Ameisenhaufen

Bei einem Waldspaziergang mit meinem Kind bin ich stets bemüht, es auf die Besonderheiten von Flora und Fauna aufmerksam zu machen. Zum einen möchte ich natürlich meiner pädagogischen Pflicht genüge tun. Zum anderen soll das Kind abgelenkt werden von der Tatsache, dass es gerade mehr als nur 10 Meter zu Fuß laufen muss und nicht bequem im Auto kutschiert wird. Ein Ameisenhaufen bietet in diesem Zusammenhang großes Potential.
Wir, mein Kind und ich, hocken ganz dicht davor und bestaunen das wuselige Treiben. In der Theorie haben wir uns das Ameisenlabyrinth schon angesehen. Wir haben ein spannendes Kinderbuch dazu. Das sehen wir nun „in echt“. Es ist erstaunlich, wie die kleinen Wesen ein um ein vielfach größeres Laubblatt auf den Haufen schleppen und in das Geflecht der anderen Nadeln und Blätter einfädeln. Aufgeregt beobachten und diskutieren wir.
Nur der Hund, den wir dabeihaben und den ich nun an der kurzen Leine halte, damit wir diese nicht quer über den Waldweg spannen und so zur gemeinen Stolperfalle für andere Wanderer umfunktionieren, zappelt unruhig und scheint so gar nicht interessiert an unserem Fund. Das nervt und lenkt mich ab von meinem Naturkundeunterricht. Ich rucke kurz an der Leine, um dem Hund zu signalisieren, dass er einen Moment warten müsse, bis es weiter geht. Doch der Hund lässt sich nicht beeindrucken. Er zappelt weiter, dreht sich im Kreis und verheddert sich in der Leine. Ich rolle mit den Augen und will ihn gerade zur Ordnung rufen, als mir aufgeht, was ihn so irritiert.
Wir stehen ja direkt im Einzugsgebiet der Ameisen. Der Hund gilt ihnen als Eindringling und wird angegangen. Sie krabbeln an seinen Beinen hoch, krauchen in die empfindlichen Zwischenräume seiner Zehen und tuen das, was Ameisen mit Feinden so machen: Pipi. Und Ameisenpipi, das wissen wir alle aus eigener schmerzhafter Erfahrung, brennt. Der Hund versuchte nur, sich zu wehren, was an der kurzen Leine ohne Fluchtmöglichkeit schwer ist. Ich habe Erbarmen und wir verlassen das Minengebiet. Auf dem restlichen Weg nach Hause, muss der arme Hund immer wieder stehen bleiben und sich die Unterseite seiner Pfoten lecken. Das Kind fragt, was der Hund mache. Ich erkläre es, und plötzlich krabbelt es meinem Kind unentwegt an der Wange. Und warum? Weil dort die Ameisen rangepullert haben. Ja, klar.

Doof oder besonders schlau

Ich möchte auf keinen Fall über mein Kind lästern oder gar etwas Schlechtes sagen. Genauso wie ich mir bei seinem ersten Anblick direkt nach der Geburt geschworen habe, es trotz der Ähnlichkeit mit Gollum aus der Ringe-Trilogie zu lieben, so habe ich mir vorgenommen, ihm stets das Gefühl zu geben, es sei klug und schön. Heute muss ich – nur ganz kurz – von diesem Vorsatz abrücken und es in aller Deutlichkeit sagen: Kinder sind manchmal echt so doof.

Der Beweis: Heute früh riss mein Kind die Badtür auf, wo ich gerade mein Gesicht renovierte. Es blieb auf der Schwelle stehen und schaute mich erwartungsvoll an. „Hallo, mein Kind.“ Antwort: „Hallo, Mama.“ Stand und schaute mich weiter an. „Was is´n los?“ Antwort: „Ich hab nix gemacht.“ Alles klar. „Was hast du nicht gemacht?“ Antwort: „Ich hab dem Hund nicht die Haare geschnitten. War von alleine.“  Wie auf´s Stichwort kam der Hund um die Ecke geschlichen, mit eingeklemmtem Schwanz und nervös hechelnd. Auf dem Hinterteil blitzte ein rosafarbener Kreis.

In dem Moment war ich tatsächlich weniger entsetzt über das Loch im Fell des Hundes, als über die Doofheit meines Kindes. Hätte es den Mund gehalten, wäre ich fünf Minuten später aus dem Bad gestürzt, hätte einen entsetzten Blick auf die Uhr geworfen, hektisch Tasche und Kind geschnappt und wäre aus dem Haus Richtung Kita und Arbeit gerannt. Die Haarbüschel wären mir erst am Abend aufgefallen und hätte sie dem fortgeschrittenen Alter des Hundes zugeschrieben. (Gibt es Glatzenbildung bei Hunden? Bis ich das gegoogelt hätte, wäre die Karenzzeit für eine Bestrafung des Kindes abgelaufen.)

