Brunschweigers Manifest: Kinderfrei statt kinderlos

Es ärgert mich, dass ich das hier schreibe. Erstens will ich nicht als X-te*r meinen – mehr oder weniger – sinnvollen Senf dazu geben. Zweitens ändert mein Kommentar nichts daran, dass Frau Brunschweiger weiterhin solche Dinge von sich gibt. Und Drittens hat diese Frau damit ihr Ziel erreicht: Ihr Buch wird gelesen und ihre Aussage diskutiert.

Trotzdem tippe ich ärgerlich ein paar Zeilen dazu in meinen Computer: Das Dilemma, dass man*frau sich nicht-der-Norm-gemäß fühlt, verstehe ich nur zu gut. Geht es uns doch allen in Abständen so. Ob wir nun entscheiden, halbtags zu arbeiten wegen der Mehr-Freizeit und damit auf Karriere und ein höheres Gehalt verzichten, oder ob Frau auch als gewollter Single glücklich sein kann, oder aber ob wir uns bewusst gegen ein Leben mit Kindern entscheiden, immer wird es Leute geben, die uns verständnislos anschauen. Wenn man*frau dann auch noch in eine Rechtfertigungsrolle gedrängt wird, ist das mehr als ärgerlich. Da bin ich ganz auf Frau Brunschweigers Seite.

Ich kann auch sehr gut ihre Langeweile nachvollziehen, wenn sie sich über Tischgespräche beschwert, in denen es nur und ausschließlich um Kinder geht. (Das ist, sehr geehrte Frau Brunschweiger, auch für Menschen mit eigenen Kindern auf die Dauer anstrengend. Auch für Eltern gibt es hin und wieder andere Themen als die lieben Kleinen. Glauben Sie mir.) Es ist wenig amüsant, von einem Gespräch ausgeschlossen zu sein, weil man*frau nicht mitreden kann. Da kann es dann schon mal vorkommen, dass sich die gefühlten Außenseiter zu einer abstrusen Aussage hinreißen lassen. Im Kindergarten läuft das so ab: Kevin, Celina, Marie und Mark haben an Ostern alle ein Fahrrad geschenkt bekommen. Nur Jonas nicht. Die vier mit Fahrrad berichten sich aufgeregt gegenseitig von der Großartigkeit des neuen fahrbaren Untersatzes, von der Farbe und wie schnell sie damit fahren könnten. Jonas steht traurig abseits. Er kann nicht mitreden, weil er kein Fahrrad hat. Nun springt er in die Gruppe und ruft laut: Na und, ich hab zwar kein Fahrrad, aber dafür seid ihr alle blöd!

Mir offenbaren sich hier eindeutig Parallelen zur Reaktion von Frau Brunschweiger. Sie selbst möchte keine eigenen Kinder. Weil sie sich ausgegrenzt fühlt, schlägt sie verbal auf alle, die sich für eigene Kinder entschieden haben, ein: Die Frauen hätten das gar nicht echt gewollt, sondern sich – mal wieder – nur der Knechtschaft der Männer unterworfen und damit dem Fortschritt der Emanzipation enorm geschadet. Eltern wären im Grundsatz gar nicht liebevoll zu ihren Kindern, sondern bösartig, und das bereits mit der Zeugung. Denn wer ein Kind in diese Welt mit all ihren Problemen schickt, kann es nicht gut meinen. Und um dem ganzen noch einen aktuellen und den größtmöglichen Hut aufzusetzen, schaden Menschen, die Kinder in die Welt setzen, dem Klima, dem zur Zeit essentiellsten Erdenproblem. Drunter macht es eine Frau Brunschweiger nicht. Sie erblödet sich auch nicht, einem Kind einen CO2-Wert zuzuschreiben, als handele es sich dabei um ein Auto.

Arme Frau Brunschweiger, offenbar fehlt Ihnen in Ihrem Leben Aufmerksamkeit und Liebe. Ich habe einen Tipp für Sie: Schaffen Sie sich ein Kind an. Beides ist Ihnen dann garantiert – täglich, stündlich, ja sogar minütlich.

