Doof oder besonders schlau

Ich möchte auf keinen Fall über mein Kind lästern oder gar etwas Schlechtes sagen. Genauso wie ich mir bei seinem ersten Anblick direkt nach der Geburt geschworen habe, es trotz der Ähnlichkeit mit Gollum aus der Ringe-Trilogie zu lieben, so habe ich mir vorgenommen, ihm stets das Gefühl zu geben, es sei klug und schön. Heute muss ich – nur ganz kurz – von diesem Vorsatz abrücken und es in aller Deutlichkeit sagen: Kinder sind manchmal echt so doof.

Der Beweis: Heute früh riss mein Kind die Badtür auf, wo ich gerade mein Gesicht renovierte. Es blieb auf der Schwelle stehen und schaute mich erwartungsvoll an. „Hallo, mein Kind.“ Antwort: „Hallo, Mama.“ Stand und schaute mich weiter an. „Was is´n los?“ Antwort: „Ich hab nix gemacht.“ Alles klar. „Was hast du nicht gemacht?“ Antwort: „Ich hab dem Hund nicht die Haare geschnitten. War von alleine.“  Wie auf´s Stichwort kam der Hund um die Ecke geschlichen, mit eingeklemmtem Schwanz und nervös hechelnd. Auf dem Hinterteil blitzte ein rosafarbener Kreis.

In dem Moment war ich tatsächlich weniger entsetzt über das Loch im Fell des Hundes, als über die Doofheit meines Kindes. Hätte es den Mund gehalten, wäre ich fünf Minuten später aus dem Bad gestürzt, hätte einen entsetzten Blick auf die Uhr geworfen, hektisch Tasche und Kind geschnappt und wäre aus dem Haus Richtung Kita und Arbeit gerannt. Die Haarbüschel wären mir erst am Abend aufgefallen und hätte sie dem fortgeschrittenen Alter des Hundes zugeschrieben. (Gibt es Glatzenbildung bei Hunden? Bis ich das gegoogelt hätte, wäre die Karenzzeit für eine Bestrafung des Kindes abgelaufen.)

Stattdessen beichtet das Kind seinen angestellten Blödsinn freiwillig und vor allem noch vor Entdeckung der Freveltat. Dass ich über die Rasur nicht begeistern sein würde, wusste es von der letzten Aktion, als der Hund unter die Schere kam.

Warum gesteht das Kind also? Ich habe mir zwei Lösungsansätze überlegt. A) Die Methode des Verschleierns und Lügens ist ihm noch nicht (ausreichend) vertraut. B) Es ist einfach nur doof. Beides zeugt von einer Intelligenz, die noch Luft nach oben hat.
Oder ist es Lösung C): Mein Kind weiß, dass ich so schlau bin und auf jeden Fall die Tat entdecken werde. Mein detektivischer Spürsinn wird den Täter entlarven. Es lohnt auch nicht, die Bestrafung hinaus zu zögern; sie kommt ja doch. Also Angriff nach vorn. Sein Vertrauen in meine Liebe ist dabei so groß, dass es wenig von mir zu befürchten hat. (Immerhin waren die Ohren des Hundes noch dran.)
Lösung C) gefällt mir am besten, die nehme ich. Dabei kommen Kind und ich gut weg: Mein Kind ist weise und vorausschauend, ich bin eine schlaue und liebevolle Mutter.

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