Vor und nach K.

In meiner Tageszeitung lese ich heute früh den Aufruf an die Leserschaft, die schönsten und wichtigsten Momente im Jahr 2017 zu schildern und einzusenden. Au ja, denke ich, das mache ich, und überlege, was wohl mein schönster Augenblick in diesem Jahr gewesen ist. Aber mir fällt nichts ein.
Ach herrje, ist mein Leben so unspektakulär? Oder leide ich bereits an Demenz? Nein, ich erinnere mich an das erste Date mit dem Vater meines Kindes im Jahr 2009. Ich weiß noch genau, wann und warum ich mich 1999 für mein Studium entschied, das meinem Leben eine neue Richtung gab. Und ich erinnere mich sehr gut an das Jahr 1980, als mein Bruder geboren wurde, was für mich furchtbar aufregend und spannend war. Wieso also nichts im aktuellen Jahr?
Jaaa, wäre nach dem Jahr 2014 gefragt worden, wüsste ich die Antwort: Die Geburt meines Kindes. Das ist es: Mein Leben teilt sich in „vor meinem Kind“ und „nach meinem Kind“. Mit diesem Ereignis erfüllte sich meine persönliche Prophezeiung, erhielt ich eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn meines Lebens, wurde ich erlöst von der Suche nach meinem Weg. (Klingt fast so, als wäre mir der Messias persönlich begegnet. Liegt vielleicht an Weihnachten.) Seither ist jeder Tag mit meinem Kind ein schönster Moment, ein stolzer Augenblick. Gleichberechtigt stehen die Begebenheiten und Ereignisse mit meinem Kind nebeneinander. Keiner kann und möchte ich den Vorzug geben. Ich hätte viel zu schreiben. Soviel Platz hat die Zeitung nicht. Also sende ich keinen Text ein und singe lieber zum 100. Mal „Kam ein kleiner Teddybär“ mit meinem Kind.
Brumm, brumm.