Im Gottesdienst

Es gibt solch absurde Situationen, in denen prasseln zur selben Zeit widersprüchliche Informationen auf einen ein. So wie im Gottesdienst letzten Sonntag, den ich mit meinem Kind besuchte. Vorsorglich ermunterte ich mein Kind, Spielzeug einzupacken, damit es die Predigt übersteht. Denn nichts ist für Kinder langweiliger als eine Predigt.
Ich erinnere mich noch gut an meine Zeit als Teenager, als wir Konfirmanden immer in dem Moment einen Lachflash bekamen, als alle in der Kirche mucksmäuschenstill waren und andächtig den Worten unseres Pfarrers lauschten. Unsere Gluckser hallten scheinbar zehnmal lauter durch die heilige Halle – und wir zogen böse Blicke und grantige Zischer auf uns, und nach dem Gottesdienst beim Abschied ermahnende Worte vom Pfarrer.
An diese Zeit fühlte ich mich erinnert, als ich mit meinem Kind in der Kirche saß und versuchte, der Predigt zu folgen. In der ging es immerhin um Gottesgeschenke, also unsere Kinder, also auch mein Kind. Ziel ist es, dass unsere Gemeinde wächst, mehr Kinder getauft und Jugendliche für die Kirchenarbeit interessiert werden sollen. Ja, denke ich, gute Idee. Da mach ich mit. Den ersten Schritt habe ich getan, als ich mein Kind taufen lies.
Im zweiten versuche ich, ihm den Besuch des Gottesdienstes als Highlight der Woche mit Orgelmusik und Essen (wir feierten Abendmahl) zu verkaufen. Zufrieden und stolz klopfte ich mir innerlich selbst auf die Schulter. Gleichzeitig blickte ich rechts von mir in ein grummeliges Gesicht, links von mir rollten Augen, vor mir verständnisloses Kopfschütteln und von irgendwo hinter mir ein leises „sch“. Mein Kind baute auf dem Holzstuhl gerade die Autos in einer Reihe auf und rief mir aufgeregt zu: „Mama, guck, Stau!“. Ich nickte und legte den Zeigefinger auf den Mund. Und wieder „Guck, Stau!“. Ich nickte etwas heftiger, weil ein bisschen Nicken offenbar der Dimension des Staus auf dem Stuhl nicht gerecht wurde. Den Zeigefinger auf dem Mund ergänzte ich mit aufgerissenen Augen und einem „pscht“. Daraufhin stellte mein Kind zwar das Reden ein, aber der Stau löste sich auf und die Autos schrammelten über die Holzfläche. Das rief den Pfarrer auf den Plan, der uns ansprach und meinte, das wäre nun doch ein wenig zu laut. Erschrocken sammelte mein Kind sofort alle Autos ein und verstaute sie sorgsam in seiner Tasche. Das Autospiel war erledigt. Dafür erklärte es mir laut und deutlich, obwohl es sonst eher nuschelt, es wäre ihm „weil lange“, woraufhin wir den Gottesdienst fluchtartig verließen und nach Hause trabten – mein Kind erleichtert, ich enttäuscht.
Jesus sagte, „Lasset die Kindlein zu mir kommen.“ Er sagte nicht, „Lasset die Kindlein zu mir kommen, aber bitte leise.“

Lehrer – Soldat – Genosse

Sie wurde unter der Treppe links vom Eingang eingerichtet: die Egon-Schultz-Gedenkecke in unserer Schule. „Lehrer, Soldat, Genosse“, das war er. Ein pflichtgetreuer Bewacher der Grenze unserer DDR, an der er in Ausübung seines Liebesdienstes hinterrücks von den faschistischen Feinden aus dem Westen erschossen wurde. Auf dem Tisch in der Ecke stand sein gerahmtes Foto, eine regelmäßig abzustaubende Büste, eine Urkunde für irgendwas und natürlich eine Vase mit stets mit frischen Blumen. Wir Schüler_innen ehrten Egon Schultz, denn unsere Schule durfte seinen Namen tragen. So wurde es uns eingeimpft. An jedem Schultag kamen wir an der Gedenkecke vorbei, aber vor allem starrten wir gefühlte Ewigkeiten auf sein Porträt, das direkt gegenüber der Eingangstür hing, vor der wir auf den Einlass warteten und uns drängelten.

