Gute Teiche, schlechte Teiche

Mein Kind hat das vierte Lebensjahr vollendet und damit nun offiziell ein Problem: Es trägt immer noch Windeln. Sämtliche Strategien, das Kind an einen geregelten Toilettengang zu gewöhnen, sind gescheitert. Ich habe höflich gebeten, flehend geweint, mit Belohnung gelockt, böse gedroht.

Als letzten Ausweg sah ich als verantwortungsvolle und besorgte Mutter nur noch den Gang zum Facharzt, einer Kinderpsychologin. Nach einer Stunde Beschäftigung mit meinem Kind stellte diese fest, dass es die entwicklungsbedingte Reife noch nicht mitbringt für ein Leben mit WC. Wusste ich schon, hab ich nun aber auch schwarz auf weiß.
Ich muss bei der Mitteilung der Diagnose offenbar recht betröppelt drein geschaut haben. Die Psychologin fühlte sich nämlich gleich genötigt, mir tröstende Worte zu spenden. Für die verzögerte Entwicklung des Kindes könne ich nichts. Das wäre einfach nur Pech. Sie würde da als Erklärung gern das Bild mit dem Storch heranholen. „Der Storch, der die Kinder bringt, holt diese entweder aus einem schlechten Teich oder aus einem guten. Ihr Kind kommt eben aus einem schlechten.“

Hä? Höre ich richtig? Sofort entsteht vor meinem inneren Auge das Bild eines verzweifelten Storches, der vor zwei Teichen steht und sich entscheiden muss, aus welchem er das nächste Kind zieht. Wonach soll er das entscheiden? Immer abwechselnd oder jedes vierte Kind aus dem schlechten oder nach Alter der Eltern oder „eene meene muh“? Schweiß tritt ihm auf die Stirn, die Zeit drängt. Ob die nächsten Eltern Pech oder Glück haben werden, liegt in seinem Schnabel. Nee, nee, nee. So ist das nicht. Ich verließ die Praxis wie betäubt. Dabei hätte ich ihr gern einiges gesagt.
1. Kinder sind kein Pech, sondern Gottesgeschenke. Und Gottes Geschenke sind nicht schlecht.
2. Kinder werden nicht schlecht geboren. Sie werden verdorben durch schlechte Eltern, schlechten Umgang oder schlechte Ärzte.
Und 3. Sie sind doof.

Vegetarischer Instinkt

Meine Tram hatte mal wieder Verspätung. Also musste ich warten. Diese Zeit wollte ich nicht ungenutzt verstreichen lassen und ließ mich auf ein Gespräch ein mit einer Mitarbeiterin eines Infostandes, der über Tierschutz und Massentierhaltung aufklärte. In der Massentierhaltung leiden die Tiere; da hilft nur Fleischverzicht. Zur Veranschaulichung waren Farbfotos mit gequälten und blutverschmierten Schweinen ausgelegt. Ich gebe zu, das hat mich getroffen. Ich fühlte mich auch gleich auf der Anklagebank und gab pflichtschuldigst zu Protokoll, dass ich mich meistens fleischlos ernähre. Das brachte mir zumindest ein kleines Lächeln der Aktivistin ein, was mich beruhigte. Ehrlich, wie ich bin, gab ich aber im Nachsatz zu, dass ich meinem Kind Wiener Würstchen zu essen gebe und froh bin, wenn es wenigstens diese isst. (Anfangs hatte ich immer Angst, mein Kind würde verhungern, so schlecht hat es gegessen.) Ohhh, da zog die Tierschützerin aber die Augenbrauen hoch und meinte, das wäre aber komisch. Weil normaler Weise würden Kinder Fleisch eben meist nicht essen. Sie würden instinktiv merken, dass die Wurst mal ein Lebewesen mit Gefühlen war. (Jaaa, das ist ja bekannt, dass Kinder und Tiere verstorbene Seelen sehen und mit Geistern kommunizieren.) Deswegen wäre die brutale Fleischmafia auf die glorreiche Idee gekommen, Wurst mit einem lächelnden Gesicht herzustellen. Um es den Kindern schmackhafter zu machen. Kinder wüssten, was gut für sie ist. Nun ja, ich nehme mal an, die junge Frau hatte selbst noch keine Kinder. Denn sonst wüsste sie, dass Erbsen und Spinat bei Kindern so gar nicht gut ankommen. Grünes Gemüse ist nicht sehr beliebt, im Gegenteil: es schreckt ab. Dabei wissen wir doch, wie viel wichtige Vitamine da drin sind. An dieser Stelle verlässt die Kinder offenbar ihr angeborener Instinkt. Sie greifen viel lieber zu Bonbons und Schokolade, obwohl der Instinkt ihnen sagen müsste, dass der viele Zucker ihre Zähne kaputt macht. Und einem Würstchen können viele Kinder auch nicht widerstehen – ob mit oder ohne Gesicht.

Nimmst´e mal ´n Euro

Es gibt sie noch: die freundlichen Menschen, die auf der Straße ein Lächeln übrig haben und vielleicht auch ein paar aufmunternde Worte. Das ist ja leider selten geworden. Gerade mit einem Kleinkind eckt man häufig an. Entweder steht mein Kind im Weg oder es ningelt zu laut oder es rennt albern hin und her oder es sitzt schreiend auf dem Boden, weil „kanne nich laufen“. Da ist es eine Wohltat, wenn die anderen uns nur ignorieren und mal keine bösen Gesichter machen. Wenn uns statt des bösen Blickes ein freundliches Wort trifft, ist das eine angenehme Abwechslung. Neulich ist uns jedoch etwas absolut Seltsames passiert. Eine ältere Frau geht an uns vorüber und amüsiert sich über mein Kind, wie es auf dem Fußweg Zickzack läuft, mit einem Stock in der Luft rumfuchtelt und mir die Welt erklärt. Dann bleibt sie stehen, dreht sich um und drückt meinem überraschten Kind ein Euro-Stück in die Hand. Es solle sich etwas Süßes davon kaufen. Ich muss die Frau so entsetzt angesehen und dabei den Kopf so heftig geschüttelt haben, dass sie kurz die Hand zurückzog und glaubte, etwas falsches getan zu haben. Schnell brachte ich meine Gesichtszüge unter Kontrolle und versuchte mich an einem Lächeln. Mein gestottertes „Danke, wäre nicht nötig gewesen“ klang für mich selbst wenig überzeugend. Wie ich noch über die Absurdität des eben Geschehenen nachdachte, ging die Frau schon weiter, drehte sich noch einmal kurz um und meinte, immerhin wäre heute ja Feiertag. Es war der 3. Oktober. Verrückt.

Mein Kind hat sich von dieser Überraschung schnell erholt und durchforschte mit Hingabe die Süßigkeitenregale des nächsten Späti-Geschäfts. Ich war immer noch geschockt und beobachtete erstaunt, wie mein Kind zielstrebig ein Überraschungsei griff, an die Kasse trat und der Kassiererin das Ei und das Geld entgegen streckte. Fertig. So einfach kann es sein. Nimm das Gute, das dir widerfährt, einfach hin, und sei froh.