinzip

Am dritten Juniwochenende fand wie jedes Jahr die Brandenburger Landpartie statt. Bauernhöfe in Brandenburg öffnen ihre Pforten für Besuchende und zeigen ihre Arbeit. Auf vielen Höfen finden sich Mitmach-Aktionen für Groß und Klein.

Ich bin Traktor gefahren, einen richtigen echten großen Traktor. Irre. Schon das Einsteigen war eine Herausforderung, wenn man wie ich knackende Knie hat und Absatzschühchen trägt. Meine Mühe wurde belohnt mit einem super gefederten Sitz hoch über den Köpfen drum herum stehender Menschen. Startknopf drücken, Gang rein und los ging´s. Wie ein Traktor gelenkt werden muss, beobachtete ich schon oft bei Busfahrern. Will man eine Kurve nach rechts nehmen, muss man erstmal nach links lenken. Verwirrende Ansage vom Bauern, der sicherheitshalber mitfuhr. (Ich habe eine Rechts-Links-Schwäche!) Die Aufgabe bestand darin, einmal im Kreis zu fahren über die Wiese mit kniehohem Gras, das gemäht wurde. Heumachen für die Tiere. Der Traktor zog eine entsprechende Gras-Abmäh-Vorrichtung hinter sich her. Das war ein Spaß. Ich jauchzte und kicherte und freute mich über meine tolle Fahrleistung. Am Ende der Runde war ein Streifen Gras abgemäht, und es warteten schon die Nächsten für eine weitere Fahrt.

Als ich die Situation so beobachtete, fühlte ich mich ein wenig wie die von Tom Sawyer verkackeierten Kinder. Als Strafe für eine Prügelei wurde er von Tante Polly zum Zaunstreichen verdonnert. Eine Arbeit, auf die er so gar keine Lust hatte. Als dann die anderen Kinder vorbeikamen und ihn auslachten, ersann er eine List. Er tat ganz wichtig. Dies sei eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe, die nicht jeder verrichten könne. Nur scheinbar widerwillig lies er sich von den Kindern überreden, den Pinsel abzugeben und sie das Streichen probieren zu lassen. Die Schlange der Anwärter wurde immer länger, und so wurde der Zaun komplett von den Kindern gestrichen, während Tom Sawyer in der Sonne lag und Anweisungen gab.

Der Bauer hat es nach dem Tom Sawyer-Prinzip gemacht: Gras für die Landpartie stehen lassen und die Aufgabe den Städtern überlassen, die noch nie Traktor gefahren sind und sich darum reißen zu mähen.

Ich wäre gern noch eine zweite Runde gefahren und war am Ende doch froh, dass ich mein Geld mit einem relativ ruhigen Bürojob verdiene. Land- und Viehwirtschaft sind ein hartes Geschäft.

Kofferversteigerung

kofferWas schenkt frau ihrem Mann, der  bereits einen selbstgestrickten Pullover nicht anzieht, schon einmal Freude spielen musste über ein mit Liebe gereimtes Gedicht und für sein Hobby, die Fotografie, spezielle und teure Objektive lieber selbst aussucht? Genau: eine Kofferversteigerung. Das Überraschungsei für den erwachsenen Mann.
Von Fluggästen vergessene oder als verschollen geglaubte Koffer werden nach entsprechender Wartezeit auf einer Auktion an den Meistbietenden versteigert. Interessierte inspizieren vorher die angebotene Ware, ohne allerdings einen Blick in die Koffer hinein werfen zu dürfen. Es zählt der äußere Eindruck. Vor allem aber das richtige Näschen. Denn mit etwas Glück befindet sich im Koffer Wertvolles: Eine Jacke von Armani, das neueste Smartphone (natürlich mit Ladekabel und auf der Rückseite notierter PIN) oder wenigstens ein sexy Nachthemdchen, mit dem immerhin noch die Freundin beschenkt werden kann. Es können aber auch dreckige Unterhosen, schief gelaufene Slipper mit Käsegestank und ein angebissener Schokoriegel, inzwischen ranzig und nicht mehr genießbar, auf ihren neuen Besitzer warten. Also ein Glücksspiel für Arme: der Einsatz ist nicht ganz so hoch und man muss sich nicht in teure Abendgarderobe schmeißen.
Gedacht – getan. Letzte Woche lotste ich meinen Geliebten zu einer Kofferversteigerung von Air Berlin. Gewissenhaft betastete er die angebotenen Koffer, hob, wog, roch, wie er es bei den anderen Besuchern gesehen hatte. Ich war unheimlich beeindruckt von seiner schnell erlangten Professionalität. Dann ging es los. Bereits den siebten Koffer hatte er auf seiner Liste und entschied, bei dem Gebot von 15 € mitzugehen. Ein überschaubarer Preis. Er hob den Arm, wobei er sein coolstes Pokerface aufsetzte. Unglücklicherweise meldeten sich zeitglich vier weitere Personen. Die Auktionatorin zählte ruck zuck durch und endete mit 40 € bei meinem Geliebten. Uups. Sie fragte noch schnell zweimal nach: „Wer bietet mehr?“. Keiner. Also Zuschlag für den Bieter mit der Nummer 238. Wir! Und schon war das Bietervergnügen wieder vorbei. Das verplante Budget für diesen Spaß war schon beim ersten Bieten aufgebraucht. Die Aufregung dauerte ganze 10 Sekunden. Erschrocken und entsetzt blickte mich mein Geliebter an, hatte sich aber schnell wieder unter Kontrolle und starrte gaaanz cool nach vorn. Genauso hatte er es geplant. Sollte keiner im Raum merken, dass da was ganz ungeplant gelaufen ist. Den Rest der Auktion waren wir passive Zuschauer.
Nachdem wir den Preis gezahlt hatten, holten wir unseren Koffer, genauer gesagt unseren Rolli, ab. Der nette Mitarbeiter stellte ihn vor mich hin und wollte mir den Griff rausziehen. Leider griff er ins Leere. Der Griff war abgebrochen. Super. Kaputten Koffer ersteigert. Hoffentlich ist wenigstens der Inhalt was wert. Noch im Auto auf dem Parkplatz wurde er mit Ehrfurcht und freudiger Erwartung geöffnet. Zuerst ganz langsam die Außentaschen. Da könnte ein flaches Smartphone reinpassen. Leer. Dann den Reißverschluss vom Deckel aufziehen, Deckel auf und reingeglotzt. Keine Badelatschen, die vom Sommerurlaub zeugen, kein Negligee, keine lustigen Foto-Schnappschüsse. Nein, es waren sechs schwarze Herrenjacken in Größe 36, teilweise verschlissen, mit abgerissener Tasche, einige in noch recht gutem Zustand. Auf jeden Fall aber alle zu klein für meinen breitschultrigen Geliebten. Was für ein Erfolg. Wir schauten uns an und prusteten los. Wir lachten über uns, unsere verqueren Erwartungen, unsere dummen Gesichter und darüber, dass es anderen in der Auktion sicher genauso erging, die jetzt vermutlich ebenfalls amüsiert ihre ersteigerten Koffer durchwühlen. Dieses Erlebnis war sein Geld wert. Und das Beste war, dass wir nicht, wie in meinen schlimmsten Alpträumen befürchtet, in bremsbespurte Schlüpfer griffen.