Weihnachtsmusik im Sommer?

Ein Schweißtropfen läuft mir den Rücken runter. Konzentriert verfolge ich ihn in Gedanken und warte, bis er in der Poritze verschwindet. Meine Atmung halte ich ganz flach. Nur wenn es unbedingt sein muss, atme ich. Ich schwitze an Körperstellen, von denen ich nicht einmal ahnte, dass dort Schweißdrüsen sitzen: am Schienbein, auf den Augenlidern und auf dem Handrücken. Ich bin fasziniert und gleichzeitig furchtbar genervt. Seit Tagen herrschen 35 Grad Celsius. Es ist Sommer. Ich komme mit dem Trinken gar nicht so schnell hinterher, wie mein Körper Flüssigkeit ausdampft.

Aber im Nebenzimmer ertönt fröhlich und laut Rolf Zuckowskis „Weihnachtsbäckerei“ und ein seliges „Stern von Bethlehem“. Mein Kind hat in seiner nicht ganz so kleinen CD-Sammlung die Weihnachts-CD entdeckt und spielt sie nun täglich rauf und runter. Es hätte auch die CD von Findus und Petterson greifen können oder den Traumzauberbaum von Reinhard Lakomy oder meinetwegen die mit den traditionellen Kinderliedern. Nein, es musste die mit den Weihnachtsliedern sein.
Mir ist klar, dass mein Kind noch wenig bis keine Vorstellung von Zeit hat: Gestern und heute sind oft dasselbe, bald und gleich ist auch schwer auseinander zu halten. Aber dass Weihnachten im Winter gefeiert wird, wenn es kalt ist, ganz im Gegensatz zu den derzeitigen Temperaturen, müsste ihm doch klar sein, oder?

Vielleicht ist es das und ihm einfach nur wurscht. Die Musik klingt schön, egal, ob sie jahreszeitlich passt oder nicht. Nur wir Erwachsenen kämen nie auf die Idee, Weihnachtslieder im Sommer zu hören. Warum eigentlich? Der Text von der „Weihnachtsbäckerei“ ist lustig: Rezept weg, Hände VOR dem Teigkneten schmutzig („Du Schwein“) und die Plätzchen verbrannt. Da hat der Rolf richtig was drauf. Musik ist unabhängig vom Klima. Also lass ich mein Kind seine Weihnachtsmusik hören, erfreue mich an seinen Mit-Sing-Versuchen und verspreche dem Kindsvater, den CD-Player auf jeden Fall NICHT mit in den Sommerurlaub zu nehmen.

Das Tom Sawyer-Prinzip

Am dritten Juniwochenende fand wie jedes Jahr die Brandenburger Landpartie statt. Bauernhöfe in Brandenburg öffnen ihre Pforten für Besuchende und zeigen ihre Arbeit. Auf vielen Höfen finden sich Mitmach-Aktionen für Groß und Klein.

Ich bin Traktor gefahren, einen richtigen echten großen Traktor. Irre. Schon das Einsteigen war eine Herausforderung, wenn man wie ich knackende Knie hat und Absatzschühchen trägt. Meine Mühe wurde belohnt mit einem super gefederten Sitz hoch über den Köpfen drum herum stehender Menschen. Startknopf drücken, Gang rein und los ging´s. Wie ein Traktor gelenkt werden muss, beobachtete ich schon oft bei Busfahrern. Will man eine Kurve nach rechts nehmen, muss man erstmal nach links lenken. Verwirrende Ansage vom Bauern, der sicherheitshalber mitfuhr. (Ich habe eine Rechts-Links-Schwäche!) Die Aufgabe bestand darin, einmal im Kreis zu fahren über die Wiese mit kniehohem Gras, das gemäht wurde. Heumachen für die Tiere. Der Traktor zog eine entsprechende Gras-Abmäh-Vorrichtung hinter sich her. Das war ein Spaß. Ich jauchzte und kicherte und freute mich über meine tolle Fahrleistung. Am Ende der Runde war ein Streifen Gras abgemäht, und es warteten schon die Nächsten für eine weitere Fahrt.