Genau dieses Foto begegnete mir Jahre später wieder und holte alte Erinnerungen zurück. In dem Buch „Der Tod des Grenzsoldaten“ erzählt ein Freund über den Menschen Egon Schultz und untersucht den Tötungsfall im Jahre 1964. Nie spielte es eine Rolle, dass Egon Schultz nicht nur Lehrer, Soldat und Genosse war, sondern auch und zuerst ein Mensch, ein Freund, ein Sohn und ein Mann. Er war Vorbild, Beweis für die Niedertracht des Westens, Rechtfertigung der Mauer. Das nahm ich als Kind so auf und hin. Weiter dachte ich nicht. Dabei hatte Egon Schultz Träume, einen Plan für seine Zukunft und suchte nach einer passenden Frau. Zum Lehrer fühlte er sich berufen, den Dienst bei der Nationalen Volksarmee konnte er nicht verweigern (und war wenig darüber begeistert) und Parteimitglied der SED, nun ja, das war Voraussetzung, um als Lehrer in der DDR arbeiten zu dürfen. Es hat mich gerührt, das zu lesen. Es stimmte mich traurig und dann wütend, wie dieser Mensch und sein Schicksal von der DDR-Regierung missbraucht wurde. Aus dem Individuum wurde eine ideologische Figur, die zudem auf einer Lüge basierte. Egon Schultz wurde von den flüchtenden Tunnelgräbern angeschossen, einmal. Er  wurde aber auch von seinem eigenen Kameraden – versehentlich – angeschossen, mehrfach. Es lies und lässt sich nicht eindeutig klären, welche Schussverletzung zum Tod führte. Aber die Stümperhaftigkeit des Einsatzes und die Unerfahrenheit der Soldaten haben wesentlich dazu beigetragen, dass Egon Schultz verstarb. So oder so. Egon Schultz war ein Opfer der Mauer, er war auch ein Opfer der kommunistischen DDR-Diktatur und verdient es wie alle, als verstorbener MENSCH betrauert zu werden.

Anklage

Die BVG
(im Folgenden Angeschuldigte genannt)

wird beschuldigt,
die Gesundheit wartender Fahrgäste, im Besonderen meiner eigenen,

strafbar als Körperverletzung gemäß § 223 StBG,

geschädigt zu haben.

Zum Tathergang: Am 1. März diesen Jahres, also heute, stand ich an der Tram-Haltestelle Heizkraftwerk der Linie 21, um wie jeden früh zur Arbeit zu fahren. Die Straßenbahn sollte laut Fahrplan um 8:47 Uhr abfahren, was sie jedoch nicht tat. Diese Bahn fiel aus. Die nachfolgende Bahn fuhr zwar, allerdings verspätet. Die Bahnen der Linie 21 verkehren im 20-Minuten-Takt. Somit musste ich etwa eine Dreiviertelstunde warten.
Durch die derzeitigen Temperaturen von -13 Grad Celsius kam es zu enormer Unterkühlung. Auch die heiße Wut über die Unzuverlässigkeit der Angeschuldigten führte zu keiner nennenswerten Aufwärmung.
Erklärungsversuche der Angeschuldigten oder sogar Entschuldigungen werden als Undschulds- oder Reuebeweis nicht zugelassen und führen demnach auch zu keiner Strafmilderung.
Grund: MIR WAR KALT, also so richtig echt saukalt.
Somit ist der Straftatbestand der Körperverletzung nach § 223 StBG erfüllt.

Es wird beantragt, die Angeschuldigte zu einer einstündigen Warterunde an einer frei wählbaren Haltestelle zu verurteilen. Für die Verbüßung der Strafe wird eine Frist von einer Woche gesetzt, so lange die Außentemperaturen noch denen zur Zeit des Verbrechens ähneln.

