Freie Fahrt

Wir schreiben den 22. Dezember. Es ist Freitag und damit der letzte (für die meisten von uns jedenfalls) Arbeitstag vor der Weihnachtspause. Zudem sind seit gestern Schulferien. Auf dem Weg zur Arbeit komme ich das erste Mal ins Stutzen, als ich an der Stelle, wo ich sonst jeden Morgen mit dem Auto im Stau stehe, durchfahren kann. Nahezu Verwirrung herrscht, als ich mühelos einen Parkplatz vor der Kita finde. Gestern noch musste ich halb auf dem Fußweg parken. Komplett war die Irritation, als ich  die Hauptverkehrsstraße zügig entlang brausen konnte. Es war gespenstig! Wie sieht es auf den Berliner Straßen erst an Heilig Abend aus, wenn alle bei ihren Familien sitzen und ihre Autos brav still stehen? Ich überlege jetzt ernsthaft, mir selbst ein ganz außergewöhnliches Geschenk unter den Baum zu legen. Ich könnte zur Hauptbescherungszeit mit dem Auto von Köpenick zum Brandenburger Tor fahren – in nur 10 Minuten. Das wär´s doch. Einmal freie Fahrt durch die Mitte. Kann ich nur hoffen, dass auch die Berliner Polizei in weihnachtlich-fröhlicher Stimmung ist und mich nicht kassiert.

Schönstes Kind

Seit fast genau zwei Jahren gehöre ich zu den Frauen, die einem tief sitzenden Irrglauben unterliegen: Ich bin fest davon überzeugt, dass MEIN Kind das schönste Kind der Welt ist. Aber nicht nur schön im Sinne von gut aussehend. Das natürlich auch, aber auch schön im Sinne von niedlich, putzig, goldig, herzig, entzückend, süß, bezaubernd – um nur mal einige Adjektive zu nennen. Selbstverständlich ist MEIN Kind  auch das klügste von allen Kindern,  das talentierteste, kreativste, phantasievollste und lebendigste. Überhaupt sind Humor, Freundlichkeit und Mut bei ihm ganz besonders stark ausgeprägt. Seine blonden Locken sind unübertroffen, das verschmitzte Lächeln in seinen Augen ist konkurrenzlos und sein Liebreiz lässt ihn am hellsten strahlen.

Zugegeben: Es gibt auch andere tolle Kinder. Aber es ist mir unverständlich, wie nicht jede und jeder erkennt, dass MEIN Kind am besondersten von allen Kindern dieser Erde ist. Ganz objektiv gesehen. Das zumindest glaubt mein Mamaherz. Es lässt sich nicht beirren vom gesunden Menschenverstand, der fragt, ob dies bei etwa 1,8 Milliarden Kindern auf der Welt nur ansatzweise wahr sein kann. Ja, es ist wahr. Und die Herzen der anderen Mamas glauben dasselbe.  Das ist die wahrhaftigste und wunderschönste Wahrheit.

Ein ganzer Mensch

„Ein ganzer Mensch bin ich nur noch zu zweit.“ So lautet eine Zeile in dem Gedicht „Das Gebet keiner Jungfrau“ von Erich Kästner.

Als ich in jugendlichem Alter diesen Vers das erste Mal gelesen habe, war ich schier entsetzt. Wie furchtbar, und doch wie wahr. Verliebt sein ist grausam. Wirklich vollständig fühlt man sich nur noch neben seinem geliebten Menschen. Konnte ich gut nachempfinden zur Zeit meiner ersten Liebe.

Doch die tatsächliche Bedeutung dieser Worte erfuhr ich nach der Geburt meines Kindes. Aus mir ist neues Leben kommen, ist ein neuer – zweiter – Mensch entstanden. Deshalb bin ich nur noch ganz zu zweit. Nicht zwangsläufig in physischer Hinsicht. (Ich gehe davon aus, dass mein Kind irgendwann – Gott möge verfügen, dass es noch lange dauert – eigener Wege geht.) Aber auf jeden Fall in seelischer Hinsicht. Würde mir mein Kind genommen, würde mir ein Teil meines Selbst fehlen. Ich wäre amputiert. Das ist gruselig und macht mir Angst, und gleichzeitig ist es das schönste Gefühl, dass ich je hatte und mir überhaupt vorstellen kann. Und Erich Kästner hat es in so einfache und deutliche Worte gepackt.