Als ich die Situation so beobachtete, fühlte ich mich ein wenig wie die von Tom Sawyer verkackeierten Kinder. Als Strafe für eine Prügelei wurde er von Tante Polly zum Zaunstreichen verdonnert. Eine Arbeit, auf die er so gar keine Lust hatte. Als dann die anderen Kinder vorbeikamen und ihn auslachten, ersann er eine List. Er tat ganz wichtig. Dies sei eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe, die nicht jeder verrichten könne. Nur scheinbar widerwillig lies er sich von den Kindern überreden, den Pinsel abzugeben und sie das Streichen probieren zu lassen. Die Schlange der Anwärter wurde immer länger, und so wurde der Zaun komplett von den Kindern gestrichen, während Tom Sawyer in der Sonne lag und Anweisungen gab.

Der Bauer hat es nach dem Tom Sawyer-Prinzip gemacht: Gras für die Landpartie stehen lassen und die Aufgabe den Städtern überlassen, die noch nie Traktor gefahren sind und sich darum reißen zu mähen.

Ich wäre gern noch eine zweite Runde gefahren und war am Ende doch froh, dass ich mein Geld mit einem relativ ruhigen Bürojob verdiene. Land- und Viehwirtschaft sind ein hartes Geschäft.

8. Mai

An diesem Tag vor nunmehr 74 Jahren kapitulierte Nazi-Deutschland offiziell und unterschrieb die Kapitulationsurkunde. Anlässlich des Jahrestages veranstaltet das Deutsch-Russische Museum in Karlshorst jährlich ein Fest mit Musik, Filmvorführungen, russischer Kulinarik, freiem Eintritt in das Museum und einem Gläschen Sekt kurz vor Mitternacht im Kapitulationssaal. Dort nämlich besiegelten die Alliierten das Ende des Nationalsozialismus.
Wichtiger Bestandteil dieses Festes sind stets die Delegationen aus Russland: Vertreter diverser Vereine, Offizielle aus Politik und Militär, Künstler. Ganz vorn die Veteran*innen. Als Zeitzeugen des Krieges tragen sie ihre alte Uniform und voller Stolz die Abzeichen und Orden, die ihnen für ihre Verdienste im „Großen Vaterländischen Krieg“ verliehen wurden. Auf jeder stolz geschwellten Brust glitzert und glimmert es, einem lamettageschmückten Weihnachtsbaum gleich.
Ich amüsiere mich jedes Mal über diesen absurden Anblick, das Pathos der ehemaligen Soldat*innen und das Hofieren durch das Museumspersonal, auch wenn ich um die herausragende Stellung der alten Kriegsteilnehmer*innen in Russland weiß. Nach meinem, wenn auch nur kurzen, Rundgang durch die Ausstellung ist mir nicht mehr so lustig zumute. Ich sehe verkohlte Menschen, schreiende Kinder, verhungerte Körper, durchschossene Köpfe, Folter und Tod. Und plötzlich verstehe ich den Stolz in den Gesichtern der Veteran*innen. Sie sind stolz, weil sie all diese Greuel überlebt haben, weil sie mutig gekämpft haben, weil sie den deutschen Faschismus und den Krieg beendet haben. Ihre Uniform und ihre Orden sind Zeichen dafür. Die tragen sie mit aufrechtem Stolz und haben aufrechten Respekt verdient. Ich schaue mir diese Menschen noch einmal an und sehe keine komischen Kauze mehr, sondern traumatische Erlebnisse, böse Erinnerungen, den Verlust geliebter Menschen, Alpträume bis heute, gesundheitliche Folgen, verletzte Würde. Ihnen ein paar Stunden Dankbarkeit und herzlicher Gesellschaft entgegen zu bringen, sind wir ihnen schuldig.