Stattdessen beichtet das Kind seinen angestellten Blödsinn freiwillig und vor allem noch vor Entdeckung der Freveltat. Dass ich über die Rasur nicht begeistern sein würde, wusste es von der letzten Aktion, als der Hund unter die Schere kam.

Warum gesteht das Kind also? Ich habe mir zwei Lösungsansätze überlegt. A) Die Methode des Verschleierns und Lügens ist ihm noch nicht (ausreichend) vertraut. B) Es ist einfach nur doof. Beides zeugt von einer Intelligenz, die noch Luft nach oben hat.
Oder ist es Lösung C): Mein Kind weiß, dass ich so schlau bin und auf jeden Fall die Tat entdecken werde. Mein detektivischer Spürsinn wird den Täter entlarven. Es lohnt auch nicht, die Bestrafung hinaus zu zögern; sie kommt ja doch. Also Angriff nach vorn. Sein Vertrauen in meine Liebe ist dabei so groß, dass es wenig von mir zu befürchten hat. (Immerhin waren die Ohren des Hundes noch dran.)
Lösung C) gefällt mir am besten, die nehme ich. Dabei kommen Kind und ich gut weg: Mein Kind ist weise und vorausschauend, ich bin eine schlaue und liebevolle Mutter.

mfg Teil 2: voll und heiß

Die Erfahrung meines ersten mfg-Erlebnisses, dass die Fahrer ihr Auto mit Mitfahrenden vollstopfen ohne Rücksicht auf Verluste, machte ich noch sehr viel öfter. Sehr eindrücklich blieb mir eine Fahrt im Hochsommer im Gedächtnis. Es herrschten gefühlte 40 Grad Celsius, die sich im geschlossenen Auto (Schon mal das Autofenster auf der Autobahn bei 150 km/h geöffnet?) und vor allem ohne Klimaanlage schnell verdoppeln. Der Fahrer ging mit seiner Freundin auf Reisen, die kostenfrei und selbstverständlich auf dem Beifahrersitz Platz nahm. Da offenbar oberstes Ziel war, die Benzinkosten zu decken, mussten drei Zahlende eingeladen werden. Mir und den zwei weiteren männlichen Mitfahrern blieb somit die Rückbank. Die beiden Männer waren, zu meinem Entsetzen, nicht klein, im Gegensatz zum Auto, einem Kleinwagen. Mir schwante nichts Gutes. Die Frage, wer von uns dreien auf der Rückbank wohl in der Mitte sitzt, war rhetorischer Art. Selbst auch nicht gerade von zierlicher Figur wurde MIR sofort dieser Platz zugewiesen. Toll! Auf dieser Fahrt hatte ich meinen Hund dabei, von der Körpergröße Gott-sei-Dank eher einer Handtasche ähnlich, dennoch groß genug für ein Platzproblem. Nochmal toll! Als ich gerade noch in Gedanken durchspielte, an welcher Stelle im hinteren Bereich des Wagens der Hund am besten verstaut ist, bot mir die schlaue Freundin an, ihn zu sich nach vorn in den Fußraum zu nehmen. Das war keine gute Idee. Das wusste ich, und fand beim Blick in die weit aufgerissenen Augen meines Hundes sogleich Bestätigung. Zum einen dröhnt der Motor dort besonders laut, was zusammen mit der donnernden Rockmusik aus den Musikboxen unten in der Beifahrertür die reine Folter für die empfindlichen Ohren des Tieres ist. Zum anderen mag es mein geliebtes Hündchen gar nicht, außer Frauchens Reichweite bei Fremden zu sitzen. Aber in Anbetracht des Mangels an Platz und realistischer Alternativen stimmte ich diesem Vorschlag kleinlaut zu. Also der Hund vorn, ich hinten zwischen zwei kräftigen Männern. Von 100 Prozent Rückbank standen mir 15 Prozent zu. Immerhin. Meine sommerlich nackten Arme klebten an den schweißnassen meiner Nachbarn. Rechts von mir wurde geschwitzt auf Teufel-komm-raus. Schweiß rann über Schläfen und Wangen, um dann auf meine Arme zu tropfen, die ich aufgrund der Enge nicht einmal wegziehen konnte. Das zu Hilfe genommene Taschentuch meines Nachbarn hatte die Grenzen seiner Aufnahmekapazität längst erreicht, so dass der gute Mann das Wasser von der Stirn lediglich hinter die Ohren schwemmte. Nichtsdestotrotz wischte und tupfte er fleißig weiter. Links von mir saß ein starker Raucher. Die letzte Zigarette schmiss er gerade noch hinter sich, als er sich bereits mit der oberen Körperhälfte ins Auto geschoben hatte. Da er der irrigen Annahme unterlag, uns Insassen unterhalten zu müssen, umwehte mich ständig ein Hauch von Aschenbecher. Nicht nur meine Nase war irritiert, auch mein Magen rebellierte. Bevor beide Organe den Dienst versagten, blieb mir nur, mich bis zum Ende der Fahrt ins Koma zu versetzen. Das gelang mir anfangs ganz gut. Augen zu, flach atmen und an das Begrüßungsglas Prosecco denken. Leider verfügte mein Hund nicht über die Fähigkeit der Selbstsuggestion. Und so jaulte er in regelmäßigen Abständen, bellte halbherzig, aber bestimmt und versuchte, über die Knie der Fremden nach hinten zu Frauchen zu klettern. Das stieß nicht gerade auf Begeisterung im Auto und verlangte dringend nach Korrektur des Hunde-Fehlverhaltens. Die schlaue Freundin brüllte das arme Tier also jedes Mal streng zur Ordnung und vergaß nicht, dabei kräftig mit erhobenem Zeigefinger zu fuchteln. Offenbar eine Hundekennerin. Mein Hundemamaherz setzte ein-, zweimal kurz aus. Mehr allerdings blieb mir nicht zu tun. Es gibt eben Momente, da muss man, um zu überleben, alles ausblenden und sich nur aufs Atmen konzentrieren. Vor lauter Konzentration und Atmen schlief ich irgendwann tatsächlich ein. Die Hitze und das sanfte Hin-und-Her-Wiegen im Auto taten sicher ihr Übriges. Am Ziel angekommen, gar gekocht im eigenen Saft, kniete ich nieder und küsste erst den Parkplatzboden und dann meinen Hund. Anschließend hechelte ich mit letzter Kraft dem Fahrer ein schwaches „Danke“ durchs Autofenster zu und fieberte meinem kalten Prosecco entdecken. 

