mfg Teil 2: voll und heiß

Die Erfahrung meines ersten mfg-Erlebnisses, dass die Fahrer ihr Auto mit Mitfahrenden vollstopfen ohne Rücksicht auf Verluste, machte ich noch sehr viel öfter. Sehr eindrücklich blieb mir eine Fahrt im Hochsommer im Gedächtnis. Es herrschten gefühlte 40 Grad Celsius, die sich im geschlossenen Auto (Schon mal das Autofenster auf der Autobahn bei 150 km/h geöffnet?) und vor allem ohne Klimaanlage schnell verdoppeln. Der Fahrer ging mit seiner Freundin auf Reisen, die kostenfrei und selbstverständlich auf dem Beifahrersitz Platz nahm. Da offenbar oberstes Ziel war, die Benzinkosten zu decken, mussten drei Zahlende eingeladen werden. Mir und den zwei weiteren männlichen Mitfahrern blieb somit die Rückbank. Die beiden Männer waren, zu meinem Entsetzen, nicht klein, im Gegensatz zum Auto, einem Kleinwagen. Mir schwante nichts Gutes. Die Frage, wer von uns dreien auf der Rückbank wohl in der Mitte sitzt, war rhetorischer Art. Selbst auch nicht gerade von zierlicher Figur wurde MIR sofort dieser Platz zugewiesen. Toll! Auf dieser Fahrt hatte ich meinen Hund dabei, von der Körpergröße Gott-sei-Dank eher einer Handtasche ähnlich, dennoch groß genug für ein Platzproblem. Nochmal toll! Als ich gerade noch in Gedanken durchspielte, an welcher Stelle im hinteren Bereich des Wagens der Hund am besten verstaut ist, bot mir die schlaue Freundin an, ihn zu sich nach vorn in den Fußraum zu nehmen. Das war keine gute Idee. Das wusste ich, und fand beim Blick in die weit aufgerissenen Augen meines Hundes sogleich Bestätigung. Zum einen dröhnt der Motor dort besonders laut, was zusammen mit der donnernden Rockmusik aus den Musikboxen unten in der Beifahrertür die reine Folter für die empfindlichen Ohren des Tieres ist. Zum anderen mag es mein geliebtes Hündchen gar nicht, außer Frauchens Reichweite bei Fremden zu sitzen. Aber in Anbetracht des Mangels an Platz und realistischer Alternativen stimmte ich diesem Vorschlag kleinlaut zu. Also der Hund vorn, ich hinten zwischen zwei kräftigen Männern. Von 100 Prozent Rückbank standen mir 15 Prozent zu. Immerhin. Meine sommerlich nackten Arme klebten an den schweißnassen meiner Nachbarn. Rechts von mir wurde geschwitzt auf Teufel-komm-raus. Schweiß rann über Schläfen und Wangen, um dann auf meine Arme zu tropfen, die ich aufgrund der Enge nicht einmal wegziehen konnte. Das zu Hilfe genommene Taschentuch meines Nachbarn hatte die Grenzen seiner Aufnahmekapazität längst erreicht, so dass der gute Mann das Wasser von der Stirn lediglich hinter die Ohren schwemmte. Nichtsdestotrotz wischte und tupfte er fleißig weiter. Links von mir saß ein starker Raucher. Die letzte Zigarette schmiss er gerade noch hinter sich, als er sich bereits mit der oberen Körperhälfte ins Auto geschoben hatte. Da er der irrigen Annahme unterlag, uns Insassen unterhalten zu müssen, umwehte mich ständig ein Hauch von Aschenbecher. Nicht nur meine Nase war irritiert, auch mein Magen rebellierte. Bevor beide Organe den Dienst versagten, blieb mir nur, mich bis zum Ende der Fahrt ins Koma zu versetzen. Das gelang mir anfangs ganz gut. Augen zu, flach atmen und an das Begrüßungsglas Prosecco denken. Leider verfügte mein Hund nicht über die Fähigkeit der Selbstsuggestion. Und so jaulte er in regelmäßigen Abständen, bellte halbherzig, aber bestimmt und versuchte, über die Knie der Fremden nach hinten zu Frauchen zu klettern. Das stieß nicht gerade auf Begeisterung im Auto und verlangte dringend nach Korrektur des Hunde-Fehlverhaltens. Die schlaue Freundin brüllte das arme Tier also jedes Mal streng zur Ordnung und vergaß nicht, dabei kräftig mit erhobenem Zeigefinger zu fuchteln. Offenbar eine Hundekennerin. Mein Hundemamaherz setzte ein-, zweimal kurz aus. Mehr allerdings blieb mir nicht zu tun. Es gibt eben Momente, da muss man, um zu überleben, alles ausblenden und sich nur aufs Atmen konzentrieren. Vor lauter Konzentration und Atmen schlief ich irgendwann tatsächlich ein. Die Hitze und das sanfte Hin-und-Her-Wiegen im Auto taten sicher ihr Übriges. Am Ziel angekommen, gar gekocht im eigenen Saft, kniete ich nieder und küsste erst den Parkplatzboden und dann meinen Hund. Anschließend hechelte ich mit letzter Kraft dem Fahrer ein schwaches „Danke“ durchs Autofenster zu und fieberte meinem kalten Prosecco entdecken.