Geheimgeschäft

Immer schon war es mir peinlich, mit einer Packung Toilettenpapier unterm Arm über die Straße zu laufen. Die sensible Ware wurde beim Transport vom Einkauf nach Hause blickdicht verpackt. Andere Leute steigen selbstbewusst und ohne Scham in die Tram und tragen die Klorollen ganz offen mit sich rum. Das ist mir komplett unverständlich. Ich schäme mich dann jedes Mal fremd. Dabei habe ich mich bei Damenhygiene nicht so. Da bin ich relaxt. Ist ja ganz natürlich. Was genau genommen der menschliche Stuhlgang auch ist. Aber es muss ja keiner wissen, dass ich den auch habe. Und schon gar nicht möchte ich bei meinen Mitmenschen aufgrund des zur Schau getragenen WC-Papiers Bilder vor deren geistigen Augen provozieren. Deshalb das Versteckspiel. Bisher hielt sich mein Unwohlsein innerhalb des Einkaufshauses auf dem Weg zur Kasse in Grenzen. Wohl gemerkt bisher … bis ich neulich mein Kind zum Einkaufen mitnahm. Im Einkaufswagen sitzend trommelte es herzhaft auf der Packung Toilettenpapier herum und grölte „Pipi Kacka Pipi Kacka Pipi Kacka …“ Nun ja, ich nehme vorweg, dass sich kein Mauseloch auftat. Ich absolvierte den Spießrutenlauf zur Kasse mühsam erhobenen Hauptes und mir schwor, dass diese Notwendigkeit in Zukunft mein Mann kaufen muss.

Wehret den Anfängen!

Im Anfang war das Wort! Das wissen wir aus der Bibel. Sehr weltliche Bedeutung bekommt dieser Satz, denke ich an folgende Begebenheit in der Tram: Rechts von mir sitzt eine unauffällige Frau mit einem Schäferhund. Plötzlich ein erschrockenes Lufteinziehen und Taschengeraschel links von mir. Der Hund beschnuppert die auf dem Boden stehende Tasche einer anderen Mitfahrerin, die das offenbar nicht mag. Irritiert zerrt die Hundebesitzerin an der Leine und schüttelt den Kopf. Ich blicke sie an und signalisiere durch das Verrollen der Augen meine Solidarität. Hundemamas müssen zusammenhalten. Zwei Stationen später steht die Hundefrau auf, um auszusteigen, aber nicht ohne vorher der Anderen wütend zuzurufen: „Auf Leute wie euch können wir hier gut verzichten.“ (An dieser Stelle sollte ich erwähnen, dass die Gemeinte eine Farbige war.) Ich glaube erst, mich verhört zu haben. Zu meiner Sicherheit wiederholt sie die Worte mit der erhellenden Erklärung: „Wir in Europa haben eine emotionale Beziehung zu unseren Haustieren. Wenn euch das nicht passt, geht doch zurück nach Afrika.“ Mein Mund klappt auf und ich bekomme Schnappatmung. Noch bevor ich das Gehörte in meinem Kopf sortieren kann, ist sie ausgestiegen und die Bahn fährt an. Wenn ich etwas hätte sagen wollen, ist der Moment vorbei. Hätte ich etwas sagen wollen? Wenn ja, was? Und wie schnell wäre mir eine gute Erwiderung eingefallen? Besser, ich wäre mit ausgestiegen und hätte sie auf der Straße in Ruhe mit ihr gesprochen. Dann aber hätte ich auf die nächste Tram 20 Minuten lang warten müssen. Hätte die Aktion was gebracht? Mir mit Sicherheit eine dumme Anmache, auf keinen Fall aber ein Umdenken bei der Frau. Warum also so viel Mühe? Ganz einfach: Damit diese Menschen sehen, dass rassistische Äußerungen und Hetzparolen nicht von allen Mitmenschen geteilt und/oder gebilligt werden, dass mit Gegenrede gerechnet werden muss. Solche Aussagen dürfen nicht unkommentiert stehen bleiben und eine  Plattform erhalten.
Ich bin nicht ausgestiegen. Was tat ich stattdessen? Schämte mich zwei Stationen lang fremd, war erschüttert, suchte nach Erklärungen, drehte mich zu der farbigen Frau um, um ihr genau das zusagen – und ich entschuldigte mich stellvertretend.
Jetzt frage mich, ob eine verpasste Tram tatsächlich mit sechs Millionen ermordeter Juden konkurrieren kann.