Leider habe ich in diesem Jahr keine Veteran*innen gesehen. Bei meinem letzten Besuch vor 10 Jahren waren sie noch da. 10 Jahre, das ist eine lange Zeit. Unsere Zeitzeugen sterben. Ich werde sie vermissen. Und um es mit Loriots Worten zu sagen: „Früher war mehr Lametta.“

Brunschweigers Manifest: Kinderfrei statt kinderlos

Es ärgert mich, dass ich das hier schreibe. Erstens will ich nicht als X-te*r meinen – mehr oder weniger – sinnvollen Senf dazu geben. Zweitens ändert mein Kommentar nichts daran, dass Frau Brunschweiger weiterhin solche Dinge von sich gibt. Und Drittens hat diese Frau damit ihr Ziel erreicht: Ihr Buch wird gelesen und ihre Aussage diskutiert.

Trotzdem tippe ich ärgerlich ein paar Zeilen dazu in meinen Computer: Das Dilemma, dass man*frau sich nicht-der-Norm-gemäß fühlt, verstehe ich nur zu gut. Geht es uns doch allen in Abständen so. Ob wir nun entscheiden, halbtags zu arbeiten wegen der Mehr-Freizeit und damit auf Karriere und ein höheres Gehalt verzichten, oder ob Frau auch als gewollter Single glücklich sein kann, oder aber ob wir uns bewusst gegen ein Leben mit Kindern entscheiden, immer wird es Leute geben, die uns verständnislos anschauen. Wenn man*frau dann auch noch in eine Rechtfertigungsrolle gedrängt wird, ist das mehr als ärgerlich. Da bin ich ganz auf Frau Brunschweigers Seite.

Ich kann auch sehr gut ihre Langeweile nachvollziehen, wenn sie sich über Tischgespräche beschwert, in denen es nur und ausschließlich um Kinder geht. (Das ist, sehr geehrte Frau Brunschweiger, auch für Menschen mit eigenen Kindern auf die Dauer anstrengend. Auch für Eltern gibt es hin und wieder andere Themen als die lieben Kleinen. Glauben Sie mir.) Es ist wenig amüsant, von einem Gespräch ausgeschlossen zu sein, weil man*frau nicht mitreden kann. Da kann es dann schon mal vorkommen, dass sich die gefühlten Außenseiter zu einer abstrusen Aussage hinreißen lassen. Im Kindergarten läuft das so ab: Kevin, Celina, Marie und Mark haben an Ostern alle ein Fahrrad geschenkt bekommen. Nur Jonas nicht. Die vier mit Fahrrad berichten sich aufgeregt gegenseitig von der Großartigkeit des neuen fahrbaren Untersatzes, von der Farbe und wie schnell sie damit fahren könnten. Jonas steht traurig abseits. Er kann nicht mitreden, weil er kein Fahrrad hat. Nun springt er in die Gruppe und ruft laut: Na und, ich hab zwar kein Fahrrad, aber dafür seid ihr alle blöd!

Mir offenbaren sich hier eindeutig Parallelen zur Reaktion von Frau Brunschweiger. Sie selbst möchte keine eigenen Kinder. Weil sie sich ausgegrenzt fühlt, schlägt sie verbal auf alle, die sich für eigene Kinder entschieden haben, ein: Die Frauen hätten das gar nicht echt gewollt, sondern sich – mal wieder – nur der Knechtschaft der Männer unterworfen und damit dem Fortschritt der Emanzipation enorm geschadet. Eltern wären im Grundsatz gar nicht liebevoll zu ihren Kindern, sondern bösartig, und das bereits mit der Zeugung. Denn wer ein Kind in diese Welt mit all ihren Problemen schickt, kann es nicht gut meinen. Und um dem ganzen noch einen aktuellen und den größtmöglichen Hut aufzusetzen, schaden Menschen, die Kinder in die Welt setzen, dem Klima, dem zur Zeit essentiellsten Erdenproblem. Drunter macht es eine Frau Brunschweiger nicht. Sie erblödet sich auch nicht, einem Kind einen CO2-Wert zuzuschreiben, als handele es sich dabei um ein Auto.