Liebesbrücke

liebesbrueckeGestern kauften der Vater meines Kindes und ich ein neues Doppel-Eltern-Bett. Seit seiner Geburt hat unser Kind den Platz im Bett neben mir okkupiert und seinen Erzeuger auf die Couch verbannt. Nun endlich hat der Vater revoltiert und Kraft seiner Wassersuppe den Kauf eines größeren Bettes angeordnet. Gesagt, getan. Rein in den Möbelladen, Bett ausgesucht und gekauft. Das Ding ist breit und sehr stabil. Da passt dann auch noch unser Hündchen mit rein. Allerdings besteht die Matratze nicht aus einem Stück, sondern ist zweigeteilt. Mit Lücke. Nicht sehr schön, aber dafür gibt es eine tolle Erfindung, die Abhilfe schafft: Die Liebesbrücke. Ein Schaumstoffkeil, der in die Ritze geschoben wird und somit die Lücke füllt. Super Sache, wenn da nicht dieser irreführende Name wäre. Bett mit Liebesbrücke – das klingt doch erstmal wie eine erotische Installation für gewisse Stunden. Wer sich jedoch die Nächte von Paaren mit Kleinkindern besieht, findet im Bett so einiges: Bilderbuch angucken, Nachtlicht-an-und-ausknipsen, Banane essen, Geschrei, Saft verschütten – Liebesspiele sind nicht dabei. Zudem verdient die Liebesbrücke diesen Namen auch schon deshalb nicht, weil tatsächlich leidenschaftlich Liebende sich wohl kaum von einem Spalt in der Matratze stören lassen, wenn sie es denn überhaupt bis ins Bett geschafft haben und nicht schon auf dem Sofa hängen geblieben sind. Die Erfinder dieses Keils hätten besser einen passenderen Namen gefunden. Wie wäre es mit Kinder-Besucher-Ritzen-Füller oder Kleinhund-Verschwindibus-Schutz. Diese Bezeichnungen treffen eher zu – und der Kassenbon liest sich weniger wie ein Besuch im Erotikshop.

Erwachsensein hat auch seine guten Seiten

erwachsenseinBei meinem letzten Besuch im Berliner Tierpark steuere ich nach Absolvierung des warm-feuchten Parcours durch das Dickhäuterhaus am Ausgang direkt auf einen Eis-Automaten zu. Strategisch nicht unklug platziert. Meine Zunge klebt am Gaumen und sehnt sich nach kalter Erquickung. Da scheine ich nicht die Einzige zu sein. Ein kleiner Junge drückt sich begierig die Nase am Schaufenster des Automaten platt und bettelt seine Mutter an. Die bescheidet den Antrag ihres Jüngsten ohne genauere Ausführungen negativ mit den wenigen Worten „Es gibt jetzt kein Eis!“ Maulend und tief enttäuscht trottet das arme Kind hinter seiner Mutter her. Ich habe Mitleid, denke jedoch: „Für MICH gibt es jetzt aber ein Eis.“ Denn ich kann das schon selbst entscheiden. Ich muss niemand um Erlaubnis fragen. Ich komme an den Münzenschlitz  allein ran und kann die Zahlen und Ziffern des Codes schon lesen. Allerdings muss ich auch das Geld für die Süßigkeit selbst verdienen und trage auch die Verantwortung für meine gesunde Ernährung selbst. Der kleine Junge kann diese Dinge immer noch auf seine Eltern abwälzen. Aber ICH bekomme mein Eis. Jetzt. Egal, ob klug oder nicht das richtige Wetter oder kurz vor dem Mittagessen oder sonst irgendetwas. So krame ich in meiner Tasche nach den passenden Münzen, drücke den richtigen Code und angele die Begehrlichkeit aus dem Automaten. Lecker. Beim Gedanken an den traurigen Jungen schmeckt das Eis gleich nochmal so gut. Erwachsensein hat auch seine guten Seiten.

Burkini-Verbot

burkaDas derzeit heiß diskutierte Burkini-Verbot läuft in die falsche Richtung. Ich plädiere statt des VERbotes für ein Burkini-GEBOT. Wie oft bin ich beim Anblick nackter bis halbnackter Menschen am Strand „irritiert“ und „verunsichert“, ja manchmal sogar „verängstigt“. Welche Formen der menschliche Körper annehmen kann, ist vereinzelt erschreckend. Es blähen sich Bierbäuche, hängen Brüste, blitzt die Orangenhaut und wellen sich jahrzehnte alte Tätowierungen. Eine Ganzkörpervermummung würde hier wesentlich zur Schonung der Mitbadenden beitragen. Auch, was Einige als Bademode bezeichnen, spottet jeder Beschreibung. Nicht nur, dass mehr gezeigt als verdeckt wird, formt zu eng gewählte Kleidung den Körper in abenteuerliche Wucherungen und Ausstülpungen. Der großzügig geschnittene Burkini ist in seinen Ausmaßen ausreichend genug, um solche mitleidserregenden Anblicke zu vermeiden. Wer sich also einbildet, die burkini-tragenden Muslima von der Unterdrückung der Männerwelt befreien zu müssen und den Burkini verbieten möchte, sollte kurz in sich gehen und überlegen, ob er der Menschheit nicht einen größeren Dienst erweisen kann, wenn er selbst einen im Schwimmbad trüge. Und wer sich gestört fühlt von „diesem“ Anblick, dem sei ein Blick in den Spiegel empfohlen.