 

Die Rotznasen-App oder: Dinge, die die Welt – wohl leider doch – braucht

rotznase2Immer häufiger beobachte ich, wie Mütter ihre kleinen Kinder ignorieren, weil sie sich zu sehr auf ihr smartphone konzentrieren. Ob an der Bushaltestelle, in der Tram oder im Warteraum beim Kinderarzt – Mama reagiert auf Ansprache des Nachwuchses nicht, weil sie zu sehr vertieft ist in …. Ja, in was eigentlich? Was ist so wichtig, dass die eigenen Kinder hinten an stehen? Als frisch gebackene Eltern lernt man sehr schnell, die Ohren auf Durchzug zu stellen. Andauerndes Gequengel auf dem Heimweg oder das Sich-in-den-Schlaf-Weinen im Bett müssen von den Erziehungsberechtigten weder beantwortet noch können sie durch tröstende Worte bekämpft werden. Da hilft nur Augen zu (und Ohren) und durch. Aber wenn das Kind etwas mitteilen möchte, muss es von seinen Vorbildern die ihm gebührende Aufmerksamkeit erwarten dürfen und auch bekommen. Eine Begebenheit in der Tram: Ein zweijähriges Mädchen in der Tram niest mit einer Inbrunst, dass es mir beim bloßen Zuhören selbst die Nase durchlüftet. Offensichtlich etwas erkältet, stürzen sich aus den kleinen Nasenlöchern sogleich zwei Rotzbäche. Das Mädchen blickt hilfesuchend Richtung Mama. Die glotzt aber auf ihr smartphone, für ihre Umgebung blind. Das Mädchen gibt einen Laut von sich. Bei Mama nichts. Die Kleine wiederholt ihre verbalen, noch recht eingeschränkten Versuche, die Blicke der Mama auf sich zu ziehen. Nichts. Also entfernt das Kind die Quelle seines Unwohlseins mit eigenen, ihm zur Verfügung stehenden Mitteln, nämlich Zunge und Jackenärmel. Nun endlich blickt die Mama auf und ihrem Kind – fragend – ins Gesicht, das inzwischen sauber ist. Allerdings auf Kosten der Gesundheit des Kindes und des Magens der Mitfahrenden, die Zeugen des Säuberungsvorganges wurden.
Hier könnte eine Rotznasen-App Abhilfe schaffen. Mittels Fühler der Luftfeuchte in der Umgebung erkennt das mobile Gerät eine tropfende Nase und gibt Alarm. Mama kann also zeitnah reagieren. Theoretisch. Das Funktionieren setzt natürlich voraus, dass das Gerät ständig in Benutzung ist und möglichst auf Kopfhöhe des Kindes gehalten wird. Klappt in den oben drei beschriebenen Situationen gut. Für die Gewähr der Funktion auch im Stehen oder Laufen muss lediglich die Reichweite des Fühlers erweitert werden. In diesem Fall kann es allerdings vorkommen, dass das Gerät ständig Alarm gibt, weil auch der eine oder andere Mitpassant offenbar die Wohnung in Hast verlassen und seine Taschentücher vergessen hat. Dann schleicht sich schnell der Effekt wie beim Zicklein mit der Glocke ein: Dreimal hat es nur zum Spaß geklingelt und die Geiß eilte umsonst zu Hilfe. Doch beim vierten Mal, als es Ernst war und der böse Wolf das Geißlein bedrohte, bleib sie weg. Auch die Mama mit dem smartphone wird dann schnell beim Rotznasen-App-Alarm auf Durchzug schalten. Was bleibt, ist die altmodische Form des Aufpassens: Schau hin und achte auf dein Kind!

PS: In der Schilderung habe ich keinesfalls das Rollenklischee „Die Frau ist zuständig für die Kindererziehung.“ bedient oder auf das Gendern aus Faulheit verzichtet. Vielmehr sind mir in diesen Situationen tatsächlich nur Mütter begegnet, keine Väter. Das mag entweder daran liegen, dass nur Frauen so fixiert sind auf ihre mobilen Geräte oder daran, dass meist die Mütter Kinderarztbesuche und den Kita-Hol- und –Bringedienst erledigen. Damit wäre dann allerdings das obige Rollenklischee bewiesen. Aber das ist eine andere Sache.