Arme Frau Brunschweiger, offenbar fehlt Ihnen in Ihrem Leben Aufmerksamkeit und Liebe. Ich habe einen Tipp für Sie: Schaffen Sie sich ein Kind an. Beides ist Ihnen dann garantiert – täglich, stündlich, ja sogar minütlich.

Gute Teiche, schlechte Teiche

Mein Kind hat das vierte Lebensjahr vollendet und damit nun offiziell ein Problem: Es trägt immer noch Windeln. Sämtliche Strategien, das Kind an einen geregelten Toilettengang zu gewöhnen, sind gescheitert. Ich habe höflich gebeten, flehend geweint, mit Belohnung gelockt, böse gedroht.

Als letzten Ausweg sah ich als verantwortungsvolle und besorgte Mutter nur noch den Gang zum Facharzt, einer Kinderpsychologin. Nach einer Stunde Beschäftigung mit meinem Kind stellte diese fest, dass es die entwicklungsbedingte Reife noch nicht mitbringt für ein Leben mit WC. Wusste ich schon, hab ich nun aber auch schwarz auf weiß.
Ich muss bei der Mitteilung der Diagnose offenbar recht betröppelt drein geschaut haben. Die Psychologin fühlte sich nämlich gleich genötigt, mir tröstende Worte zu spenden. Für die verzögerte Entwicklung des Kindes könne ich nichts. Das wäre einfach nur Pech. Sie würde da als Erklärung gern das Bild mit dem Storch heranholen. „Der Storch, der die Kinder bringt, holt diese entweder aus einem schlechten Teich oder aus einem guten. Ihr Kind kommt eben aus einem schlechten.“

Hä? Höre ich richtig? Sofort entsteht vor meinem inneren Auge das Bild eines verzweifelten Storches, der vor zwei Teichen steht und sich entscheiden muss, aus welchem er das nächste Kind zieht. Wonach soll er das entscheiden? Immer abwechselnd oder jedes vierte Kind aus dem schlechten oder nach Alter der Eltern oder „eene meene muh“? Schweiß tritt ihm auf die Stirn, die Zeit drängt. Ob die nächsten Eltern Pech oder Glück haben werden, liegt in seinem Schnabel. Nee, nee, nee. So ist das nicht. Ich verließ die Praxis wie betäubt. Dabei hätte ich ihr gern einiges gesagt.
1. Kinder sind kein Pech, sondern Gottesgeschenke. Und Gottes Geschenke sind nicht schlecht.
2. Kinder werden nicht schlecht geboren. Sie werden verdorben durch schlechte Eltern, schlechten Umgang oder schlechte Ärzte.
Und 3. Sie sind doof.

