Eine kleine Lüge

Auf dem Weg zur Straßenbahn sprach mich ein Jüngling an und fragte: „Haben Sie etwas Kleingeld?“ Meine Antwort kam prompt: „Nein, tut mir leid.“ Das war gelogen. Zur Abwechslung hatte ich mal ein paar Münzen in der Tasche. (Ich bin inzwischen eine überzeugte Kartenzahlerin.)
Warum also diese Lüge? Ich hätte wahrheitsgemäß erwidern „Ja, habe ich.“ und dann einfach weiter gehen können. Doch eigentlich geht es niemanden etwas an, ob und wie viel Kleingeld ich besitze. Das ist meine Privatangelegenheit, die ich nicht mit Fremden auf der Straße bespreche. Aber gleich lügen?
Ich hätte auch sagen können: „Das geht Sie nichts an.“ Sehr freundlich natürlich. Man muss ja nicht gleich unhöflich sein. Aber auch das kam mir nicht in den Sinn. Warum also die Lüge?
Weil diese Frage bei einer positiven Antwort sofort die weitere Frage nach sich gezogen hätte: „Kann ich etwas davon haben?“ (Deshalb auch gleich der Zusatz “… tut mir leid“.) Darauf abschlägig zu antworten, wäre mir nun wirklich peinlich gewesen. „Nein, Sie bekommen nichts von meinem Geld. Das behalte ich allein.“ Wie klingt das denn? Geizig, egoistisch, materiell ausgerichtet. Alles Attribute, die ich mir nicht zuschreibe. Also möchte ich auch nicht so wirken, auch nicht Fremden gegenüber auf der Straße so mal eben im Vorbei-Gehen.
Dabei ist diese Lüge unnötig, weil der Fragende ohnehin weiß, dass ich Kleingeld habe, aber nichts geben möchte. Jeder hat doch in irgendeiner Hosentasche oder Seitentasche des Rucksacks ein paar Pfennige, die er leicht entbehren kann – und wer möchte, rückt diesen winzigen Geldbetrag auch raus. Wer also nichts gibt, will nichts geben. Die Lüge ist durchschaut. Das ist mir klar. Ist beim Lügen ertappt zu werden offenbar weniger schlimm als geizig zu wirken? Ich werde es austesten: Beim nächsten Mal antworte ich wahrheitsgemäß mit „Ja“. Vielleicht setze ich noch eins drauf und kontere mit der Gegenfrage „Warum fragen Sie?“. Mal sehen, was passiert.