Liebe Hunde-Runde-Gassi-Gehende,

dsc07809die vielen gefüllten Kotbeutel am Straßenrand bezeugen es: Immer mehr Hundebesitzende sammeln die Hinterlassenschaften ihrer Vierbeiner mittels Tüte ein. Ob dies auf das drohende Verwarnungsgeld bei Unterlassen oder die Einsicht in die Notwendigkeit zurückzuführen ist, sei dahingestellt. Gut ist diese Entwicklung auf jeden Fall. Warum aber um Himmels Willen werden die zugeknoteten Kacktüten am Straßenrand oder im Park liegen gelassen, statt sie im nächsten Mülleimer zu entsorgen? Der unverpackte Hundehaufen hat – trotz Ekel und Krankheitsgefahr – immerhin die Chance zu verrotten. Aber die Plastiktüte strotzt der natürlichen Zersetzung und bleibt und wartet auf … ja, auf wen eigentlich? Den Mitarbeiter der BSR, den selbsternannten Hobby-Umweltschützer, der mit Mülltüte und Greifer unterwegs ist, oder  d e n  Hundebesitzer (welch Utopie!), der neben dem Haufen des eigenen Hundes auch gleich die Tüte des anderen mitnimmt? Das ist wohl kaum die Lösung. Bereits vor der Anschaffung war den Hundebesitzenden klar (oder sollte es gewesen sein), dass die Haltung eines Hundes auch gewisse Unannehmlichkeiten mit sich bringt. Wenn die Natur des Hundes ihr Recht verlangt, spielt es keine Rolle, ob es regnet und stürmt, ob der „Tatort“ gerade begonnen hat oder man eigentlich mit 39 °C Fieber ins Bett gehört. Ebenso haftet der Eigentümer für durch das Tier entstandene Schäden und nicht etwa das Tier selbst. Die Beseitigung des Kotes auf öffentlichem Grund (in der eigenen Wohnung darf das individuell gehalten werden) gehört sicher zu den unbequemeren Dingen. Aber auch das dürfte im Vorfeld bekannt gewesen sein. Da kann es keine Ausrede sein, dass der Mülleimer zu weit weg ist oder es gar keinen gibt auf der täglichen Gassirunde. Das Mitsichtragen eines gefüllten Kotbeutels kann nur umgangen werden, wenn der Hund darauf trainiert wird, sein Geschäft direkt unter einem orangefarbenen Kasten der BSR zu erledigen – oder gar nicht. Viel Erfolg!

Im Übrigen entfällt die zu entrichtende Hundesteuer als Argument für das Liegenlassen der Kottüte. Sie ist eine reine Luxussteuer und wird nicht für die Reinigung von Straßen und Plätzen verwendet.

Deshalb appelliere ich als Hundebesitzerin und Fußgängerin an jeden Hundebesitzenden: Entfernt die Hinterlassenschaften eurer Vierbeiner. An dieser Stelle will ich gar nicht von den Krankheitsgefahren für Tier und Mensch, Schäden für die Natur oder vom Ekelfaktor, ist man erstmal in einen Haufen getreten, sprechen. Das ist selbstredend. Es geht ganz einfach um ein Stück Verantwortung des Einzelnen gegenüber der Gesellschaft sowie der Umwelt. Nicht die anderen, sondern jeder selbst – oder wie es die Musketiere so schön sagen: Einer für alle und alle für einen!