Im Gottesdienst

Es gibt solch absurde Situationen, in denen prasseln zur selben Zeit widersprüchliche Informationen auf einen ein. So wie im Gottesdienst letzten Sonntag, den ich mit meinem Kind besuchte. Vorsorglich ermunterte ich mein Kind, Spielzeug einzupacken, damit es die Predigt übersteht. Denn nichts ist für Kinder langweiliger als eine Predigt.
Ich erinnere mich noch gut an meine Zeit als Teenager, als wir Konfirmanden immer in dem Moment einen Lachflash bekamen, als alle in der Kirche mucksmäuschenstill waren und andächtig den Worten unseres Pfarrers lauschten. Unsere Gluckser hallten scheinbar zehnmal lauter durch die heilige Halle – und wir zogen böse Blicke und grantige Zischer auf uns, und nach dem Gottesdienst beim Abschied ermahnende Worte vom Pfarrer.
An diese Zeit fühlte ich mich erinnert, als ich mit meinem Kind in der Kirche saß und versuchte, der Predigt zu folgen. In der ging es immerhin um Gottesgeschenke, also unsere Kinder, also auch mein Kind. Ziel ist es, dass unsere Gemeinde wächst, mehr Kinder getauft und Jugendliche für die Kirchenarbeit interessiert werden sollen. Ja, denke ich, gute Idee. Da mach ich mit. Den ersten Schritt habe ich getan, als ich mein Kind taufen lies.
Im zweiten versuche ich, ihm den Besuch des Gottesdienstes als Highlight der Woche mit Orgelmusik und Essen (wir feierten Abendmahl) zu verkaufen. Zufrieden und stolz klopfte ich mir innerlich selbst auf die Schulter. Gleichzeitig blickte ich rechts von mir in ein grummeliges Gesicht, links von mir rollten Augen, vor mir verständnisloses Kopfschütteln und von irgendwo hinter mir ein leises „sch“. Mein Kind baute auf dem Holzstuhl gerade die Autos in einer Reihe auf und rief mir aufgeregt zu: „Mama, guck, Stau!“. Ich nickte und legte den Zeigefinger auf den Mund. Und wieder „Guck, Stau!“. Ich nickte etwas heftiger, weil ein bisschen Nicken offenbar der Dimension des Staus auf dem Stuhl nicht gerecht wurde. Den Zeigefinger auf dem Mund ergänzte ich mit aufgerissenen Augen und einem „pscht“. Daraufhin stellte mein Kind zwar das Reden ein, aber der Stau löste sich auf und die Autos schrammelten über die Holzfläche. Das rief den Pfarrer auf den Plan, der uns ansprach und meinte, das wäre nun doch ein wenig zu laut. Erschrocken sammelte mein Kind sofort alle Autos ein und verstaute sie sorgsam in seiner Tasche. Das Autospiel war erledigt. Dafür erklärte es mir laut und deutlich, obwohl es sonst eher nuschelt, es wäre ihm „weil lange“, woraufhin wir den Gottesdienst fluchtartig verließen und nach Hause trabten – mein Kind erleichtert, ich enttäuscht.
Jesus sagte, „Lasset die Kindlein zu mir kommen.“ Er sagte nicht, „Lasset die Kindlein zu mir kommen, aber bitte leise.“

Vegetarischer Instinkt

Meine Tram hatte mal wieder Verspätung. Also musste ich warten. Diese Zeit wollte ich nicht ungenutzt verstreichen lassen und ließ mich auf ein Gespräch ein mit einer Mitarbeiterin eines Infostandes, der über Tierschutz und Massentierhaltung aufklärte. In der Massentierhaltung leiden die Tiere; da hilft nur Fleischverzicht. Zur Veranschaulichung waren Farbfotos mit gequälten und blutverschmierten Schweinen ausgelegt. Ich gebe zu, das hat mich getroffen. Ich fühlte mich auch gleich auf der Anklagebank und gab pflichtschuldigst zu Protokoll, dass ich mich meistens fleischlos ernähre. Das brachte mir zumindest ein kleines Lächeln der Aktivistin ein, was mich beruhigte. Ehrlich, wie ich bin, gab ich aber im Nachsatz zu, dass ich meinem Kind Wiener Würstchen zu essen gebe und froh bin, wenn es wenigstens diese isst. (Anfangs hatte ich immer Angst, mein Kind würde verhungern, so schlecht hat es gegessen.) Ohhh, da zog die Tierschützerin aber die Augenbrauen hoch und meinte, das wäre aber komisch. Weil normaler Weise würden Kinder Fleisch eben meist nicht essen. Sie würden instinktiv merken, dass die Wurst mal ein Lebewesen mit Gefühlen war. (Jaaa, das ist ja bekannt, dass Kinder und Tiere verstorbene Seelen sehen und mit Geistern kommunizieren.) Deswegen wäre die brutale Fleischmafia auf die glorreiche Idee gekommen, Wurst mit einem lächelnden Gesicht herzustellen. Um es den Kindern schmackhafter zu machen. Kinder wüssten, was gut für sie ist. Nun ja, ich nehme mal an, die junge Frau hatte selbst noch keine Kinder. Denn sonst wüsste sie, dass Erbsen und Spinat bei Kindern so gar nicht gut ankommen. Grünes Gemüse ist nicht sehr beliebt, im Gegenteil: es schreckt ab. Dabei wissen wir doch, wie viel wichtige Vitamine da drin sind. An dieser Stelle verlässt die Kinder offenbar ihr angeborener Instinkt. Sie greifen viel lieber zu Bonbons und Schokolade, obwohl der Instinkt ihnen sagen müsste, dass der viele Zucker ihre Zähne kaputt macht. Und einem Würstchen können viele Kinder auch nicht widerstehen – ob mit oder ohne Gesicht.