Bücher

Hallo, ich heiße Anne und ich bin bibliophil. Ja, ich oute mich: ich mag Bücher. Vielleicht bin ich sogar etwas bibliomanisch mit kleinen Einfärbungen von Biblioholismus. Ich lese Literatur und Sachbücher nur analog; ich hasse E-Books. Ich mache Eselsohren in meine Bücher, kritzle Anmerkungen an die Ränder, ordne ihnen Zeitungsartikel zu. In regelmäßigen Abständen durchforste ich meine Bücherregale, nehme jenes oder dieses Buch in die Hand, blättere es durch, amüsiere mich über alte Notizen und fast schon museumsreife Zeitungsausschnitte, verschenke ich Bücher, dann nur mit Widmung. Entliehene Bücher mag ich nicht. Wenn mir ein Buch gefällt, soll es in meinem Regal stehen. Ich kaufe Bücher. (Aus finanziellen Erwägungen heraus bin ich auf gebrauchte Bücher umgestiegen.) Wichtig ist, dass sie mir gehören.
Wohnungen ohne Bücher finde ich komisch und leer und kalt. Wer kann so wohnen? Mit vielen meiner Bücher verbinde ich schöne Erinnerungen, die ich um mich haben, sehen und anfassen will. Und ich lese einige Bücher immer wieder. Zum Glück ist mein Gedächtnis recht löchrig, so dass ich bei den Krimis vergessen habe, wer der Mörder ist. Also immer wieder Spannung auf´s Neue.
Der Haken: mein Lebensabschnittsgefährte ist eher der praktische Typ und wird nicht müde, mich von den Vorteilen eines E-Books zu überzeugen: weniger Stauraum, weniger Staub, weniger Papierverbrauch, weniger Kosten (von der Anschaffung des Gerätes selbst mal abgesehen). All das kann ich nicht widerlegen, als Gegenargument nur meine Liebe für Bücher anführen – und jedes neu gekaufte Buch heimlich ins Regal schmuggeln.

Das Rad des Lebens

Ich werde alt! Naja, zumindest älter. Untrügliches Zeichen dafür ist nicht nur die Zunahme der kleinen Fältchen um meine Augen herum proportional zur Reduktion meiner Haarfarbe hin zu grau. Auch die Unfallquote meiner Eltern und das Niveau der zugezogenen Verletzungen sind unübersehbare Hinweise. Immer häufiger passieren diese „kleinen Haushaltsunfälle“. Erst letzte Woche brach sich meine Mutter ihren Arm (Sie ist Rechtshänderin und es war Gott sei Dank der linke Arm.), der nur mittels Operation und einer eingesetzten Metallschiene gerichtet werden konnte. Nun dauert es einige Woche, bis sie wieder beidhändig agieren kann.
Und warum? Weil sie auf einen Stuhl steigen musste, um an ein höheres Regal zu gelangen. Musste sie das? Ja, das musste sie, und im Übrigen würde sie das auch häufiger tun. Dabei hätte sie noch nie Schwierigkeiten gehabt. Nun ja, vor einigen Jahren konnte ich mir auch noch selbst an den Füßen riechen. Jetzt streikt mein Rücken bei dem Versuch. Soll ich ihr die Gefährlichkeit solcher akrobatischen Übungen erklären oder sie einfach verbieten? Ich sorge mich um ihre Gesundheit und bekomme das Gefühl, unsere Beziehung verkehrt sich. Das Kind achtet auf die Unversehrtheit der Eltern. Einst war es andersherum. Und das ist erst der Anfang, das sehe ich deutlich vor mir. Nicht mehr lange und mein Kind wird ebenso über mich denken. Das Rad des Lebens dreht sich eben unaufhörlich – und hat erst vor Kurzem etwas Anschwung erhalten.

Eine kleine Lüge

Auf dem Weg zur Straßenbahn sprach mich ein Jüngling an und fragte: „Haben Sie etwas Kleingeld?“ Meine Antwort kam prompt: „Nein, tut mir leid.“ Das war gelogen. Zur Abwechslung hatte ich mal ein paar Münzen in der Tasche. (Ich bin inzwischen eine überzeugte Kartenzahlerin.)
Warum also diese Lüge? Ich hätte wahrheitsgemäß erwidern „Ja, habe ich.“ und dann einfach weiter gehen können. Doch eigentlich geht es niemanden etwas an, ob und wie viel Kleingeld ich besitze. Das ist meine Privatangelegenheit, die ich nicht mit Fremden auf der Straße bespreche. Aber gleich lügen?
Ich hätte auch sagen können: „Das geht Sie nichts an.“ Sehr freundlich natürlich. Man muss ja nicht gleich unhöflich sein. Aber auch das kam mir nicht in den Sinn. Warum also die Lüge?
Weil diese Frage bei einer positiven Antwort sofort die weitere Frage nach sich gezogen hätte: „Kann ich etwas davon haben?“ (Deshalb auch gleich der Zusatz “… tut mir leid“.) Darauf abschlägig zu antworten, wäre mir nun wirklich peinlich gewesen. „Nein, Sie bekommen nichts von meinem Geld. Das behalte ich allein.“ Wie klingt das denn? Geizig, egoistisch, materiell ausgerichtet. Alles Attribute, die ich mir nicht zuschreibe. Also möchte ich auch nicht so wirken, auch nicht Fremden gegenüber auf der Straße so mal eben im Vorbei-Gehen.
Dabei ist diese Lüge unnötig, weil der Fragende ohnehin weiß, dass ich Kleingeld habe, aber nichts geben möchte. Jeder hat doch in irgendeiner Hosentasche oder Seitentasche des Rucksacks ein paar Pfennige, die er leicht entbehren kann – und wer möchte, rückt diesen winzigen Geldbetrag auch raus. Wer also nichts gibt, will nichts geben. Die Lüge ist durchschaut. Das ist mir klar. Ist beim Lügen ertappt zu werden offenbar weniger schlimm als geizig zu wirken? Ich werde es austesten: Beim nächsten Mal antworte ich wahrheitsgemäß mit „Ja“. Vielleicht setze ich noch eins drauf und kontere mit der Gegenfrage „Warum fragen Sie?“. Mal sehen, was passiert.

