Kofferversteigerung

kofferWas schenkt frau ihrem Mann, der  bereits einen selbstgestrickten Pullover nicht anzieht, schon einmal Freude spielen musste über ein mit Liebe gereimtes Gedicht und für sein Hobby, die Fotografie, spezielle und teure Objektive lieber selbst aussucht? Genau: eine Kofferversteigerung. Das Überraschungsei für den erwachsenen Mann.
Von Fluggästen vergessene oder als verschollen geglaubte Koffer werden nach entsprechender Wartezeit auf einer Auktion an den Meistbietenden versteigert. Interessierte inspizieren vorher die angebotene Ware, ohne allerdings einen Blick in die Koffer hinein werfen zu dürfen. Es zählt der äußere Eindruck. Vor allem aber das richtige Näschen. Denn mit etwas Glück befindet sich im Koffer Wertvolles: Eine Jacke von Armani, das neueste Smartphone (natürlich mit Ladekabel und auf der Rückseite notierter PIN) oder wenigstens ein sexy Nachthemdchen, mit dem immerhin noch die Freundin beschenkt werden kann. Es können aber auch dreckige Unterhosen, schief gelaufene Slipper mit Käsegestank und ein angebissener Schokoriegel, inzwischen ranzig und nicht mehr genießbar, auf ihren neuen Besitzer warten. Also ein Glücksspiel für Arme: der Einsatz ist nicht ganz so hoch und man muss sich nicht in teure Abendgarderobe schmeißen.
Gedacht – getan. Letzte Woche lotste ich meinen Geliebten zu einer Kofferversteigerung von Air Berlin. Gewissenhaft betastete er die angebotenen Koffer, hob, wog, roch, wie er es bei den anderen Besuchern gesehen hatte. Ich war unheimlich beeindruckt von seiner schnell erlangten Professionalität. Dann ging es los. Bereits den siebten Koffer hatte er auf seiner Liste und entschied, bei dem Gebot von 15 € mitzugehen. Ein überschaubarer Preis. Er hob den Arm, wobei er sein coolstes Pokerface aufsetzte. Unglücklicherweise meldeten sich zeitglich vier weitere Personen. Die Auktionatorin zählte ruck zuck durch und endete mit 40 € bei meinem Geliebten. Uups. Sie fragte noch schnell zweimal nach: „Wer bietet mehr?“. Keiner. Also Zuschlag für den Bieter mit der Nummer 238. Wir! Und schon war das Bietervergnügen wieder vorbei. Das verplante Budget für diesen Spaß war schon beim ersten Bieten aufgebraucht. Die Aufregung dauerte ganze 10 Sekunden. Erschrocken und entsetzt blickte mich mein Geliebter an, hatte sich aber schnell wieder unter Kontrolle und starrte gaaanz cool nach vorn. Genauso hatte er es geplant. Sollte keiner im Raum merken, dass da was ganz ungeplant gelaufen ist. Den Rest der Auktion waren wir passive Zuschauer.
Nachdem wir den Preis gezahlt hatten, holten wir unseren Koffer, genauer gesagt unseren Rolli, ab. Der nette Mitarbeiter stellte ihn vor mich hin und wollte mir den Griff rausziehen. Leider griff er ins Leere. Der Griff war abgebrochen. Super. Kaputten Koffer ersteigert. Hoffentlich ist wenigstens der Inhalt was wert. Noch im Auto auf dem Parkplatz wurde er mit Ehrfurcht und freudiger Erwartung geöffnet. Zuerst ganz langsam die Außentaschen. Da könnte ein flaches Smartphone reinpassen. Leer. Dann den Reißverschluss vom Deckel aufziehen, Deckel auf und reingeglotzt. Keine Badelatschen, die vom Sommerurlaub zeugen, kein Negligee, keine lustigen Foto-Schnappschüsse. Nein, es waren sechs schwarze Herrenjacken in Größe 36, teilweise verschlissen, mit abgerissener Tasche, einige in noch recht gutem Zustand. Auf jeden Fall aber alle zu klein für meinen breitschultrigen Geliebten. Was für ein Erfolg. Wir schauten uns an und prusteten los. Wir lachten über uns, unsere verqueren Erwartungen, unsere dummen Gesichter und darüber, dass es anderen in der Auktion sicher genauso erging, die jetzt vermutlich ebenfalls amüsiert ihre ersteigerten Koffer durchwühlen. Dieses Erlebnis war sein Geld wert. Und das Beste war, dass wir nicht, wie in meinen schlimmsten Alpträumen befürchtet, in bremsbespurte Schlüpfer griffen.

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