Nimmst´e mal ´n Euro

Es gibt sie noch: die freundlichen Menschen, die auf der Straße ein Lächeln übrig haben und vielleicht auch ein paar aufmunternde Worte. Das ist ja leider selten geworden. Gerade mit einem Kleinkind eckt man häufig an. Entweder steht mein Kind im Weg oder es ningelt zu laut oder es rennt albern hin und her oder es sitzt schreiend auf dem Boden, weil „kanne nich laufen“. Da ist es eine Wohltat, wenn die anderen uns nur ignorieren und mal keine bösen Gesichter machen. Wenn uns statt des bösen Blickes ein freundliches Wort trifft, ist das eine angenehme Abwechslung. Neulich ist uns jedoch etwas absolut Seltsames passiert. Eine ältere Frau geht an uns vorüber und amüsiert sich über mein Kind, wie es auf dem Fußweg Zickzack läuft, mit einem Stock in der Luft rumfuchtelt und mir die Welt erklärt. Dann bleibt sie stehen, dreht sich um und drückt meinem überraschten Kind ein Euro-Stück in die Hand. Es solle sich etwas Süßes davon kaufen. Ich muss die Frau so entsetzt angesehen und dabei den Kopf so heftig geschüttelt haben, dass sie kurz die Hand zurückzog und glaubte, etwas falsches getan zu haben. Schnell brachte ich meine Gesichtszüge unter Kontrolle und versuchte mich an einem Lächeln. Mein gestottertes „Danke, wäre nicht nötig gewesen“ klang für mich selbst wenig überzeugend. Wie ich noch über die Absurdität des eben Geschehenen nachdachte, ging die Frau schon weiter, drehte sich noch einmal kurz um und meinte, immerhin wäre heute ja Feiertag. Es war der 3. Oktober. Verrückt.

Mein Kind hat sich von dieser Überraschung schnell erholt und durchforschte mit Hingabe die Süßigkeitenregale des nächsten Späti-Geschäfts. Ich war immer noch geschockt und beobachtete erstaunt, wie mein Kind zielstrebig ein Überraschungsei griff, an die Kasse trat und der Kassiererin das Ei und das Geld entgegen streckte. Fertig. So einfach kann es sein. Nimm das Gute, das dir widerfährt, einfach hin, und sei froh.

 

Lehrer – Soldat – Genosse

Sie wurde unter der Treppe links vom Eingang eingerichtet: die Egon-Schultz-Gedenkecke in unserer Schule. „Lehrer, Soldat, Genosse“, das war er. Ein pflichtgetreuer Bewacher der Grenze unserer DDR, an der er in Ausübung seines Liebesdienstes hinterrücks von den faschistischen Feinden aus dem Westen erschossen wurde. Auf dem Tisch in der Ecke stand sein gerahmtes Foto, eine regelmäßig abzustaubende Büste, eine Urkunde für irgendwas und natürlich eine Vase mit stets mit frischen Blumen. Wir Schüler_innen ehrten Egon Schultz, denn unsere Schule durfte seinen Namen tragen. So wurde es uns eingeimpft. An jedem Schultag kamen wir an der Gedenkecke vorbei, aber vor allem starrten wir gefühlte Ewigkeiten auf sein Porträt, das direkt gegenüber der Eingangstür hing, vor der wir auf den Einlass warteten und uns drängelten.

