Im Gottesdienst

Es gibt solch absurde Situationen, in denen prasseln zur selben Zeit widersprüchliche Informationen auf einen ein. So wie im Gottesdienst letzten Sonntag, den ich mit meinem Kind besuchte. Vorsorglich ermunterte ich mein Kind, Spielzeug einzupacken, damit es die Predigt übersteht. Denn nichts ist für Kinder langweiliger als eine Predigt.
Ich erinnere mich noch gut an meine Zeit als Teenager, als wir Konfirmanden immer in dem Moment einen Lachflash bekamen, als alle in der Kirche mucksmäuschenstill waren und andächtig den Worten unseres Pfarrers lauschten. Unsere Gluckser hallten scheinbar zehnmal lauter durch die heilige Halle – und wir zogen böse Blicke und grantige Zischer auf uns, und nach dem Gottesdienst beim Abschied ermahnende Worte vom Pfarrer.
An diese Zeit fühlte ich mich erinnert, als ich mit meinem Kind in der Kirche saß und versuchte, der Predigt zu folgen. In der ging es immerhin um Gottesgeschenke, also unsere Kinder, also auch mein Kind. Ziel ist es, dass unsere Gemeinde wächst, mehr Kinder getauft und Jugendliche für die Kirchenarbeit interessiert werden sollen. Ja, denke ich, gute Idee. Da mach ich mit. Den ersten Schritt habe ich getan, als ich mein Kind taufen lies.
Im zweiten versuche ich, ihm den Besuch des Gottesdienstes als Highlight der Woche mit Orgelmusik und Essen (wir feierten Abendmahl) zu verkaufen. Zufrieden und stolz klopfte ich mir innerlich selbst auf die Schulter. Gleichzeitig blickte ich rechts von mir in ein grummeliges Gesicht, links von mir rollten Augen, vor mir verständnisloses Kopfschütteln und von irgendwo hinter mir ein leises „sch“. Mein Kind baute auf dem Holzstuhl gerade die Autos in einer Reihe auf und rief mir aufgeregt zu: „Mama, guck, Stau!“. Ich nickte und legte den Zeigefinger auf den Mund. Und wieder „Guck, Stau!“. Ich nickte etwas heftiger, weil ein bisschen Nicken offenbar der Dimension des Staus auf dem Stuhl nicht gerecht wurde. Den Zeigefinger auf dem Mund ergänzte ich mit aufgerissenen Augen und einem „pscht“. Daraufhin stellte mein Kind zwar das Reden ein, aber der Stau löste sich auf und die Autos schrammelten über die Holzfläche. Das rief den Pfarrer auf den Plan, der uns ansprach und meinte, das wäre nun doch ein wenig zu laut. Erschrocken sammelte mein Kind sofort alle Autos ein und verstaute sie sorgsam in seiner Tasche. Das Autospiel war erledigt. Dafür erklärte es mir laut und deutlich, obwohl es sonst eher nuschelt, es wäre ihm „weil lange“, woraufhin wir den Gottesdienst fluchtartig verließen und nach Hause trabten – mein Kind erleichtert, ich enttäuscht.
Jesus sagte, „Lasset die Kindlein zu mir kommen.“ Er sagte nicht, „Lasset die Kindlein zu mir kommen, aber bitte leise.“