Fast gewonnen

Selbst mir als Fußball-Nicht-Interessierte ist die Tatsache, dass der 1. FC Union in diesem Jahr in die erste Bundesliga aufgestiegen ist, nicht unbemerkt geblieben. Es mag daran liegen, dass das Home-Stadion des 1. FC in meiner Nachbarschaft liegt und die Freudenböller nachts um zehn Hund und Kind aus dem Schlaf rissen, oder auch daran, dass mich mein Mann auf die Aufstiegsparty ins Stadion geschleppt hat (Dort mussten wir unbedingt wie viele andere Fans den schönen Fußballrasen zerstören und ein Stück des Jahrhundertgrüns klauen.), oder auch an der stolzen Bitte meines Mannes, einen Gast-Fan-Schal zu stricken, weil er ja nun auf jeden Fall öfter ins Stadion gehen werde und für seine Begleitung die entsprechende Fanausstattung benötige.

Nach der Sommerpause war es dann auch soweit: das erste Spiel des FC Union stand an. Bedauerlicher Weise ist mein Bruder (eigentlich Hertha-Fan) in den Besitz von zwei Eintrittskarten geraten und lud meinen Mann auf einen lustigen Fußballabend ein. Da die Karten allerdings für den Gastblock waren, mussten die beiden auf rot-weiße Fanartikel verzichten. Das fiel meinem Bruder weniger schwer als meinem Mann.

Zusammen zogen die beiden los, natürlich jeder mit einer Flasche Bier in der Hand. Macht Mann so! Es war vereinbart, dass ich meinen Bruder nach dem Spiel nach Hause fahre. Sonntag Abend mit der Bahn – das wollte ich ihm ersparen. Als ich gerade dabei war, mein Kind Richtung Bett zu treiben, klingelte das Telefon. Mein Bruder war dran, aufgeregt, ein wenig lallend. Im Hintergrund Gegröhle. „Setz dich ins Auto und hol uns ab!“ Auf meine Nachfrage warum, bekam ich etwas Genuscheltes zu hören, in dem die Worte „dein Mann“ vorkamen. Das im Zusammenhang mit dem Wissen um die häufigen gewalttätigen Ausschreitungen bei den Spielen des FC Union versetzte mich in Panik. Ich schnappte mir das Kind, das bereits im Schlafanzug war, sprang ins Auto und fuhr los. Ich sollte an einer bestimmten Tankstelle auf die beiden warten.

Dort angekommen, war ich nicht allein. Ein halbes Dutzend andere Frauen warteten dort im Auto mit ihren Kindern. An uns vorbei zog der rot-weiße Fan-Tross und johlte. Wer noch nicht ganz hinüber war, torkelte in die Tanke und holte sich noch ein, zwei, drei Sixpacks. Ich hielt Ausschau nach meinen Männern, während mein Kind Kieselsteine auf den Fußweg warf. Unser Glück: Das Kind war zu klein und ich zu weiblich, um von den verärgerten Unionern verprügelt zu werden.

Endlich wankten zwei mir gut bekannte Gestalten über die Straße und riefen mir lachend zu: „Wir haben fast gewonnen – 0 zu 4.“ Mir stockte der Atem. Wenn die beiden das den ganzen Weg zwischen den vermutlich nicht ganz so amüsierten Fans über diese Niederlage gebrüllt und keine blauen Augen hatten, war sicher eine ganze Armada an Schutzengeln im Einsatz. Ich dachte nur eins: rein ins Auto, Türen zu und Fenster hoch.

Die Umsetzung dieses Plans gestaltete sich etwas schwierig. Mein Mann erklärte mir, er würde nach Hause laufen. Ich sollte ihm doch meinen Haustürschlüssel geben. Seinen hatte ich ihm zu Hause abgenommen, damit er nicht verlustig ginge, falls er ein bis zwei Bier zu viel trinken und die Kontrolle über seinen Besitz verlieren würde. Das hat ja schon mal nicht so gut geklappt.

Mein Bruder brauchte eine Viertelstunde, bis er im Auto saß. Mein Auto hat keine Türen für die Rücksitze. Zwanzigmal griff er ins Leere auf der Suche nach dem Türgriff. Als er endlich erkannte, dass es keinen gab, versuchte er es auf der anderen Seite. Auch keiner. Dann wurde gepöbelt, welch schlechte Ausstattung mein Auto hätte, da könne er nicht mitfahren und wie ich mir denken würde, dass er da rein käme. Ich drückte meinen Sitz nach vorn und bat ihn einzusteigen. Das dauerte wieder einige Minuten und wurde von dauerndem Geblubber begleitet.

Mein Bruder saß im Auto, mein Mann torkelte Richtung Heimat, und wir fuhren endlich los. Ich wollte gerade erleichtert ausatmen, da griff mir mein Bruder von hinten an den Hals, drehte meinen Kopf, erzählte was von Sieg, lachte, kicherte und leckte mir zu allem Überfluss ins Ohr. Meinen Hinweis darauf, dass ich Auto fuhr, und das mit 60 km/h, ignorierte er bzw. veranlasste ihn dazu, nun mein Kind, das auf dem Beifahrersitz saß, zu traktieren. Mit seinen großen Handwerker-Händen drückte und drehte der den kleinen Kopf. Das Kind hatte Spaß, kreischte, warf sich hin und her und mir ins Lenkrad. Ich hatte Angst, es würde kaputt gehen. Ging es aber nicht, dafür der Kindersitz. Das und die Tatsache, dass ich gar nichts mehr sagte, machten meinem Bruder den Ernst der Lage dann doch deutlich und er reduzierte seine Aktivitäten. Nun war es nur noch laut im Auto, aber ich hatte das Lenkrad wieder für mich allein. Als ich ihn zu Hause absetzte, lallte er noch ein „Ich hab euch lieb“ ins Auto und wankte seiner Frau in die Arme. Die schrieb mir zehn Minuten später eine Nachricht, dankte mir fürs Nach-Hause-Bringen des Vaters ihrer Kinder und meldete, dass er bereits im Bett wäre und schliefe.

Als ich in unsere Wohnung zurückkehrte, war mein Mann bereits, wenn auch noch nicht lange, wohl behalten angekommen. Frisch geduscht – immerhin – plünderte er den Kühlschrank und wollte mir Witze erzählen. Ich lehnte dankend ab, bat ihn, im Kinderzimmer zu schlafen und zog mich mit dem Kind in mein Bett zurück. Der Fernseher lief dann noch die ganze Nacht.

Aber am nächsten Morgen war er pünktlich wach, zog ein frisch gebügeltes Hemd über und sah wieder vorzeigbar aus. Auch mein Bruder trat seine Arbeit pünktlich an. (Seine Nachricht, ob bei mir alles ok wäre, bejahte ich nur müde.) Da kann man beiden nichts nachsagen.

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