Ist Pupsen erlaubt?

pupsenVor einigen Tagen saß ich mit einer Bekannten beim Italiener bei einer leckeren Pizza zusammen. Während wir unser einfaches Mahl genießen, konstatiere ich, dass es nach Knigge unhöflich wäre, wenn das Besteck, nachdem es einmal in Benutzung war, erneut den Tisch berührt. (Mit vollem Mund spricht man nicht. Deshalb habe ich während des Essens viel Zeit, mir über die wirklich wichtigen Dinge im Leben Gedanken zu machen.) Meine Tischnachbarin entgegnet völlig unbeeindruckt, dass Knigge schon seeehr lange tot sei und solche Regeln ohnehin Quatsch wären. Na, so aber nicht mit mir. Es gibt immerhin bestimmte Normen, an die es sich lohnt zu halten. Das sorgt für Ruhe und Zufriedenheit in der Gesellschaft. Unverständnis auf der anderen Seite des Tisches. Gut! In solchen Situationen nutze ich zur Veranschaulichung besonders extreme Beispiele. Also stelle ich folgende provozierende Frage in Erwartung vernunftgesteuerter Einsicht: Ist Pupsen bei Tisch erlaubt? Die Antwort ist allerdings enttäuschend uneinsichtig: Soll doch jeder so machen, wie er mag. Es gäbe da einen Bekannten, der würde das immer so machen. Da lache sie nur drüber und gut is.
Da hört sich doch alles auf. Wie asozial ist das denn? Denke ich. Laut versuche ich diese verquere Einstellung mit schlüssigen Argumenten zu korrigieren.

Erstens: Beim Pupsen werden aufgrund eines komplizierten biochemischen Prozesses Gase freigesetzt, die bei der Mehrheit der menschlichen Nasen auf Ablehnung stoßen. (Der Volksmund behauptet, ein Pups würde riechen, damit die Tauben auch was davon haben.) Nun gibt es Menschen, die haben einen empfindlichen Magen. Da kann ein unschuldiger Pups beim Essen leicht zu Übelkeit führen. Im schlimmsten Fall muss sich das Opfer der Geruchsattacke auch noch übergeben. Genau genommen grenzt das schon an Körperverletzung. Und wenn dieser arme Mensch dann tragischer Weise an seinem Erbrochenen erstickt, haben wir Totschlag. Ein schlecht gelaunter Staatsanwalt macht heimtückischen Mord draus.

Zweitens: Aufgrund der Vibrations der Analöffnung wird die Flatulenz häufig von einem lauten Geräusch begleitet. (Hier gibt es feine Unterschiede nicht nur in der Lautstärke, sondern auch in der Frequenz und Dauer des Tones.) Nun stellen wir uns vor, dass die Gäste am Tisch in ein anregendes und interessantes Gespräch vertieft sind. Plötzlich diese geräuschvolle Unterbrechung, die zunächst für Verwirrung sorgt (Wer war das?) und dann zu einer hitzigen Kommentierung aller führt. War das nötig? Hast du was Falsches gegessen? Versuch´s doch mal mit Aktivia, dem Joghurt mit probiotischen Bakterien. Über diese Diskussion wird dann das ursprüngliche Gesprächsthema vergessen. Wenn dieses Horrorszenarium stattgefunden hätte, während die Europäische Gründungskommission tagte, gäb es heute vielleicht keine EU.

Drittens: Ein schöner Rücken kann auch entzücken – sagt man. Aber tatsächlich zeugt es wenig von Respekt und Höflichkeit, seinem Gesprächspartner die Rückseite zuzukehren. Und wenn dann diese Seite auch noch die Gesprächsführung übernimmt, kann der Angesprochene schon mal leicht beleidigt sein. Es sind schon Kriege geführt worden wegen geringfügigerer Gründe.

Damit wäre bewiesen: ein Pups bei Tisch ist keineswegs ein Kavaliersdelikt. Er kann vielmehr zu Toten, politischem Chaos und Krieg führen. Meine Argumentationskette scheint lückenlos und unwiderlegbar, denn es folgt keine Gegenrede. Zufrieden und selbstherrlich blicke ich hoch und sehe meine Bekannte gerade noch aus der Tür schlüpfen. Die Rechnung blieb dann an mir hängen.

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