Genau dieses Foto begegnete mir Jahre später wieder und holte alte Erinnerungen zurück. In dem Buch „Der Tod des Grenzsoldaten“ erzählt ein Freund über den Menschen Egon Schultz und untersucht den Tötungsfall im Jahre 1964. Nie spielte es eine Rolle, dass Egon Schultz nicht nur Lehrer, Soldat und Genosse war, sondern auch und zuerst ein Mensch, ein Freund, ein Sohn und ein Mann. Er war Vorbild, Beweis für die Niedertracht des Westens, Rechtfertigung der Mauer. Das nahm ich als Kind so auf und hin. Weiter dachte ich nicht. Dabei hatte Egon Schultz Träume, einen Plan für seine Zukunft und suchte nach einer passenden Frau. Zum Lehrer fühlte er sich berufen, den Dienst bei der Nationalen Volksarmee konnte er nicht verweigern (und war wenig darüber begeistert) und Parteimitglied der SED, nun ja, das war Voraussetzung, um als Lehrer in der DDR arbeiten zu dürfen. Es hat mich gerührt, das zu lesen. Es stimmte mich traurig und dann wütend, wie dieser Mensch und sein Schicksal von der DDR-Regierung missbraucht wurde. Aus dem Individuum wurde eine ideologische Figur, die zudem auf einer Lüge basierte. Egon Schultz wurde von den flüchtenden Tunnelgräbern angeschossen, einmal. Er  wurde aber auch von seinem eigenen Kameraden – versehentlich – angeschossen, mehrfach. Es lies und lässt sich nicht eindeutig klären, welche Schussverletzung zum Tod führte. Aber die Stümperhaftigkeit des Einsatzes und die Unerfahrenheit der Soldaten haben wesentlich dazu beigetragen, dass Egon Schultz verstarb. So oder so. Egon Schultz war ein Opfer der Mauer, er war auch ein Opfer der kommunistischen DDR-Diktatur und verdient es wie alle, als verstorbener MENSCH betrauert zu werden.

Adventskalender

In diesem Jahr habe ich 4 Adventskalender – nochmal deutlich: V I E R – gebastelt: für mein Kind (natürlich für mein Kind), für meinen Mann (so eine Gute bin ich), für meine Mama (wie schon seit 20 Jahren) und sogar für meine Schwiegermutter (Pluspunkte sammeln für das nächste Fettnäpfchen). Und wie viel Adventskalender bekomme ich? KEINEN. Nochmal in Zahlen: 0. Nun ja, von meinem Kind war das nicht zu erwarten. Es ist gerade einmal 4 Jahre jung. Von meinem Mann war das auch nicht zu erwarten. Der ist zwar älter, aber diese Aufgabe stand nicht auf seiner To-Do-Liste. Hat ihm niemand drauf geschrieben. Meine Schwiegermutter hatte keine Veranlassung, das ist ok. Doch meine Mutter hatte eine Veranlassung, nein, nicht nur Veranlassung, ich würde sogar sagen, eine Pflicht. Das Argument, ich wäre ja nun schon 40 Jahre alt, kann ich nicht gelten lassen. Seit wann hat ein Adventskalender etwas mit dem Alter zu tun? Aber ich will gerecht sein: es ist nicht so, dass ich von meiner Mutter gar keinen Adventskalender bekommen habe. Nur eben nicht am 1. Dezember. Das ist der Tag, an dem mit dem Türchen-Öffnen begonnen wird. Das ist allgemein bekannt und kam keineswegs überraschend. Trotzdem ist meine geliebte Mutter in Verzug und schenkt mir den sehnsüchtig erwarteten Adventskalender erst am 8. Dezember. Die Verspätung macht sie mir tatsächlich mit dem Argument schmackhaft, ich könnte dann am 8. Dezember gleich ACHT Türchen auf einmal aufmachen. Was für eine Freude. Ich schlug ihr vor, mir den Kalender Heilig Abend unter den Baum zu legen, dann könnte ich gleich ALLE Türchen aufmachen und hätte noch viel, viel mehr Freude. Als Antwort kam nur ein müdes Lächeln. Dieses Versäumnis werde ich ihr wohl noch eine Weile vorhalten. Strafe muss sein.