Weihnachtsmusik im Sommer?

Ein Schweißtropfen läuft mir den Rücken runter. Konzentriert verfolge ich ihn in Gedanken und warte, bis er in der Poritze verschwindet. Meine Atmung halte ich ganz flach. Nur wenn es unbedingt sein muss, atme ich. Ich schwitze an Körperstellen, von denen ich nicht einmal ahnte, dass dort Schweißdrüsen sitzen: am Schienbein, auf den Augenlidern und auf dem Handrücken. Ich bin fasziniert und gleichzeitig furchtbar genervt. Seit Tagen herrschen 35 Grad Celsius. Es ist Sommer. Ich komme mit dem Trinken gar nicht so schnell hinterher, wie mein Körper Flüssigkeit ausdampft.

Aber im Nebenzimmer ertönt fröhlich und laut Rolf Zuckowskis „Weihnachtsbäckerei“ und ein seliges „Stern von Bethlehem“. Mein Kind hat in seiner nicht ganz so kleinen CD-Sammlung die Weihnachts-CD entdeckt und spielt sie nun täglich rauf und runter. Es hätte auch die CD von Findus und Petterson greifen können oder den Traumzauberbaum von Reinhard Lakomy oder meinetwegen die mit den traditionellen Kinderliedern. Nein, es musste die mit den Weihnachtsliedern sein.
Mir ist klar, dass mein Kind noch wenig bis keine Vorstellung von Zeit hat: Gestern und heute sind oft dasselbe, bald und gleich ist auch schwer auseinander zu halten. Aber dass Weihnachten im Winter gefeiert wird, wenn es kalt ist, ganz im Gegensatz zu den derzeitigen Temperaturen, müsste ihm doch klar sein, oder?

Vielleicht ist es das und ihm einfach nur wurscht. Die Musik klingt schön, egal, ob sie jahreszeitlich passt oder nicht. Nur wir Erwachsenen kämen nie auf die Idee, Weihnachtslieder im Sommer zu hören. Warum eigentlich? Der Text von der „Weihnachtsbäckerei“ ist lustig: Rezept weg, Hände VOR dem Teigkneten schmutzig („Du Schwein“) und die Plätzchen verbrannt. Da hat der Rolf richtig was drauf. Musik ist unabhängig vom Klima. Also lass ich mein Kind seine Weihnachtsmusik hören, erfreue mich an seinen Mit-Sing-Versuchen und verspreche dem Kindsvater, den CD-Player auf jeden Fall NICHT mit in den Sommerurlaub zu nehmen.