Vor und nach K.

In meiner Tageszeitung lese ich heute früh den Aufruf an die Leserschaft, die schönsten und wichtigsten Momente im Jahr 2017 zu schildern und einzusenden. Au ja, denke ich, das mache ich, und überlege, was wohl mein schönster Augenblick in diesem Jahr gewesen ist. Aber mir fällt nichts ein.
Ach herrje, ist mein Leben so unspektakulär? Oder leide ich bereits an Demenz? Nein, ich erinnere mich an das erste Date mit dem Vater meines Kindes im Jahr 2009. Ich weiß noch genau, wann und warum ich mich 1999 für mein Studium entschied, das meinem Leben eine neue Richtung gab. Und ich erinnere mich sehr gut an das Jahr 1980, als mein Bruder geboren wurde, was für mich furchtbar aufregend und spannend war. Wieso also nichts im aktuellen Jahr?
Jaaa, wäre nach dem Jahr 2014 gefragt worden, wüsste ich die Antwort: Die Geburt meines Kindes. Das ist es: Mein Leben teilt sich in „vor meinem Kind“ und „nach meinem Kind“. Mit diesem Ereignis erfüllte sich meine persönliche Prophezeiung, erhielt ich eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn meines Lebens, wurde ich erlöst von der Suche nach meinem Weg. (Klingt fast so, als wäre mir der Messias persönlich begegnet. Liegt vielleicht an Weihnachten.) Seither ist jeder Tag mit meinem Kind ein schönster Moment, ein stolzer Augenblick. Gleichberechtigt stehen die Begebenheiten und Ereignisse mit meinem Kind nebeneinander. Keiner kann und möchte ich den Vorzug geben. Ich hätte viel zu schreiben. Soviel Platz hat die Zeitung nicht. Also sende ich keinen Text ein und singe lieber zum 100. Mal „Kam ein kleiner Teddybär“ mit meinem Kind.
Brumm, brumm.

Freie Fahrt

Wir schreiben den 22. Dezember. Es ist Freitag und damit der letzte (für die meisten von uns jedenfalls) Arbeitstag vor der Weihnachtspause. Zudem sind seit gestern Schulferien. Auf dem Weg zur Arbeit komme ich das erste Mal ins Stutzen, als ich an der Stelle, wo ich sonst jeden Morgen mit dem Auto im Stau stehe, durchfahren kann. Nahezu Verwirrung herrscht, als ich mühelos einen Parkplatz vor der Kita finde. Gestern noch musste ich halb auf dem Fußweg parken. Komplett war die Irritation, als ich  die Hauptverkehrsstraße zügig entlang brausen konnte. Es war gespenstig! Wie sieht es auf den Berliner Straßen erst an Heilig Abend aus, wenn alle bei ihren Familien sitzen und ihre Autos brav still stehen? Ich überlege jetzt ernsthaft, mir selbst ein ganz außergewöhnliches Geschenk unter den Baum zu legen. Ich könnte zur Hauptbescherungszeit mit dem Auto von Köpenick zum Brandenburger Tor fahren – in nur 10 Minuten. Das wär´s doch. Einmal freie Fahrt durch die Mitte. Kann ich nur hoffen, dass auch die Berliner Polizei in weihnachtlich-fröhlicher Stimmung ist und mich nicht kassiert.