Lehrer – Soldat – Genosse

Sie wurde unter der Treppe links vom Eingang eingerichtet: die Egon-Schultz-Gedenkecke in unserer Schule. „Lehrer, Soldat, Genosse“, das war er. Ein pflichtgetreuer Bewacher der Grenze unserer DDR, an der er in Ausübung seines Liebesdienstes hinterrücks von den faschistischen Feinden aus dem Westen erschossen wurde. Auf dem Tisch in der Ecke stand sein gerahmtes Foto, eine regelmäßig abzustaubende Büste, eine Urkunde für irgendwas und natürlich eine Vase mit stets mit frischen Blumen. Wir Schüler_innen ehrten Egon Schultz, denn unsere Schule durfte seinen Namen tragen. So wurde es uns eingeimpft. An jedem Schultag kamen wir an der Gedenkecke vorbei, aber vor allem starrten wir gefühlte Ewigkeiten auf sein Porträt, das direkt gegenüber der Eingangstür hing, vor der wir auf den Einlass warteten und uns drängelten.

Genau dieses Foto begegnete mir Jahre später wieder und holte alte Erinnerungen zurück. In dem Buch „Der Tod des Grenzsoldaten“ erzählt ein Freund über den Menschen Egon Schultz und untersucht den Tötungsfall im Jahre 1964. Nie spielte es eine Rolle, dass Egon Schultz nicht nur Lehrer, Soldat und Genosse war, sondern auch und zuerst ein Mensch, ein Freund, ein Sohn und ein Mann. Er war Vorbild, Beweis für die Niedertracht des Westens, Rechtfertigung der Mauer. Das nahm ich als Kind so auf und hin. Weiter dachte ich nicht. Dabei hatte Egon Schultz Träume, einen Plan für seine Zukunft und suchte nach einer passenden Frau. Zum Lehrer fühlte er sich berufen, den Dienst bei der Nationalen Volksarmee konnte er nicht verweigern (und war wenig darüber begeistert) und Parteimitglied der SED, nun ja, das war Voraussetzung, um als Lehrer in der DDR arbeiten zu dürfen. Es hat mich gerührt, das zu lesen. Es stimmte mich traurig und dann wütend, wie dieser Mensch und sein Schicksal von der DDR-Regierung missbraucht wurde. Aus dem Individuum wurde eine ideologische Figur, die zudem auf einer Lüge basierte. Egon Schultz wurde von den flüchtenden Tunnelgräbern angeschossen, einmal. Er  wurde aber auch von seinem eigenen Kameraden – versehentlich – angeschossen, mehrfach. Es lies und lässt sich nicht eindeutig klären, welche Schussverletzung zum Tod führte. Aber die Stümperhaftigkeit des Einsatzes und die Unerfahrenheit der Soldaten haben wesentlich dazu beigetragen, dass Egon Schultz verstarb. So oder so. Egon Schultz war ein Opfer der Mauer, er war auch ein Opfer der kommunistischen DDR-Diktatur und verdient es wie alle, als verstorbener MENSCH betrauert zu werden.

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