Wehret den Anfängen!

Im Anfang war das Wort! Das wissen wir aus der Bibel. Sehr weltliche Bedeutung bekommt dieser Satz, denke ich an folgende Begebenheit in der Tram: Rechts von mir sitzt eine unauffällige Frau mit einem Schäferhund. Plötzlich ein erschrockenes Lufteinziehen und Taschengeraschel links von mir. Der Hund beschnuppert die auf dem Boden stehende Tasche einer anderen Mitfahrerin, die das offenbar nicht mag. Irritiert zerrt die Hundebesitzerin an der Leine und schüttelt den Kopf. Ich blicke sie an und signalisiere durch das Verrollen der Augen meine Solidarität. Hundemamas müssen zusammenhalten. Zwei Stationen später steht die Hundefrau auf, um auszusteigen, aber nicht ohne vorher der Anderen wütend zuzurufen: „Auf Leute wie euch können wir hier gut verzichten.“ (An dieser Stelle sollte ich erwähnen, dass die Gemeinte eine Farbige war.) Ich glaube erst, mich verhört zu haben. Zu meiner Sicherheit wiederholt sie die Worte mit der erhellenden Erklärung: „Wir in Europa haben eine emotionale Beziehung zu unseren Haustieren. Wenn euch das nicht passt, geht doch zurück nach Afrika.“ Mein Mund klappt auf und ich bekomme Schnappatmung. Noch bevor ich das Gehörte in meinem Kopf sortieren kann, ist sie ausgestiegen und die Bahn fährt an. Wenn ich etwas hätte sagen wollen, ist der Moment vorbei. Hätte ich etwas sagen wollen? Wenn ja, was? Und wie schnell wäre mir eine gute Erwiderung eingefallen? Besser, ich wäre mit ausgestiegen und hätte sie auf der Straße in Ruhe mit ihr gesprochen. Dann aber hätte ich auf die nächste Tram 20 Minuten lang warten müssen. Hätte die Aktion was gebracht? Mir mit Sicherheit eine dumme Anmache, auf keinen Fall aber ein Umdenken bei der Frau. Warum also so viel Mühe? Ganz einfach: Damit diese Menschen sehen, dass rassistische Äußerungen und Hetzparolen nicht von allen Mitmenschen geteilt und/oder gebilligt werden, dass mit Gegenrede gerechnet werden muss. Solche Aussagen dürfen nicht unkommentiert stehen bleiben und eine  Plattform erhalten.
Ich bin nicht ausgestiegen. Was tat ich stattdessen? Schämte mich zwei Stationen lang fremd, war erschüttert, suchte nach Erklärungen, drehte mich zu der farbigen Frau um, um ihr genau das zusagen – und ich entschuldigte mich stellvertretend.
Jetzt frage mich, ob eine verpasste Tram tatsächlich mit sechs Millionen ermordeter Juden konkurrieren kann.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

I accept that my given data and my IP address is sent to a server in the USA only for the purpose of spam prevention through the Akismet program.More information on Akismet and GDPR.